Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke, aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit vergangen, – viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. „Ich muß dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,“ – dachte er, – „um jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich selbst zu ihm komme.“ – In diesem Augenblicke entstand in seinem bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, – Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es zu tun. – „Wir wollen sehen, wir wollen sehen,“ wiederholte er vor sich. –

Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen, sammelte sich aber sofort augenblicklich. „Vielleicht ist es die Lösung! Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht gehört! Hat er etwa gelauscht?“

„Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,“ rief Porphyri Petrowitsch lachend. „Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging nun vorbei und dachte mir, – warum soll ich nicht auf fünf Minuten hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.“

„Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,“ Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

„Nun, sprich, sprich doch,“ schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs herauszurufen. – „Nun, warum redest, warum redest du nicht?“

II.

„Nehmen wir einmal die Zigaretten!“ sagte endlich Porphyri Petrowitsch, nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, „sie sind schädlich, ganz und gar schädlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen Sie, ich bin ängstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, – er untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er mich sah, – dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter anderem, daß Tabak für mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert. Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich trinke nicht, das ist das ganze Unglück, he–he–he, es ist ein Unglück, daß ich nicht trinke! Alles ist doch wie man’s nimmt, Rodion Romanowitsch, wie man’s nimmt!“

„Was fängt er wieder mit seinem alten Kram an?“ dachte Raskolnikoff voll Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe Gefühl wie damals überflutete wie eine Welle sein Herz.