„Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, „ich war in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und dachte, – ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich nicht mal Ihrem Dienstmädchen gemeldet – und ging wieder fort. Sie schließen das Zimmer nicht ab?“
Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch schien seine Gedanken zu erraten. „Ich bin gekommen, lieber Rodion Romanowitsch, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche schuldig,“ fuhr er mit einem Lächeln fort und schlug ihm mit der Hand leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm vermutet. – „Eine merkwürdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, daß es vielleicht auch bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals ... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hören Sie, ich habe eine große Schuld Ihnen gegenüber, ich fühle es. Erinnern Sie sich, wie wir uns trennten, – bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie, auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anständig, nicht gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heißt in jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten. Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanständig.“
„Was ist mit ihm, für wen hält er mich denn?“ fragte sich Raskolnikoff verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam anblickte.
„Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es besser für uns ist, jetzt in aller Offenheit zu verhandeln,“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen Kopf ein wenig zurückwerfend und die Augen senkend, als wünsche er nicht mehr durch seinen Blick sein früheres Opfer zu verwirren, und als verschmähe er seine frühere Methode und seine Kniffe; – „ja, solche Verdächtigungen und solche Szenen dürfen nicht andauern. Uns hat damals Nikolai erlöst, sonst wüßte ich nicht, was alles zwischen uns passiert wäre. Dieser verfluchte Kleinbürger saß damals die ganze Zeit bei mir hinter der Scheidewand, – können Sie es sich vorstellen? Sie wissen es sicher schon; es ist mir bekannt, daß er später bei Ihnen gewesen ist; das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, – ich hatte nach keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen hatte? Ja, wie soll ich es sagen, – mich selbst hat dieses alles damals überfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu lassen, – Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie durch das Vorzimmer gingen. – Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie ein Blitz, – ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie überzeugt. Warte, dachte ich mir, – wenn ich auch vorläufig das eine versäume, so packe ich dafür das andere am Schwanz, – will jedenfalls das meinige nicht versäumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion Romanowitsch, sogar übermäßig reizbar bei allen anderen Grundzügen Ihres Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu haben. Selbstverständlich konnte ich mir auch damals schon sagen, daß es nicht oft der Fall sei, daß ein Mensch plötzlich aufsteht und sein ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem Menschen die letzte Geduld reißt, aber jedenfalls immerhin selten. Ja, das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich bloß ein Zipfelchen erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber ein derartiges, daß man es fassen kann, daß es ein Ding ist und nicht immer bloß diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet, Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals zu stark auf Sie selbst.“
„Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise,“ murmelte Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu überlegen. – „Worüber spricht er,“ verlor er sich in Mutmaßungen, „hält er mich tatsächlich für unschuldig?“
„Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklärungen zu geben, halte es für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis aufs haarkleinste erzählen, wie alles war, diese ganze Geschichte der damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, habe Sie stark leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so großes Scheusal. Ich begreife auch, was es für einen niedergedrückten, aber stolzen, eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heißt, dies alles ertragen zu müssen. Ich halte Sie in jedem Falle für einen edlen Menschen, mit großmütiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit allen Ihren Überzeugungen einverstanden bin und ich halte es für meine Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie nicht betrügen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fühlte ich eine Neigung zu Ihnen. Sie werden wohl über meine Worte lachen? Und Sie haben ein Recht dazu. Ich weiß, daß Sie mich auf den ersten Blick schon nicht leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man mich gern haben könnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich wünsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu verwischen und Ihnen zu beweisen, daß auch ich ein Mensch mit einem Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.“
Porphyri Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikoff fühlte den Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, daß Porphyri Petrowitsch ihn für unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.
„Ich denke, es ist unnötig und überflüssig, alles der Reihenfolge nach zu erzählen, wie es damals begonnen hatte,“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort. „Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn, wie soll man es genau erklären? Im Anfange tauchten Gerüchte auf. Darüber, was es für Gerüchte waren, und von wem sie stammten, und wann ... und aus welchem Anlaß eigentlich Sie hineingezogen wurden, – ist auch, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Bei mir persönlich fing es mit einer Zufälligkeit, mit einer völlig unvorgesehenen Zufälligkeit an, die ebenso gut sein wie nicht sein konnte, – was es aber war? Hm, ich denke, dies ist auch nicht zu erwähnen. Dies alles, wie die Gerüchte, so auch die Zufälligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken zusammen. Ich muß offen gestehen, denn, wenn man schon einmal eingesteht, soll es auch alles sein, – ich war der erste, der auf Sie damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise kann man hundert solche Dinge aufzählen. Ich hatte auch damals die Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten zu erfahren, ebenfalls zufällig und nicht sozusagen im Vorbeigehen, sondern von einem besonders zuverlässigen Erzähler, der ohne es selbst zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefaßt hatte. So reihte sich alles eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert Verdachtsgründen kommt nie ein Beweis heraus, – so lautet ein englisches Sprichwort, aber da rechnet man bloß mit dem Intellekte, man soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, über die ich mit Ihnen – erinnern Sie sich – bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Daß Sie kühn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles durchgedacht haben, das alles wußte ich längst. Alle diese Empfindungen kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes gelesen. In schlaflosen Nächten und in Aufregungen mit wogendem und klopfendem Herzen, mit unterdrücktem Enthusiasmus ist diese Arbeit entstanden. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus in jungen Jahren ist gefährlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt sagen, daß ich überhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche mit der Feder über alles das gewissermaßen als Amateur liebe. Ein Rauch, ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz, eine Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das ist seine Stärke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ... als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, ‚nun, mit diesem Menschen geht es nicht so weiter!‘ Nun, sagen Sie mir jetzt, wie sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden nicht hinreißen lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt? Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals bloß gemerkt. Was ist denn alles dabei, – dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts, und vielleicht im höchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz und garnicht für mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreißen zu lassen, – ich habe doch Nikolai in den Händen, und mit Beweisen, – es ist gleichgiltig, wie man darüber denkt, Beweise sind es in jedem Fall. Und er hat auch seine Psychologie; ich muß mich mit ihm beschäftigen, denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erkläre ich Ihnen jetzt dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen wegen meines damaligen bösen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war nicht böse gemeint, ich sage es aufrichtig, he–he–he! Meinen Sie etwa, daß ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen hätte? Ich habe es getan, habe es getan, he–he–he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persönlich, aber in jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, – aber umsonst. Da dachte ich, – jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt kommen. Ein anderer würde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenüber zu versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum haben wir absichtlich auch das Gerücht verbreitet, damit er sich Ihnen gegenüber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine Entrüstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn und Ihre offene Kühnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant plötzlich herausplatzen, – ‚ich habe ermordet!‘ Es ist zu kühn, es ist zu frech und wenn er schuldig ist, – dachte ich, – so ist er ein furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete auf Sie! Wartete mit größter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, daß diese ganze Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott schickt Sie selbst, – Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun, warum mußten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie hereinkamen, – erinnern Sie sich – ich erriet sofort alles, als sähe ich durch ein Glas; hätte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art nicht gewartet, würde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben. Sehen Sie, was es heißt, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin damals, – ach! und der Stein, der Stein, – erinnern Sie sich – der Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als sähe ich ihn irgendwo in einem Gemüsegarten. – Sie hatten doch Sametoff schon davon erzählt und erwähnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen, als Sie sich näher darüber ausließen, – da faßte ich jedes Ihrer Worte doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur Besinnung. Nein, – sagte ich mir – was ist mit dir? Wenn man will, – sagte ich mir – kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere Weise erklären, und es wird immer noch natürlicher erscheinen. Es war eine Qual! Nein, – dachte ich, – wenn ich doch nur ein Zipfelchen erwischen könnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hörte, erstarrte ich, ein Frösteln packte mich. – Jetzt ist das Zipfelchen da! dachte ich. Ich habe es! Da überlegte ich nicht mehr, wollte es einfach nicht mehr tun. Tausend Rubel hätte ich in diesem Augenblicke aus meiner eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben, – wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbürger hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht ‚Mörder!‘ gesagt hatte, und Sie nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu fragen! ... Nun, und dieses Gefühl von Kälte im Rückenmark? War dieses Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewußten Fieberwahne? Und da müssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht wundern, daß ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als hätte Sie jemand gestoßen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht auseinander gebracht hätte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals? Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernünftig manche Punkte zu beantworten, so daß ich selbst verwundert war, auch dann glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heißt, felsenfest überzeugt zu sein. Nein – dachte ich – daran ist nichts zu machen! Nikolai ändert daran garnichts!“
„Mir erzählte soeben Rasumichin, daß Sie auch jetzt Nikolai beschuldigen, und daß Sie Rasumichin selbst davon überzeugt hätten ...“
Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hörte mit unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. – Er fürchtete daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.