„Herr Rasumichin!“ rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut über die Frage Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. – „He–he–he! Ja, Herrn Rasumichin mußte man auch abschieben, – zu zweit ist es ein Vergnügen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem Spiele bleiben, und ist außerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz blaß gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, – so sollen Sie wissen, was das für ein Subjekt ist, das heißt, wie ich ihn auffasse. Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine ängstliche Natur, sondern er ist eine Art Künstler. Sie sollen sich nicht darüber lustig machen, daß ich ihn so darstelle. Er ist ein unschuldiger, reiner und für alles empfänglicher Mensch. Hat ein Herz, ist ein Phantast. Man sagt, daß er singen und tanzen kann und Märchen so zu erzählen versteht, daß Leute aus anderen Orten sich versammeln, um ihn zu hören. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewußtlos betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen, weiß es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht – ‚ist es doch kein Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?‘ Wissen Sie aber, daß er zu den Altgläubigen gehört, nein, eigentlich ist er kein Altgläubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehörten einige der Sekte ‚Bewegung‘ an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre auf dem Lande bei einem gottesfürchtigen Greis gelebt, um sich in den Grundsätzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler werden! Er hatte die feste Absicht, betete nächtelang zu Gott, las in den alten ‚echten, wahren‘[12] Büchern und hat vor lauter Lesen den Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er ist empfänglich, hat den gottesfürchtigen Greis und alles vergessen. Ich habe erfahren, daß ihn hier ein Künstler lieb gewonnen hat, er ging zu ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam Angst, – und wollte sich erhängen! Wollte davonlaufen! Was soll man da tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort ‚vors Gericht gestellt zu werden‘. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform wirken wird. Ach, möge es Gott bald geben! Nun, also, – im Gefängnisse erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfürchtigen Greises; auch die Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei manchen von diesen Leuten bedeutet, ‚das Leiden auf sich zu nehmen‘? Das bedeutet nicht etwa, für jemand anderen zu leiden, sondern einfach man soll ‚Leiden auf sich nehmen‘ und besonders gilt das, wenn die Behörden im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch saß im Gefängnisse ein ganzes Jahr ein äußerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nächtelang auf dem Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen Sie, verlor ihn ganz und gar, so daß er eines schönen Tages ohne jede Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, – absichtlich schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten bloß keinen Schaden anzufügen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen Vorgesetzten leistet, – und da hatte er also ‚das Leiden auf sich genommen‘! Ich habe nun den Verdacht, daß Nikolai auch ‚das Leiden auf sich nehmen‘ oder etwas derartiges tun will. Das weiß ich sicher, aus Tatsachen. Er weiß bloß selbst nicht, daß ich es weiß. Was – geben Sie es etwa nicht zu, daß aus solch einem Volke phantastische Menschen hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfürchtige Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. Übrigens aber, er wird mir selbst alles erzählen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er wird es bis zu Ende aushalten können? Warten Sie nur, er wird seine Aussage noch zurücknehmen! Ich warte stündlich, daß er kommen wird, um seine Aussage zurückzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und will ihn genau ergründen. Und können Sie sich denken! He–he–he! Manche Punkte hat er mir ziemlich vernünftig beantwortet, hat offenbar die nötigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei anderen Punkten blamierte er sich mordsmäßig, wußte rein gar nichts, hatte keine Ahnung, und weiß selbst nicht mal, daß er nichts ahnt! Nein, Väterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrübt hat – wo die Phrase zitiert wird, daß Blutvergießen ‚erfrischt‘, wo von einem Leben in Komfort gepredigt wird. Hier – sind Ideen aus Büchern, hier spricht ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, – er hat sich dazu entschlossen, wie man sich entschließt, von einem Felsen oder von einem Turme sich herabzustürzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie auf eigenen Füßen geschritten. Er hatte vergessen, die Türe hinter sich zu schließen und hat getötet, zwei Menschen getötet, nach der Theorie. Er hat getötet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es genügte ihm nicht, daß er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tür stand und an der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde, – nein, er geht noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewußtem Zustande, um sich dieses Läuten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder, diese Kälte im Rücken zu spüren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande geschehen, aber noch eins, – er hat ermordet, hält sich aber für einen ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel herum, – nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!“
Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben des früher Angenommenen so ähnlich war, zu unerwartet gekommen. Raskolnikoff erzitterte am ganzen Körper, wie vom Blitze getroffen.
„Wer hat sie denn ... getötet ...“ fragte er mit erstickender Stimme, ohne doch die Frage zurückhalten zu können. Porphyri Petrowitsch warf sich gegen die Stuhllehne zurück, wie aufs äußerste überrascht und erstaunt über diese Frage.
„Wie, wer sie getötet hat? ...“ wiederholte er, als traue er seinen Ohren nicht. – „Ja, Sie haben getötet, Rodion Romanowitsch! Sie haben getötet ...“ fügte er fast im Flüstertone, aber bestimmt hinzu.
Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen. Über sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken.
„Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals,“ murmelte scheinbar voll Teilnahme Porphyri Petrowitsch. – „Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich nicht richtig verstanden,“ fügte er nach einigem Schweigen hinzu, „darum sind Sie auch so überrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.“
„Ich habe nicht getötet,“ flüsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.
„Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,“ flüsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.
Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwürdig lange, etwa zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gestützt und fuhr schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch saß still und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch verächtlich an.
„Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre alte Taktik, – wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?“