„Was habe ich denn noch viel vor?“
„Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel? Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja, und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...“
„Eine Ermäßigung wird sein ...“ lachte Raskolnikoff.
„Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich, daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, – denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.“
„Ach, ich pfeife darauf!“ flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.
„Da haben wir es – ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren, und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann, die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken, – wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, – grübeln Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen, dem Leben hin; seien Sie sicher, – es bringt Sie an das Ufer und stellt Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben! Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich weiß, daß Sie nicht glauben, aber – bei Gott – das Leben wird Ihnen zu weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!“
Raskolnikoff zuckte zusammen.
„Ja, wer sind Sie denn?“ rief er aus. – „Sind Sie etwa ein Prophet? Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge Prophezeiungen vorzuorakeln?“
„Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß, aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber – mit Ihnen steht es anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun, was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, – daß ich solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch tatsächlich heran, he–he–he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch, meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals, – ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, – ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können Sie, glaube ich, selbst beurteilen!“
„Wann denken Sie mich zu verhaften?“