„Du bist wirklich kein Christ!“ rufen einige Stimmen aus der Menge.
Der arme Knabe aber ist außer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die Menge, läuft auf das Pferd zu, umarmt den blutüberströmten toten Kopf und küßt ihn; er küßt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und stürzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fäustchen auf Mikolka. In diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und trägt ihn fort.
„Gehen wir! Gehen wir!“ sagt der Vater zu ihm. „Gehen wir nach Hause!“
„Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ... erschlagen!“ schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie Schmerzensschreie aus seiner gepreßten Brust.
„Sie sind betrunken ... versündigen sich, uns geht es nichts an ... gehen wir!“ sagt der Vater. Er aber umfaßt den Vater mit beiden Händen, es schnürt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und – er erwacht. Er erwachte ganz mit Schweiß bedeckt, mit feuchten Haaren, schwer atmend, und erhob sich zitternd.
„Gottlob, es war nur ein Traum!“ sagte er, setzte sich unter den Baum und seufzte tief auf. „Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, – so ein gräßlicher Traum!“
Sein ganzer Körper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es dunkel und trübe. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich mit beiden Händen den Kopf.
„Mein Gott,“ rief er aus. „Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern ... in klebrig warmem Blute tasten, das Schloß aufbrechen, stehlen und zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ... Oh, Gott, werde ich es denn tun?“
Es durchschauerte ihn am ganzen Körper, als er das aussprach. „Ja, was ist denn mit mir?“ fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen. „Ich weiß doch, daß ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn bis jetzt gequält? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ... Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, daß ich es nicht zu tun vermöge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe hinunterging, daß es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim bloßen Gedanken übel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder ... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das, was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu entschließen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist denn mit mir immer noch, was denn?“
Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, daß er hierher gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brücke. Er war bleich, die Augen brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, plötzlich aber konnte er leichter atmen. Er fühlte, daß er diese furchtbare Last, die ihn solange bedrückt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde es mit einem Male leicht und frei.