„Oh Gott!“ flehte er. „Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von diesem verfluchten Trugbild!“ Als er über die Brücke ging, blickte er still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne. Trotz seiner Schwäche empfand er keine Müdigkeit. Es war, als sei das Geschwür an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, plötzlich aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung, von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!

Später, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen Tagen, Minute für Minute, Punkt für Punkt, Strich für Strich vorgegangen war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen, der im Grunde genommen nicht besonders ungewöhnlich war, der ihm aber später wie die Fügung seines Schicksals erschien. Und zwar, – er konnte es gar nicht verstehen und erklären, warum er, ermüdet und abgespannt, statt auf dem kürzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen, plötzlich über den Heumarkt, den zu durchqueren für ihn ganz überflüssig war, nach Hause zurückkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch ein augenscheinlich und eben völlig überflüssiger. Gewiß, er war Dutzende von Malen nach Hause zurückgekehrt, ohne sich der Straßen zu erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer, warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig so eine höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte – über den zu gehen er gar keine Veranlassung hatte – gerade zu der Stunde, in dem Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter solchen Umständen, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste und endgültigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausüben mußte? Als hätte es auf ihn hier absichtlich gelauert! – Es war gegen neun Uhr, als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer an den Tischen, in den Läden und Buden schlossen ihre Geschäfte oder kramten ihre Waren zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Käufer, auf dem Wege nach Hause. Bei den Garküchen, in den Kellern, in den schmutzigen und stinkenden Höfen der Häuser am Heumarkte, besonders aber bei den Schenken drängte sich eine Menge allerhand Händler und verlumpter Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmütige Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein Kleinbürger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, – Zwirn, Bändern, Kattuntüchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim Aufbruch, wurden aber durch ein Gespräch mit einer Bekannten aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jüngere Schwester derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu versetzen und seine Probe zu machen ... Er wußte längst alles über diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mädchen, fast eine Idiotin, fünfunddreißig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die Dienstmagd war, für sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und sogar von ihr Schläge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bündel vor dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die redeten mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet erblickte, überkam ihn eine eigentümliche Empfindung, die einer sehr starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts Verwunderliches an sich hatte.

„Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna,“ sagte der Händler laut. „Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch herkommen.“

„Mor–gen?“ sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich nicht entschließen könne.

„Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt!“ sagte die Frau des Händlers, ein flinkes Weib. „Sie sind ganz wie ein Kind. Und dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und hat doch solch eine große Macht über Sie!“

„Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzählen,“ unterbrach der Mann, „ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es ist ein vorteilhaftes Geschäft. Ihre Schwester wird es später selbst einsehen.“

„Soll ich kommen?“

„Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann können Sie selbst entscheiden.“

„Wir stellen den Samowar auf und machen Tee,“ fügte die Frau hinzu.

„Gut, ich will kommen,“ antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken versunken, und ging langsam weiter.