Raskolnikoff war schon vorüber und hörte nichts mehr. Er war langsam gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gespräche zu verlieren. Seine Verwunderung verwandelte sich allmählich in Schrecken, als wäre ihm etwas Kaltes über den Rücken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen unerwartet hatte er erfahren, daß morgen abend punkt sieben Uhr Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht zu Hause sein werde, und daß also die Alte Punkt sieben Uhr ganz allein zu Hause war.

Bis zu seiner Wohnung waren es bloß einige Schritte. Er ging, wie ein zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts denken, aber mit seinem ganzen Wesen fühlte er plötzlich, daß er weder die Freiheit der Erwägung noch einen Willen besitze, und daß alles mit einem Male endgültig entschieden sei.

Es war sicher, daß er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen günstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink für den Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urplötzlich bot. In jedem Falle würde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliches Ausfragen und Untersuchen, zu erfahren, daß am anderen Tage um die und die Stunde die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause sein werde.

VI.

Später erfuhr Raskolnikoff ganz zufällig, warum der Händler und dessen Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein alltägliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste, verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und ähnliches verkaufen. Da es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der Hand eine Händlerin; Lisaweta nun befaßte sich mit dergleichen, – sie übernahm Aufträge, besorgte allerhand Gänge und hatte eine recht ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den äußersten Preis bot, – und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie redete überhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschüchtert ...

Raskolnikoff war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Und Spuren dieses Aberglaubens blieben in ihm noch für lange hinaus untilgbar haften. Und er war später stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fügung, wie die Existenz besonderer Einflüsse und Zufälle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff beiläufig im Gespräche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna, mitgeteilt, für den Fall, daß er einmal etwas versetzen möchte. Er ging lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaßen durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, – eine alte silberne Uhr von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt hatte. Er beschloß den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Näheres zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von ihr zwei „Scheinchen“ und ging auf dem Rückwege in ein schlechtes Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke löste sich in seinem Kopfe aus, wie ein Küchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.

An einem anderen Tische, fast neben ihm, saß ein Student, den er nicht kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hörte Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzählte und ihm ihre Wohnung nannte. Das berührte Raskolnikoff seltsam, – er kommt soeben von dort und hier unterhält man sich von ihr. Gewiß, es ist ein Zufall, aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem äußerst ungewöhnlichen Gefühl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein, – der Student erzählte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona Iwanowna. „Sie ist ausgezeichnet,“ sagte er, „man kann bei ihr stets Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fünftausend geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein Scheusal ...“

Und er erzählte, wie böse und launisch sie sei, und daß das Pfand verfallen sei, wenn man den Termin bloß um einen Tag versäume. Sie gibt den vierten Teil des Wertes, nimmt fünf und sogar sieben Prozent pro Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte unter anderem auch mit, daß die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage und in völliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem Lisaweta mindestens dreimal größer und stärker sei ...

„Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts!“ rief der Student aus und lachte laut.

Er fing an von Lisaweta zu erzählen; erzählte mit augenscheinlichem Genuß und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um seine Wäsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von der Unterhaltung und erfuhr somit alles, – Lisaweta war die jüngere Stiefschwester der Alten – von anderer Mutter – und war schon fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht für die Schwester, ersetzte die Köchin und Wäscherin, nähte außerdem um Lohn, ging außerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne die Erlaubnis der Alten zu übernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld, sondern nur die bewegliche Habe, wie Stühle und ähnliches vermacht; das ganze Geld war für ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbürgerin, nicht aus dem Beamtenstande, unverheiratet, ungewöhnlich plump gebaut, übergroß, mit breiten Füßen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war, daß Lisaweta alljährlich schwanger war ...