„Dies alles ist Unsinn,“ sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch anfeuchtete und es an den Kopf hielt, – „ich kann Sie aber mit einem einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen. Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?“

„Sie haben es mir schon erzählt!“

„Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu einem Besuche dort mitnehmen, – denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach, zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, – wohin wollen Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?“

„Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.“

„Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei der ich jetzt wohne, – ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter ... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte arrangiert hat; du langweilst dich, – sagte sie, – zerstreue dich ein wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich sei fröhlich? Nein, ich bin finster, – ich füge niemandem Schaden zu, sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei folgendes im Sinn, – mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie sagte mir, – es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben für zwei kleine Neffen zu sorgen – da sie an ihren eigenen Sorgen nicht genug hatten, – und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, – Gutsbesitzer, Witwer, aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, – nun, was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich, macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete, flammte wie die Morgenröte auf – man hat ihr selbstverständlich alles mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen, aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit – besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen – mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt, erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man la nature et la vérité[19] nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal unterhalten, – das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich so verstohlen an, – daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, – einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen Toilettenkasten für Damen – von dieser Größe, mit allerhand Dingen darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu ungeniert getan, – sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein zurück, plötzlich fiel sie mir – zum ersten Male von selbst – um den Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie bloß meine Achtung allein zu besitzen und weiter, – sagte sie ‚brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.‘ Geben Sie selbst zu, daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen Tränen in den Augen anzuhören, – ziemlich verlockend ist? Nicht wahr, es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!“

„Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie tatsächlich heiraten?“

„Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht, sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter Mensch. He! he! he!“

„Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich begreife jetzt alles.“

„Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,“ lachte Sswidrigailoff. – „In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist. Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum, nun – nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, – bei Marfa Petrowna auf dem Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet zu einem sogenannten Tanzabend, – in einer entsetzlichen Kloake – ich liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, – und selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und – ich habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein kankanierendes Publikum sein, – schreien, – ‚Geschieht mit Recht! Man soll keine Kinder hierherbringen!‘ Nun, ich pfiff darauf und mich ging es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. – Wollen Sie mit mir zu ihnen hinfahren? – Aber nicht gleich.“

„Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!“