„Jetzt sind wir schon um die Ecke,“ unterbrach ihn Dunja, „jetzt kann mein Bruder uns nicht sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich mit Ihnen nicht weiter gehen werde. Sagen Sie mir alles gleich hier; man kann das alles auch auf der Straße sagen.“
„Erstens kann man dies auf keinen Fall auf der Straße sagen; zweitens, müssen Sie auch Ssofja Ssemenowna anhören; drittens, will ich Ihnen einige Dokumente zeigen ... Nun und schließlich, wenn Sie nicht einverstanden sind, zu mir zu kommen, so weigere ich mich, irgend welche Erklärungen zu geben und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß das sehr interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders sich vollkommen in meinen Händen befindet.“
Dunja blieb unentschlossen stehen und sah Sswidrigailoff mit einem durchbohrenden Blicke an.
„Was fürchten Sie,“ bemerkte er ruhig, „eine Stadt ist kein Dorf. Und im Dorfe schon haben Sie mir mehr Schaden, als ich Ihnen, zugefügt, hier aber ...“
„Ist Ssofja Ssemenowna benachrichtigt?“
„Nein, ich habe ihr kein Wort darüber gesagt und bin auch nicht ganz sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Sie ist aber wahrscheinlich zu Hause. Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt, – das ist kein Tag, an dem man Besuche macht. Vorläufig will ich mit niemanden über diese Sache reden und bereue sogar teilweise, daß ich Ihnen davon mitgeteilt habe. Die geringste Unvorsichtigkeit ist in diesem Falle einer Denunzierung gleich. Ich wohne hier in diesem Hause da, wir nähern uns schon meiner Wohnung. Das ist der Hausknecht von unserem Hause; der Hausknecht kennt mich sehr gut; da grüßt er auch; er sieht, daß ich mit einer Dame komme und hat sicher sich schon Ihr Gesicht gemerkt, das aber kann Ihnen von Nutzen sein, falls Sie sich sehr fürchten und mir mißtrauen. Entschuldigen Sie, daß ich so derb rede. Ich habe mir ein paar möblierte Zimmer gemietet. Ssofja Ssemenowna wohnt Wand an Wand neben mir, auch in einem möblierten Zimmer. Der ganze Stock ist bewohnt. Warum sollen Sie sich denn fürchten, wie ein Kind? Oder bin ich so furchterregend?“
Sswidrigailoffs Gesicht verzog sich zu einem herablassenden Lächeln, aber es war ihm nicht lächerlich zumute. Sein Herz klopfte und der Atem stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich lauter, um seine steigende Erregung zu verbergen, Dunja hatte gar nicht diese besondere Erregung bemerkt; sie war zu sehr durch seine Bemerkung gereizt, daß sie ihn fürchte wie ein Kind und daß er ihr so furchtbar sei.
„Obwohl ich weiß, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, fürchte ich mich doch gar nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran,“ sagte sie scheinbar ruhig, aber mit bleichem Gesichte.
Sswidrigailoff blieb an Ssonjas Wohnung stehen.
„Erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob sie zu Hause ist ... Sie ist nicht da. Das ist ein Mißgeschick. Aber ich weiß, daß sie sehr bald zurückkehren wird. Wenn sie ausgegangen ist, so ist sie höchstens zu einer Dame wegen der Waisen. Ihre Mutter ist gestorben. Ich habe mich hier hineingemischt und Anordnungen getroffen. Wenn Ssofja Ssemenowna nach zehn Minuten nicht zurückkehren sollte, so schicke ich sie selbst zu Ihnen hin, wenn Sie wünschen, noch heute; und nun, das ist meine Wohnung. Das sind meine zwei Zimmer. Hinter der Türe wohnt meine Wirtin, Frau Rößlich. Jetzt blicken Sie bitte hierher, ich will Ihnen meine Hauptdokumente zeigen, – aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür in zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Das sind sie ... dieses müssen Sie etwas aufmerksam betrachten ...“