Sswidrigailoff bewohnte zwei möblierte ziemlich geräumige Zimmer. Dunetschka sah mißtrauisch um sich, aber bemerkte nichts besonderes, weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, obgleich man schon etwas bemerken konnte, zum Beispiel, daß Sswidrigailoffs Wohnung zwischen zwei anderen fast unbewohnten Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Sswidrigailoff Dunetschka, nachdem er eine verschlossene Türe geöffnet hatte, eine andere leere Wohnung, die zu vermieten war. Dunetschka blieb auf der Schwelle stehen, ohne zu verstehen, warum man sie aufforderte, das anzusehen, aber Sswidrigailoff beeilte sich, eine Erklärung abzugeben.
„Sehen Sie dieses zweite große Zimmer. Merken Sie sich diese Türe, sie ist verschlossen. Neben der Türe steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in beiden Zimmern. Ich habe ihn aus meiner Wohnung hierher gebracht, um bequemer zuzuhören. Gleich hinter dieser Tür steht der Tisch von Ssofja Ssemenowna; dort saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber lauschte hier, auf dem Stuhl sitzend, zwei Abende nacheinander und beide Male gegen zwei Stunden, – und selbstverständlich konnte ich einiges erfahren, was meinen Sie?“
„Sie haben gelauscht?“
„Ja, ich habe gelauscht, jetzt wollen wir zu mir gehen; hier kann ich Ihnen keinen Platz anbieten.“
Er führte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zurück, das ihm als Salon diente, und bat sie, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans andere Ende des Tisches hin, wenigstens zwei Meter von ihr entfernt, doch in seinen Augen leuchtete schon dasselbe Feuer, das einst Dunetschka so erschreckt hatte. Sie zuckte zusammen und blickte sich noch einmal mißtrauisch um. Ihre Bewegung war unwillkürlich; sie wollte offenbar ihr Mißtrauen nicht zeigen. Aber die Lage von Sswidrigailoffs Wohnung hatte sie schließlich überrascht. Sie wollte ihn fragen, ob wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, aber sie frug ... aus Stolz nicht. Außerdem war in ihrem Herzen ein anderer unermeßlich größerer Kummer, als die Angst für sich. Sie litt unerträglich.
„Hier haben Sie Ihren Brief,“ begann sie und legte den Brief auf den Tisch. – „Ist es denn möglich, was Sie schreiben? Sie deuten ein Verbrechen an, das angeblich mein Bruder verübt hat. Sie deuten es zu klar an, Sie dürfen jetzt keine Ausreden gebrauchen. Sie sollen auch wissen, daß ich vor Ihnen schon von diesem dummen Märchen gehört habe, und keinem einzigen Worte davon glaube. Es ist ein niederträchtiger und lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte, und wie und warum sie entstanden ist. Sie können keine Beweise haben. Sie haben versprochen, es mir zu beweisen, – reden Sie doch! Aber Sie sollen im voraus wissen, daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube nicht!“
Dunetschka sagte dies sehr schnell, und auf einen Augenblick stieg ihr das Blut ins Gesicht.
„Wenn Sie nicht glauben würden, könnte es denn passiert sein, daß Sie es riskiert hätten, allein zu mir herzukommen? Warum sind Sie denn gekommen? Aus bloßer Neugier?“
„Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!“
„Es ist nicht zu leugnen, daß Sie ein tapferes Mädchen sind. Bei Gott, ich dachte, daß Sie Herrn Rasumichin bitten werden, Sie hierher zu begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nähe, ich habe mich umgesehen, – das ist kühn; Sie wollten also Rodion Romanowitsch schonen. Ach, alles ist an Ihnen göttlich ... Was Ihren Bruder anbetrifft, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn soeben selbst gesehen. Wie er aussieht?“