VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen Gassenhauer sang, von einem „Schuft und Tyrannen,“ der

„Fing Katja an zu küssen“.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, – die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden. Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am wahrscheinlichsten war die Sache so – einer von ihnen hatte etwas gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere. Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln, aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.

„Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,“ sagte Sswidrigailoff, „und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen, bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir nicht zu erzählen,“ – (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) – „Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen, im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt. Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben, wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.“

„Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen und die Verstorbene,“ stammelte Ssonja, „wenn ich Ihnen bis jetzt so wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...“

„Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.“

„Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen, halten Sie es nicht für Undank, – wenn Sie schon gütig sind, so soll dieses Geld ...“