„Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, – entweder eine Kugel durch den Kopf oder Sibirien.“ – (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) – „Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer; werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm vorschlugen, – er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird, werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen, verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer, Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir fragen sollte, – und man wird sich an Sie wenden, – so erwähnen Sie nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe. Und jetzt auf Wiedersehen.“ – Er stand auf. – „Grüßen Sie Rodion Romanowitsch. Nebenbei gesagt, – übergeben Sie vorläufig das Geld meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig verstecken Sie es gut.“ Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an. Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

„... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?“

„Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, – Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, – mit diesen Worten sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.“

Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer unklaren und drückenden Ahnung zurück.

Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst nicht mächtig sei, – von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren wollte, wie z. B., – wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von „ach“ und „wie,“ das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut, streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte. Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber, nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen, über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke in der Richtung nach dem –schen Stadtteil. Es hatte zu regnen aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt, stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit „Adrianopel“ zu tun. Er hatte sich nicht getäuscht, – dieses Gasthaus in dieser abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes, schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der Treppe lag. „Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.“ Der Kerl blickte ihn fragend an.

„Gibt es Tee?“ fragte Sswidrigailoff.

„Kann besorgt werden.“

„Was gibt es noch?“