„Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.“
„Bring mir Kalbfleisch und Tee.“
„Sonst keine Wünsche?“ fragte der Kerl erstaunt.
„Nichts mehr.“
Der Kerl verschwand, ganz verwundert.
„Das muß ein guter Ort sein,“ dachte Sswidrigailoff, „wie kam mir das nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles absteigt und übernachtet.“
Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte, das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, – jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.
Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich, – „es wäre diesmal doch besser, gesund zu sein,“ dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach Leder. Er lag und träumte, – ein Gedanke löste den anderen ab. Es schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben. „Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,“ – dachte er, – „Bäume rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl hervor!“ Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt stand.
„Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,“ dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. „Jetzt müßte mir doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein, jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle ... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht nicht aus?“ Und er löschte das Licht. „Meine Nachbarn haben sich auch schlafen gelegt,“ dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze sah. – „Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen, – es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick. Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...“
Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. „Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein wird, jetzt aber hat er noch ein zu großes Verlangen zu leben. In diesem Punkte sind alle diese Leute – Feiglinge. Nun, mag ihn der Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.“