Er trat an den Tisch, nahm ein dickes verstaubtes Buch, öffnete es und nahm ein kleines Aquarellbild auf Elfenbein heraus. Es war das Bild der Tochter seiner Wirtin, seiner früheren Braut, die am Fieber gestorben war, desselben merkwürdigen jungen Mädchens, das in ein Kloster gehen wollte. Eine Weile blickte er dieses ausdrucksvolle und krankhafte Gesicht an, küßte das Bild und überreichte es Dunetschka.
„Mit ihr habe ich viel darüber gesprochen, mit ihr allein,“ sagte er sinnend, „ihrem Herzen habe ich vieles davon mitgeteilt, was nachher sich in so häßlicher Weise erfüllt hatte. Sei ruhig,“ wandte er sich an Dunetschka, „sie war mit mir nicht einverstanden, so wenig wie du, und ich bin froh, daß sie nicht mehr lebt. Die Hauptsache, die Hauptsache ist, daß alles jetzt neu anhebt, daß alles entzwei brechen wird,“ rief er plötzlich aus, wieder in seinen Gram zurückfallend, „alles, alles, bin ich aber dazu vorbereitet? Will ich es auch selbst? Man sagt, es sei nötig zu meiner Prüfung! Wozu, wozu alle diese unsinnigen Prüfungen? Wozu sind sie, werde ich etwa dann erdrückt von Qual und Stumpfheit in greisenhafter Schwäche nach zwanzigjähriger Zwangsarbeit es besser empfinden, als ich es jetzt tue, und wozu soll ich dann noch leben? Warum gehe ich jetzt darauf ein, so zu leben? Oh, ich wußte, daß ich ein Schuft bin, als ich heute bei Tagesanbruch an der Newa stand!“
Beide gingen schließlich hinaus. Es war Dunja schwül, aber sie liebte ihn! Sie ging von ihm, aber als sie etwa fünfzig Schritte gegangen war, wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzuschauen. Man konnte ihn noch sehen. Als er an die Ecke kam, wandte er sich ebenfalls um; zum letzten Male trafen sich ihre Blicke; als er aber bemerkte, daß sie ihm nachblickte, winkte er ihr ungeduldig und ärgerlich mit der Hand, daß sie weitergehen solle, und bog selbst schnell um die Ecke.
„Ich bin böse, ich merke es,“ dachte er und schämte sich seiner ärgerlichen Handbewegung. – „Aber warum lieben sie mich so, wenn ich ihrer Liebe nicht wert bin! Oh, wäre ich allein und hätte mich niemand lieb, und hätte ich selbst niemals jemand geliebt! Alles dieses wäre nicht gewesen! Ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, ob nach diesen kommenden fünfzehn, zwanzig Jahren meine Seele so gedemütigt sein wird, daß ich voll Ehrfurcht vor Menschen ächzen und klagen und mich bei jedem Worte Räuber nennen werde? Ja, es wird so kommen, wird kommen! Darum schicken sie mich auch jetzt nach Sibirien, sie wollen es haben ... Da laufen sie nun alle in den Straßen herum, und jeder unter ihnen ist schon seiner Natur nach ein Schuft und Räuber; schlimmer noch – ein Idiot! Sollte man aber mich mit Sibirien verschonen, so würden sie alle vor edler Empörung überschäumen! Oh, wie ich sie alle hasse!“
Er sann darüber nach, – „auf welche Weise es kommen müsse, damit er zuletzt, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten, demütiger würde! Warum denn auch nicht? Sicher wird es so werden. Werden ihn die zwanzig Jahre ununterbrochener Unterdrückung nicht endgültig brechen? Steter Tropfen höhlt den Stein. Und warum, wozu nach alledem noch leben, wozu gehe ich jetzt hin, wenn ich selbst weiß, daß alles genau so kommen wird, und nicht anders?“
Er legte sich diese Frage vielleicht schon zum hundertsten Male seit gestern Abend vor, aber dennoch ging er hin.
VIII.
Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dämmern. Ssonja hatte den ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja zusammen. Dunja war am frühen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der Worte von Sswidrigailoff erinnerte, daß Ssonja „darüber alles weiß“. – Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen, ihrer Tränen und dessen, wie weit sie einander näher gekommen waren, nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den Trost gefunden, daß ihr Bruder nicht allein sein werde – zu ihr, zu Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie würde ihm auch überall folgen, wohin das Schicksal ihn führen sollte. Sie fragte auch nicht, aber sie wußte, daß es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich für unwürdig, Dunja nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem für immer in ihrer Seele eingegraben, als einer der schönsten und höchsten Augenblicke in ihrem Leben.
Dunetschka hatte es schließlich nicht mehr ausgehalten, sie war von Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie glaubte, daß er dorthin schließlich zuerst gehen würde. Als Ssonja allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, daß er wirklich ein Leid sich antun würde, zu quälen. Dasselbe fürchtete auch Dunja. Aber beide übertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu überzeugen, daß es nicht der Fall sein könne, und waren ruhiger, solange sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, daß Sswidrigailoff ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, – entweder Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine Eigenliebe und seinen Unglauben.
„Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu leben?“ dachte sie schließlich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus, – aber man sah hier bloß die ungeweißte Grundmauer des Nachbarhauses. Als sie schon von dem Tode des Unglücklichen völlig überzeugt war, – trat er in ihr Zimmer.