Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.
„Nun, ja!“ sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln, „ich komme, mir dein Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausführung kommt?“
Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwürdig, – ein kaltes Frösteln durchzog ihren Körper, nach einer Minute aber erriet sie, daß der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.
„Ich habe, – siehst du, Ssonja, – eingesehen, daß es in dieser Weise auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ... Es ist lange zu erzählen und lohnt sich auch nicht. Weißt du, was mich bloß ärgert? Mir ist es ärgerlich, daß alle diese dummen tierischen Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage vorlegen werden, die man beantworten muß, – und daß man auf mich mit Fingern zeigen wird ... Pfui! Weißt du, ich will nicht zu Porphyri Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art erringen. Man müßte kaltblütiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu erbittert geworden. Glaubst du mir, – ich habe soeben meiner Schwester fast mit der Faust gedroht und bloß aus dem Grunde, weil sie sich umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das Kreuz?“
Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand konzentrieren, seine Gedanken übersprangen einander, er redete wirr; seine Hände zitterten leicht.
Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze – eins aus Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst, bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.
„Das ist also ein Symbol, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk es trägt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei ähnliche Kreuze, ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten auf die Brust. – Die würden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch umlegen ... übrigens, ich lüge die ganze Zeit, vergesse immer die Angelegenheit, die mich herführte, ich bin ein wenig zerstreut ... Siehst du, Ssonja, – ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu sagen, damit du es weißt ... Das ist auch alles ... Ich bin bloß deswegen gekommen. Hm! ich dachte übrigens, daß ich dir mehr sagen werde ... Du wolltest doch selbst, daß ich hingehe; nun, jetzt werde ich im Gefängnis sitzen und dein Wunsch wird erfüllt sein. Warum weinst du denn? Auch du weinst? Höre auf, laß es, ach, wie schwer mir alles ist!“
Eine weichere Empfindung überkam ihn doch; sein Herz schnürte sich bei ihrem Anblicke zusammen. – „Warum weint sie denn?“ dachte er, „was bin ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermädchen sein!“
„Bekreuze dich, bete wenigstens einmal,“ bat ihn Ssonja mit zitternder, schüchterner Stimme.
„Oh, bitte, soviel du wünschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen, Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...“