Er wollte etwas ganz anderes sagen.
Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die Schulter. Es war ein großes grünes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke, aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fühlen, daß er schrecklich zerstreut und eigentümlich beunruhigt war. Er erschrak darüber. Es setzte ihn auch plötzlich in Erstaunen, daß Ssonja mit ihm gehen wolle.
„Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,“ rief er in kleinmütigem Ärger und ging beinahe erzürnt zu der Türe. – „Und wozu ein ganzes Gefolge!“ murmelte er hinaustretend.
Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich empörender Zweifel wogte in seiner Seele.
„Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig?“ dachte er wieder, als er die Treppe hinunterging, „kann man denn nicht stehen bleiben und alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?“
Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgültig, daß es sich nicht lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Straße fiel es ihm ein, daß er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, daß sie mitten im Zimmer in ihrem grünen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich zu rühren, als er sie angeschrien hatte, – und er blieb eine Weile stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, – als hätte er nur gewartet, um ihn vollständig verwirrt zu machen.
„Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, – in einer Angelegenheit; was war es für eine Angelegenheit? Es war absolut nichts! Um ihr mitzuteilen, daß ich hingehe; was ist denn dabei? War es notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht? Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoßen. Brauchte ich etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, – ich brauchte ihre Tränen, ich mußte ihr Erschrecken sehen, ich mußte sehen, wie ihr das Herz schmerzt und sie sich quält! Ich mußte mich an irgend etwas anklammern, es in die Länge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu träumen, ich Bettler, ich unbedeutender Schuft, Schuft!“
Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur Brücke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und ging über die Brücke zum Heumarkte.
Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren; alles entglitt ihm. – „Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich in einem Gefängniswagen irgendwohin über diese Brücke führen, wie werde ich dann diesen Kanal ansehen, – ich müßte es mir merken,“ durchfuhr es ihn. „Dieses Aushängeschild dort, – wie werde ich dann diese Buchstaben lesen? Da steht geschrieben – Genossenschaft, – nun, ich sollte mir dieses ‚o‘, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o ansehen, – wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein muß, alle meine jetzigen ... Sorgen! Gewiß, dies alles muß interessant ... in seiner Art sein ... ha! ha! ha! ... worüber ich bloß denke! Ich werde wie ein Kind, ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui, wie sie stoßen! Dieser Dicke da, – wahrscheinlich ein Deutscher, – der mich soeben gestoßen hat; nun, weiß er, wen er gestoßen hat? Eine Frau mit einem Kinde bettelt, es ist amüsant, daß sie mich für glücklicher als sich selbst hält. Was, sollte ich der Kuriosität wegen ihr auch ein Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fünf Kopeken in der Tasche, woher bloß? Na ... nimm es, Mütterchen!“
„Gott schütze dich!“ ertönte die weinerliche Stimme der Bettlerin.