Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurück, und das Bekenntnis „ich habe getötet!,“ das er abzulegen bereit war, unterblieb. Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, daß ihm jemand folgte, aber er war darüber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links wandte, erblickte er fünfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich vor ihm hinter einer der hölzernen Buden, die auf dem Markte standen, also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff fühlte und begriff in diesem Augenblicke ein für allemal, daß Ssonja ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm das Schicksal auch senden würde. Und sein Herz wandte sich ... aber, – er war schon an der verhängnisvollen Stelle angelangt ...

Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mußte in den dritten Stock. – „Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme,“ dachte er. Überhaupt schien es ihm, als wäre es noch weit bis zu dem entscheidenden Augenblicke, als hätte er noch viel Zeit und könne sich vieles noch überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden Treppe, wieder waren die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder dieselben Küchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwärts. Er blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um als Mensch einzutreten.

„Wozu aber? Warum?“ dachte er plötzlich, als er seiner Bewegung gewahr wurde. – „Wenn man schon diesen Kelch leeren muß, ist dann nicht alles gleichgültig? Je häßlicher, um so besser!“

In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja Petrowitsch Pulver auf. „Soll ich tatsächlich zu ihm gehen? Kann ich nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...“

Erstarrt vor Kälte und kaum seiner mächtig, öffnete er die Türe zum Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und noch ein Mann. Der Wächter schaute nicht einmal aus seiner Kammer heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. – „Vielleicht läßt es sich noch vermeiden,“ schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin. Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverständlich auch nicht.

„Ist niemand da?“ fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte wendend.

„Wen wünschen Sie?“

„Ah – ah! Man hört nichts, man sieht nichts, bloß der russische Geist ... wie heißt es doch in jenem Märchen ... habe es vergessen! M–m–mein Kompliment!“ rief plötzlich eine bekannte Stimme.

Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem dritten Zimmer eingetreten.