„Das ist das Schicksal,“ dachte Raskolnikoff, „warum ist er hier?“
„Zu uns? In welcher Angelegenheit?“ rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.) „Wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu noch zu früh. Ich selbst bin nur zufälligerweise hier ... Übrigens stehe ich zu Ihren Diensten. Ich muß gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie ...“
„Raskolnikoff.“
„Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, daß ich Ihren Namen vergessen habe! Bitte, halten Sie mich nicht für so einen ... Rodion Ro... Ro... Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?“
„Rodion Romanowitsch.“
„Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich muß Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrübt, als wir damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklärt, ich erfuhr, daß Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine Frau, – wir beide schätzen die Literatur, meine Frau sogar leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anständig ist, alles übrige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie erwerben! Ein Hut – nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ... Ich muß gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklärung abgeben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse ganz, Sie zu fragen, – brauchen Sie tatsächlich etwas von uns? Man sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?“
„Ja, meine Mutter und Schwester.“
„Ich hatte sogar die Ehre und das Glück, Ihre Schwester zu treffen, – eine gebildete und reizende Dame. Ich muß gestehen, ich bedauerte sehr, daß wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und daß ich Sie damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, – das hat sich doch sofort in glänzendster Weise aufgeklärt! Grausamkeit und Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrüstung. Sie werden wohl infolge der Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl das anmelden?“
„N–nein, ich bin bloß ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte, daß ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.“
„Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehört. Nein, Sametoff ist nicht bei uns, – den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in einen anderen Dienst übergetreten ... und hat sich zum Abschied mit allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhöflich ... Er war ein leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen; ja, aber so geht es mit unserer glänzenden Jugend! Er will ein Examen ablegen, wir kennen das, – sind bloß Redensarten, Wichtigtuerei und das wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die eines Gelehrten, und Mißerfolge werden Sie nicht verstimmen. Für Sie sind dies alles Reize des Lebens – nihil. Sie sind ein Asket, ein Mönch, ein Einsiedler! ... für Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, – darin schwelgt Ihr Geist! Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone gelesen?“