„Nein.“

„Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es übrigens viel zu viel Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht wahr? Übrigens ich ... Sie sind doch selbstverständlich kein Nihilist! Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.“

„N–nein ...“

„Nein, ach, seien Sie doch mir gegenüber ganz offen, genieren Sie sich nicht, tun Sie, als wären Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding für sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte Freundschaft sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das Gefühl eines Mitbürgers und Mitmenschen, das Gefühl der Humanität und der Liebe zum Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Bürger und Menschen in mir stets zu fühlen, und muß mir darüber Rechenschaft abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwähnen. Sametoff ist imstande, auf französische Art, in einem unanständigen Lokale beim Glas Champagner oder moussierendem Wein loszulegen, – sehen Sie, das ist Ihr Sametoff! Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefühlen ganz aufgegangen, habe außerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt! Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflichten als Bürger und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.“

Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wußte nicht, wo er hinaus wollte.

„Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mädchen,“ fuhr der redselige Ilja Petrowitsch fort, „ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt und finde, daß diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir, glauben Sie, wenn ich krank werde, daß ich mir etwa ein solches Mädchen hole ließe, daß sie mich behandele? He! he!“

Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.

„Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem einer sich gebildet hat, muß es für ihn genug sein. Warum denn es mißbrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, – Sie können es sich gar nicht vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und töten sich dann. Kleine Mädchen, Jungen, Greise ... Heute früh noch erhielten wir Mitteilung über einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil Pawlytsch! Wie hieß doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, über den wir die Mitteilung vorhin erhielten?“

„Sswidrigailoff,“ antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und teilnahmslos.

Raskolnikoff zuckte zusammen.