Plötzlich trat Ssonja neben ihn. Sie war leise herangekommen und setzte sich zu ihm. Es war noch sehr früh, die Morgenkälte war noch nicht verschwunden. Sie hatte ihren alten ärmlichen kleinen Pelz an und das grüne Tuch. Ihr Gesicht trug noch die Spuren von Krankheit, war magerer, blasser und eingefallen. Sie lächelte ihm freudig und freundlich zu, aber reichte ihm schüchtern, wie immer, ihre Hand.
Sie reichte ihm stets die Hand so schüchtern, zuweilen gar nicht, als fürchte sie, daß er sie von sich stoßen würde. Er nahm auch stets ihre Hand wie mit Widerwillen, begrüßte sie stets wie verdrießlich, zuweilen schwieg er hartnäckig die ganze Zeit während ihres Besuches. Es kam vor, daß sie zitternd und in tiefem Kummer fortging. Jetzt aber lösten sich ihre Hände nicht; er blickte sie schnell und flüchtig an, sagte nichts und schlug seine Augen nieder. Sie waren allein, niemand sah sie. Der Wachtposten hatte sich gerade umgedreht.
Wie es gekommen war, wußte er selbst nicht, aber plötzlich schien ihn etwas zu packen und zu ihren Füßen zu ziehen. Er weinte und umfaßte ihre Knie. Im ersten Augenblicke erschrak sie heftig und ihr Gesicht war totenblaß. Sie sprang zitternd auf und sah ihn an. Aber sie begriff im Nu alles. In ihren Augen leuchtete ein grenzenloses Glück; sie hatte verstanden und es gab für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebte, grenzenlos liebte, und daß endlich dieser Augenblick gekommen war ...
Sie wollten sprechen, aber konnten nicht. Tränen standen in ihrer beider Augen. Beide waren sie bleich und abgemagert; aber in diesen kranken und bleichen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der völligen Auferstehung zu neuem Leben. Die Liebe hatte sie erweckt, das Herz des einen enthielt eine unerschöpfliche Lebensquelle für das Herz des anderen.
Sie beschlossen zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch zu warten; bis dahin soviel unerträgliche Qual und soviel grenzenloses Glück! Aber er war aufgestanden und er wußte es, fühlte es ganz und gar mit seinem neuen Wesen, sie aber – sie lebte ja doch bloß in ihm!
Am Abend desselben Tages, als die Kasernen schon geschlossen waren, lag Raskolnikoff auf seiner Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage schien es ihm, als ob alle Sträflinge, seine früheren Feinde, ihn mit anderen Augen ansahen. Er fing selbst mit ihnen zu sprechen an und man antwortete ihm freundlich. Er erinnerte sich an all dies jetzt, aber es mußte doch wohl so kommen, – mußte sich denn nicht jetzt alles ändern?
Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie immer gequält und ihr Herz gepeinigt hatte; erinnerte sich ihres blassen, mageren Gesichtchens, aber sie quälten ihn jetzt nicht, diese Erinnerungen, – er wußte, mit welcher unendlichen Liebe er jetzt alle ihre Leiden sühnen würde.
Und was waren alle diese Qualen der Vergangenheit! Alles, sogar sein Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung erschienen ihm jetzt in der ersten Aufwallung als etwas äußerliches, fremdes, als etwas, das nicht ihm passiert sei. Er konnte an diesem Abend gar nicht lange und ständig an etwas denken, seine Gedanken auf etwas konzentrieren; er hätte jetzt nichts bewußt beschließen können; er fühlte bloß. An Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Bewußtsein begann sich etwas ganz anderes herauszuarbeiten.
Unter seinem Kopfkissen lag das Neue Testament. Er nahm es mechanisch hervor. Dieses Buch gehörte ihr, es war dasselbe, aus dem sie ihm über die Erweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Im Anfang seiner Verbannung fürchtete er, daß sie mit der Religion ihn zu Tode quälen würde, daß sie über das Evangelium sprechen und ihm Bücher verschaffen würde. Aber zu seinem größten Staunen hatte sie nie darüber gesprochen, ihm nie das Evangelium angeboten. Er hatte sie selbst kurz vor seiner Krankheit darum gebeten, und sie brachte ihm schweigend das Buch. Bis jetzt hatte er es noch nicht aufgeschlagen.
Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke kam ihm, – „müssen denn ihre Überzeugungen jetzt nicht auch meine Überzeugungen sein? Ihre Gefühle, ihr Streben, wenigstens ...“