„Bist du krank oder nicht?“ fragte Nastasja, und wieder erhielt sie keine Antwort.
„Du solltest auf die Straße gehen,“ sagte sie nach einer Weile, „die Luft würde dich erquicken. Willst du nicht essen?“
„Nachher,“ antwortete er mit schwacher Stimme. „Geh jetzt fort!“
Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte ihn voll Mitleid an und ging hinaus.
Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Löffel und begann zu essen.
Er aß nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Löffel Suppe. Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er träumte, wachend, in einem fort, und alle Träume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wäre er irgendwo in Afrika, in Ägypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus, die Kamele liegen still; ringsum im großen Kreise stehn Palmen, alles labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache, der hier neben ihm dahinfließt und plätschert. Es ist so kühl, und das Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fließt über bunte Steine und über reinen mit goldenem Schimmer besäten Sand ... Plötzlich hörte er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf, sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den Fußspitzen zu der Türe, öffnete sie leise und lauschte auf die Treppe hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still, als ob alles schliefe ... Höchst sonderbar und merkwürdig erschien es ihm, daß er von gestern auf heute in solcher Bewußtlosigkeit hatte durchschlafen können, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ... Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte fieberhafte und kopflose Hast überfiel ihn, nun nach dem Schlafe und stumpfen Brüten. Es waren übrigens keine großen Vorbereitungen nötig. Er strengte alle Kräfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen; das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, daß ihm das Atmen schwer fiel. Zuerst mußte er eine Schlinge machen und an seinen Mantel annähen, – das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand unter das Kopfkissen und fand unter der Wäsche, die dort lag, ein altes ungewaschenes Hemd, das schon völlig zerrissen war. Von diesem riß er einen Streifen ab, etwa fünf Zentimeter breit und sechsunddreißig Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe – sein einziges Oberkleid – aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter der linken Achselhöhle anzunähen. Seine Hände zitterten beim Halten der Nadel, er überwand sich aber und hatte den Streifen so angenäht, daß man von außen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen in einem Stück Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war für das Beil bestimmt. Man konnte doch nicht auf der Straße das Beil in der Hand tragen. Und wenn man es unter dem Mantel versteckt trug, mußte man es doch mit der Hand festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man bloß das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter der Achsel ruhig hängen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack, so konnte niemand wahrnehmen, daß er etwas mit der Hand in der Tasche festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.
Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen kleinen Spalt zwischen seinen „türkischen“ Diwan und der Diele, suchte im linken Winkel nach und zog das Versatzobjekt heraus, das er schon vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein Versatzstück, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stück Holz, in der Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses Holzbrettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem Hofe gefunden, wo in einem Nebengebäude eine Werkstatt war. Nachher hatte er zu dem Brette ein glattes und dünnes Stück Eisen – wahrscheinlich irgendein Bruchstück – beigelegt, das er auch damals auf der Straße gefunden hatte. Beides, das eiserne Stück war kleiner, hatte er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer gewissen Sorgfalt in ein reines weißes Papier eingewickelt und so fest zusammengeschnürt, daß das Paket nicht gleich zu öffnen war. Dies tat er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken, wenn sie sich mit dem Lösen des Knotens abmühte, um so den passenden Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstück war des Gewichtes wegen hinzugefügt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, daß das „Versatzstück“ nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief plötzlich jemand auf dem Hofe:
„Die Uhr geht schon gleich auf sieben!“
„Schon gleich auf sieben! Mein Gott!“
Er stürzte zur Tür, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor – das Beil aus der Küche zu stehlen. Daß das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er längst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten auf seine Kräfte verlassen, darum hatte er sich endgültig für das Beil entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentümlichkeit von ihm bei seinen endgültigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft: je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er führte, konnte er die ganze Zeit über keinen Moment an die Durchführbarkeit seiner Pläne glauben.