Raskolnikoff atmete erleichtert auf.
„Es ist sicher nicht das!“ Allmählich begann er Mut zu fassen, er sprach sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.
„Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfügige Unvorsichtigkeit, und ich kann mich verraten! Hm ... schade, daß hier keine frische Luft ist,“ fügte er hinzu, „diese Schwüle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ... und der Verstand auch ...“
Er fühlte in seinem ganzen Körper eine furchtbare Zerrüttung und fürchtete auch, sich nicht beherrschen zu können. Nun versuchte er, sich an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebensächliches zu denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretär interessierte ihn übrigens sehr stark, – er wollte gern aus seinem Gesichte etwas erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe, das ihn älter erscheinen ließ; er war nach der Mode und stutzerhaft gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weißen, peinlich sauberen Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden Ausländer wechselte er sogar ein paar Worte französisch, und tat es ziemlich gut.
„Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch,“ sagte er flüchtig zu der geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.
„Ich danke,“ sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weißen Spitzen besetzt, umgab gleich einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein Duft von Parfüm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu sein, daß sie das halbe Zimmer einnahm und daß sie so stark nach Parfüm duftete, obgleich sie halb ängstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher Unruhe lächelte.
Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze. Plötzlich trat mit einigem Geräusch, bei jedem Schritte sehr rasch und eigentümlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mütze mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit besonderem Entzücken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte einen horizontal abstehenden rötlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies unbedeutende Züge auf, die außer einer gewissen Frechheit nichts ausdrückten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff; dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der Ärmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm zu lange ins Gesicht gestarrt, so daß jener sich sogar beleidigt fühlte.
„Was willst du?“ schrie er ihn an, entrüstet, daß solch ein zerlumpter Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprühenden Blicke sich zu verziehen.
„Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ...“ antwortete Raskolnikoff zusammenhanglos.
„Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, er ist Student,“ beeilte sich der Sekretär zu bemerken, indem er von seiner Arbeit aufschaute. „Da ist es!“ und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte ihm die Stelle. „Lesen Sie es durch!“