Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weißen Terror der rote. Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus – gleichfalls eine „durch und durch Petersburger“ Erscheinung, eine Erscheinung des „Petersburger“, peterschen Zeitabschnitts – ist einer der ewigen und prophetischen Träume des „Giganten auf dem ehernen Pferde“, ist einer der steilen Abhänge jenes „Abgrunds“, über dem er mit seinem Zügelruck „Rußland sich aufbäumen macht“. Hier muß der „wilde Gedanke“ des Terrorismus durch die Berührung mit der „wilden“ und phantastischen Wirklichkeit noch fester Fuß fassen. Und das ist jener gespenstische Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus dem „faulenden Westen“, mit dem zusammen die bereiften Granitblöcke sich sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflösen werden ...

„Es begann mit der Anschauung der Sozialisten,“ sagt der Student Rasumichin über die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen – diese Lehre, aus der die ganze Tragödie entstanden ist.

In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung, oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden war. Erst in Rußland wurde der Sozialismus zur allgemeinen, allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der äußerste Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung – mystisch natürlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkündiger. Und wiederum nur hier, in Rußland, in dem Rußland Petersburgs und Peters, kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrsätzen in bedeutendem Maße widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar verneinenden) – anarchistischen Folgerungen. Anarchismus ist ein furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der westeuropäischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das haben wir Europa gegeben. Rußland hat hier zuerst, zum ersten Male das ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene besondere Neigung, die mit religiöser Verblendung viel Gemeinsames hat, die Neigung zu allem dialektisch Äußersten, Zügellosen, Überschreitenden, selbst über den letzten „Strich“ gehenden, die dem russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es selbstverständlich auch kein gewöhnlicher Zufall, daß diese unerhörte Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und unvereinbaren äußersten Pole – die Idee der Selbstherrschaft und die Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie – sich gerade in dem Rußland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus „einem Geiste“ hervorgegangen, aus dem „stummen und tauben“ Geiste, aus dem Geiste des größten Selbstherrschers und des größten Rebellen der Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhänge, die zwei Ränder immer derselben Kluft, desselben „Abgrundes“, über dem sich das Pferd des Ehernen Reiters bäumt. In der Politik – Anarchismus, in der Sittlichkeit – Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der „letzte Punkt“ erreicht; auch hier ist der „ganze historische Weg zurückgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen könnte“. Wiederum das russische Extrem, die äußerste, dialektisch-zügellose, nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropäischen wissenschaftlichen „Kritik der reinen Sittlichkeit“, die sich als unerfüllbarer erwies, als die „Kritik der reinen Vernunft“, die Folgerung aus den westeuropäischen, unvergleichlich zaghafteren und gemäßigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr geschichtlich-realistischen „Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott einzurichten“ – ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, – die Folgerung aus der, wie man meint, ausschließlich materialistischen und mechanistischen Weltauffassung.

Wenn Rasumichin recht hat, daß die Lehre Raskolnikoffs mit der Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natürlich nicht im Sinne des westeuropäischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.

„Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt,“ fährt Rasumichin fort, „das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitäten der sozialen Einrichtung – und nichts weiter, irgend welche anderen Ursachen werden überhaupt nicht zugelassen – und das sei alles!“ Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest – die Verneinung des Vorhandenen – muß zusammen mit dem, gegen was er gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen müssen in demselben Verhältnis, wie die „ungerechte Einrichtung oder Einteilung der Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt“, seltener werden oder gar gänzlich aufhören. Raskolnikoff aber faßt es anders auf: das Verbrechen ist für ihn nicht nur Verneinung, Zerstörung des Alten, sondern auch Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, veränderlichen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den ewigen, unveränderlichen Gesetzen der Natur. „Nach dem Naturgesetz,“ sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er seine Lehre auseinandersetzt, „zerfallen die Menschen im allgemeinen in zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewöhnlichen, oder sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche, die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein neues Wort zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehörenden übertreten alle das Gesetz, das sind die Umstürzler ... Und wenn ein solcher für seine Idee selbst über Leichen, über Blut schreiten muß, so darf er – meiner Meinung nach – innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis geben, meinetwegen auch Blut zu vergießen – übrigens, je nach der Idee und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen.“ – „Wenn die Entdeckungen eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden könnten, als durch das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wären oder sich als unüberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt hätten, so hätte Newton das Recht und wäre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert Menschen zu ... beseitigen, um seine Entdeckungen der ganzen Welt kundtun zu können.“ – „Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der Menschheit, angefangen von den ältesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon, Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, daß in dieser Aufzählung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen, müßte wohl Raskolnikoff der ‚durch und durch Petersburger‘ petrische Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) – alle sind sie bis auf den letzten Verbrecher, Übertreter schon allein durch den einen Umstand, daß sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig gehaltene und von den Vätern überkommene zerstörten, und weil sie selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen für ihr neues Wort nicht zurückgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen unschuldig war und heldenmütig für das alte Gesetz hingegeben wurde) ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, daß die meisten von diesen Ordnern und Wohltätern der Menschheit vor allem furchtbare Blutvergießer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, daß alle, nicht nur die ganz Großen, sondern die auch nur etwas aus dem alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues – mag es noch so klein sein – zu sagen vermögen, ihrer Natur gemäß unbedingt Verbrecher oder ‚Übertreter‘ sein müssen, versteht sich, mehr oder weniger. Anders, d. h. ohne Übertretung, würde es ihnen nicht gut möglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu bleiben, das können sie natürlich nicht, und zwar wiederum ihrer Natur gemäß nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar verpflichtet, nicht sich darein zu fügen, nicht den anderen zu folgen.“

Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetäuschte Ruhe, die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht von Menschlichem, als wäre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte, sondern das, was ist, nicht Gewünschtes, sondern Vorhandenes. Als gäbe es zwischen der sittlichen und der religiösen Welt überhaupt keine Verbindung, als gäbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als hätte es diesen Gedanken an Gott überhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man muß Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die größten Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert durch ihre schneidende Schärfe, Kälte und Klarheit der Dialektik, die „scharf wie ein Rasiermesser“ ist, an die Sprache des Sekretärs der florentinischen Republik.

Nur ein einziges Wort zum Schluß des Gespräches fällt aus dieser zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthüllt zu gleicher Zeit unter den abstrakten Gedanken eine noch viel größere Tiefe, als selbst Raskolnikoff ahnt.

„Nun, aber die wahrhaft Genialen,“ unterbricht Rasumichin halb ärgerlich, „diese, denen das Recht zu morden gegeben ist – die müssen dann also überhaupt nicht leiden, auch nicht einmal für vergossenes Blut?“

„Wozu hier das Wort ‚müssen‘?“ entgegnet Raskolnikoff. „Hier gibt es weder Erlaubnis noch Verbot. Mögen sie doch leiden, wenn ihnen das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz sind stets mit umfassender Erkenntnis und einem tiefen Herzen verbunden. Ich glaube, die wahrhaft großen Menschen müssen in der Welt eine tiefe Schwermut empfinden,“ fügte er plötzlich wie in Gedanken versunken hinzu, so daß es sogar aus dem Ton der Unterhaltung herausfiel. –

Auch auf dem Gesichte desjenigen, dem Raskolnikoff nachahmt, dem er auch äußerlich ganz ebenso wie Puschkins Herrman ähnelt, – auch auf dem sonderbar unbeweglichen Gesichte Napoleons, in seinen Augen, die scheinbar „in die Ferne, oder auf einen einzigen fernliegenden Punkt gerichtet sind“, finden wir den Stempel dieser tiefen Schwermut, dieser großen Trauer, – kein Anzeichen von Reue oder Gewissensbissen, oder Leiden, sondern gerade nur von schwermütiger Trauer: als hätte er das erblickt, was Menschenaugen nicht sehen sollten, irgendein letztes Geheimnis der Welt vielleicht, und seit der Zeit verläßt dieser Schatten sein Antlitz nicht mehr, selbst nicht im blendendsten Lichte des Ruhmes und Glückes.