Ja, dieses sonderbare Wort fällt „aus dem Ton der Unterhaltung heraus“: es mag ihm gleichsam im Versehen entschlüpft sein. Es ist ein jenseitiges, fast religiöses Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und Böse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche Gesetz nur das Gesetz der „Natur“, der natürlichen Notwendigkeit, der inneren Mechanik ist – worüber trauert er dann, woher kommt dann dieser Schatten, vielleicht nicht aus der göttlichen, aber jedenfalls auch nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen, verraten? Verrät uns nicht dieses eine Wort, daß seine ganze wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur Äußerlichkeit, nur Membrane ist – übrigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit Machiavellis, der das Geheimnis seines „tiefen Herzens“ ahnungslos aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es scheint, daß bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine – große Leidenschaft loht ... wie ein „Feuertrank in einem Becher von Eiskristall“.
Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem Freunde Raskolnikoff macht – hatte doch nach Rasumichins Meinung auch bei ihm alles mit der „Anschauung der Sozialisten angefangen“ – dürfte von diesem wohl kaum verdient sein: „Die Natur wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht vorhanden angenommen! – Darum lieben sie ja auch so instinktiv die Geschichte nicht ... sie lieben die lebendige Entwicklung des Lebens nicht: wozu lebendige Seele! Die lebendige Seele verlangt Leben, die lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist mißtrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn’s auch nach Aas riecht – aus Kautschuk kann man’s schon machen.“
Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner Theorie gemacht hat – die Einteilung der Menschen in Herde und Helden, in tatloses „Material“, in Sache, und in schöpferische Genies, die wie Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meißeln, ein neues Angesicht der Geschichte – ist vielleicht eine zu einseitige Auffassung, sie ist vielleicht zu übertrieben und darum ertötend, jedenfalls aber nicht tot, ist außerhalb des Lebens, aber darum nicht etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der „Mechanik“ ähnelt, so ist sie doch immerhin nicht „aus Kautschuk“ gemacht, sondern aus dem härtesten Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, tötet sie wohl, aber sie prüft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdächtigen, daß er die „Natur überspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht liebe“. Der Sekretär der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand sich im Mittelpunkt dieser „lebendigen Entwicklung“, im Strudel der größten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli spricht nur davon, was er tatsächlich von diesem im grenzenlosen Leben und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur davon, was er der „Natur“ insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schöpfern, sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls kann man von dieser verführerischen Schimäre nicht sagen, daß es von ihr wie „Aasgeruch“ herüberwehe, eher aber schon „wie von frischvergossenem Blute“, und wohl aus nichts weniger als „Kautschuk“ dürfte sie gemacht sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen – und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in „Material“, „Pöbel“, „ekelhaftes Gewürm“ (wie Nietzsche es nennt) – in vulgus, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, – und in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts, des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die übermenschliche, göttliche Natur mit der des „Tieres“, der bestia in sich vereinen müssen? – ist es nicht dieselbe „Entbindung von der Blutschuld auf ihr Gewissen“, die Erlaubnis, den „Wohltätern, den Ordnern der Menschheit“ gegeben, Blut zu vergießen? – ist nicht die vermeintlich unvermeidliche Vereinung von „Tugend“ (virtù) und „Grausamkeit“ (ferocità) in ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte, Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgängern Machiavelli und Dostojewski („diesen tiefen Menschen, den einzigen Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte“) nebeneinandergestellt – letzteren natürlich nicht als bewußtes Dogma, sondern nur für die künstlerische Darstellung solcher Helden des persönlichen Prinzips, wie Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls – und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und Verstandes – aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls sehen wir nur zu gut, daß man mit ihm nicht wie mit einer toten Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft, gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber lebendigen Erscheinung der „lebendigen Entwicklung“ rechnen muß.
Machiavellis „Principe“, Raskolnikoffs „Herrscher“, Nietzsches „Übermensch“ – das sind wieder die emporführenden Stufen, die Stufen eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zukünftige gerichteten, zerstörend schöpferischen, zügellos aufrührerischen Aristokratismus, der aufrührerischer als jegliche Demokratie ist, – eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.
Wenn nun Raskolnikoff auch tatsächlich von der „Anschauung der Sozialisten“ ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schluß gekommen, der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes „Naturgesetz“. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glättet sich nicht etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam in zwei Hälften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung für sie, kein Zusammenwachsen mehr. „Der Mensch ist dem Menschen ein – Tier“ – oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nächster, nicht Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, daß zwischen dem Menschen und dem Menschen eine größere Entfernung liegt, als zwischen Mensch und Tier.
Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren extremsten Folgeschlüssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie nähert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfließt: die letzte Freiheit „jenseits von Gut und Böse“, die letzte Herrschaftslosigkeit führt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies – zum Gebot Platons: „es möge das Genie herrschen“.
Übrigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte „Diese (die Menschen der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden) bewegen die Welt und führen sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben also vollständig dasselbe Recht zur Existenz. Mit einem Wort, in meinen Augen haben alle das gleiche Recht, und – vive la guerre éternelle[1] ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!“
„So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem?“ fragt Porphyri Petrowitsch.
„Ja, ich glaube daran.“
Hätte diese Konzession für seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung, die er selbst annimmt, so müßte die Teilung der Menschen in erhaltende, fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von Höheren und Niedrigeren, von Verächtlichen und Edlen hervorrufen. Beide Teile würden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann hätte sich Raskolnikoff in diesen „Geringen hienieden“ ein zwar anderer, aber doch nicht geringerer Adel offenbart, als in den Großen – ein anderer, aber nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der „zitternden Kreatur“ (Nietzsches „ekelhaftem Gewürm“), vom Pöbel, würde durch die Vorstellung des Volkes oder der „universalen Vereinigung der Menschen“ ersetzt werden. Beide Fähigkeiten – wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit – wären in seinen Augen in gleichem Maße heilig. Nicht Masse, wohl aber echtes Volk zu sein, würde ihm nicht verächtlicher und nicht rühmlicher erscheinen, als Held zu sein. Und so könnte man noch viele andere frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus, sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: würde sich daraus nicht ergeben, daß es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatsächlich „gleichstark“, „gleichberechtigt“ sind? Hätte er dann nicht auch an den letzten Grenzen dieser Zerspaltung die Möglichkeit der Vereinigung erblickt, – hätte sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich „neuen“, längst nicht mehr sozialistischen „Jerusalem“ vor ihm erhoben?