„Ja ...“ sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er begriff, daß es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.
„Nicht wahr?“ rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, daß er Antwort bekommen hatte. „Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar, sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt, sie sei sechsunddreißig, und das ist ihr gutes Recht. Übrigens, ich schwöre dir, daß ich über sie mehr nach meinem Verstande, rein metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt, schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! – Na, das ist lauter Unsinn. Als sie sah, daß du nicht mehr Student bist, weder Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht nötig hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln, und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den früheren Verkehr nicht unterhieltest, faßte sie den Entschluß, dich aus der Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber der Wechsel tat ihr leid. Außerdem hast du ja selbst versichert, daß deine Mutter bezahlen würde ...“
„Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter muß beinahe betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen ließe und ... mir zu essen gebe,“ sagte Raskolnikoff laut und deutlich.
„Ja, das hast du vernünftig gemacht. Nur die Sache war die, daß sich ein Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschäftsmann. Die liebe Praskovja hätte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schüchtern. Na, ein Geschäftsmann aber ist nicht schüchtern, und das erste, was er selbstverständlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da sei, daß der Wechsel eingelöst werde? Die Antwort lautete, – ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von hundertundfünfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen würde, wenn sie auch selbst hungern müßte, und es gibt noch eine Schwester, die für ihren Bruder sich schinden lassen würde. Darauf baute der Geschäftsmann ... Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren, Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du noch auf verwandtschaftlichem Fuße mit ihr standest, jetzt aber sage ich dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und gefühlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschäftsmann aber hört zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie überließ also diesen Wechsel, als hätte sie dafür Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff, und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege. Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, daß die Sache im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbürgte, daß du bezahlen wirst. Ich habe mich für dich verbürgt, Bruder, hörst du? Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen, nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu übergeben, – man glaubt Ihnen nun aufs Wort – nehmen Sie ihn, er ist von mir, wie es sich gehört, eingerissen.“
Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin berührte es peinlich.
„Ich sehe, Bruder,“ sagte er nach einer Weile, „daß ich wieder eine Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerührt.“
„Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte?“ fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.
„Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut, besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.“
„Sametoff? ... Den Sekretär? ... Warum?“ Raskolnikoff wandte sich schnell um und starrte Rasumichin an.
„Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt werden; hatte selbst den Wunsch geäußert, weil ich viel mit ihm über dich gesprochen habe ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich erfahren. Er ist ein prächtiger Bursche, Bruder, wundervoll ... selbstverständlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast täglich sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier übergesiedelt. Du weißt es noch nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal. Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?“