„Aber, es existieren doch Beweise.“

„Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der Fragestellung, darüber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel damit! ... Also sie haben so lange gepreßt und gequetscht, bis er bekannte, ‚ich habe sie,‘ sagte er, ‚nicht auf dem Trottoir, sondern in der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.‘ ‚Wie verhält sich denn das?‘ ‚Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den Torweg kam, stieß ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen Herren zusammen, – wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht, der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri quer im Wege lagen, – ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn hingeworfen und versetzte ihm Püffe, Dmitri hatte, unter mir liegend, mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst, sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir los und lief auf die Straße, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein und ging in die Wohnung allein zurück, – es mußte noch aufgeräumt werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri, vielleicht kommt er noch. Und bei der Türe im Vorzimmer, an der Wand, in einem Winkel, trat ich auf ein Kästchen. Ich sehe, es liegt da, eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz winzige Häkchen, ich machte sie auf und im Kästchen lagen die Ohrgehänge ...‘“

„Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?“ rief plötzlich Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trüben, erschreckten Blick an und erhob sich langsam, sich mit der Hand stützend, vom Sofa.

„Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du?“ Rasumichin erhob sich auch von seinem Platze.

„Nichts! ...“ antwortete kaum hörbar Raskolnikoff, sank wieder auf das Kissen zurück und wandte sich von neuem zu der Wand.

Alle schwiegen eine Weile.

„Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe,“ sagte endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

„Na, fahr fort,“ sagte Sossimoff, „was weiter?“

„Ja, was weiter? Als er die Ohrgehänge erblickte, vergaß er sofort die Wohnung und Dmitri, nahm seine Mütze und lief zu Duschkin hin und erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber vor, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte, und fing sofort an zu bummeln. Von dem Morde aber bestätigt er das früher gesagte: ‚Ich weiß von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehört!‘ ‚Und warum bist du bis jetzt nicht gekommen?‘ ‚Vor Angst.‘ ‚Und warum wolltest du dich erhängen?‘ ‚Vor lauter Gedanken.‘ ‚Was für Gedanken?‘ ‚Daß man mich verurteilen würde.‘ Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst du, daß sie daraus gefolgert haben?“

„Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen Anstreicher etwa in Freiheit setzen?“