„Ja, sie halten ihn jetzt einfach für den Mörder! Sie haben keinen Zweifel mehr ...“
„Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehänge? Du mußt doch selbst zugeben, – wenn am selben Tage und zur selben Stunde die Ohrgehänge aus dem Kasten der Alten in die Hände von Nikolai geraten, – daß sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein müssen? Das hat doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.“
„Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind?“ rief Rasumichin aus. „Und du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die menschliche Natur kennenzulernen, – kannst du denn nicht nach all diesen gegebenen Anzeichen sehen, was für eine Natur dieser Nikolai ist? Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, daß alles, was er bei den Verhören ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau so in seine Hände geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kästchen getreten und hat es aufgehoben.“
„Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, daß er das erstemal gelogen hat?“
„Höre mich an, höre aufmerksam zu, – der Hausknecht, Koch und Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der Wohnung des Hausknechtes saßen, und der Hofrat Krjukoff, der in demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm in Arm durch den Torweg gegangen war, – alle, also acht oder zehn Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitri zu Boden gedrückt, auf ihm lag und ihn schlug, und daß jener ihn an den Haaren gepackt hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen da, wie ‚kleine Kinder‘ aufeinander (buchstäblicher Ausdruck der Zeugen), kreischen, prügeln sich und lachen, lachen beide um die Wette, mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Straße, gleich Kindern, hinaus einander zu fangen. Hast du gehört? Nun merke dir jetzt, – oben liegen die Körper noch warm, hörst du, noch warm, so fand man sie! Wenn sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten aufgebrochen und geraubt hätten oder auch nur einigermaßen an dem Raube beteiligt gewesen wären, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen, – ist solch eine seelische Stimmung, das heißt, Kreischen, Lachen, kindisches Prügeln in dem Torwege – mit Beilen, Blut, mit verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben noch vor fünf oder zehn Minuten gemordet, – denn es muß so stimmen, die Körper waren ja noch warm – und plötzlich lassen sie die Leichen liegen und die Wohnung offen, wobei sie wissen, daß soeben Menschen dorthin gegangen sind, kümmern sich nicht um die Beute und wälzen sich wie kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich – und dies alles bezeugen einstimmig zehn Zeugen!“
„Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch unmöglich, aber ...“
„Nein, Bruder, es gibt kein aber, – sondern wenn die Ohrgehänge, die zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hände geraten sind, tatsächlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, – der jedoch durch seine Aussagen einfach erklärt wird, also noch ein strittiger Beweis ist, – muß man doch auch die entlastenden Tatsachen in Erwägung ziehen und um so mehr, als dies unwiderlegbare Tatsachen sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, daß sie dies anerkennen wird, oder daß sie fähig ist, solch eine Tatsache, – die ausschließlich auf rein psychologischer Unmöglichkeit, nur auf seelischer Stimmung allein begründet ist, – als eine unanfechtbare und alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mögen, widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kästchen gefunden, werden sie sagen, und der Mensch wollte sich erhängen, – ‚was nicht geschehen könnte, wenn er sich nicht schuldig fühlte‘. Das ist die Hauptfrage, darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!“
„Ja, ich sehe es auch, daß du dich ereiferst. Warte, ich vergaß dich zu fragen, wodurch ist es nachgewiesen, daß das Kästchen mit den Ohrgehängen tatsächlich von der Alten stammt?“
„Das ist nachgewiesen,“ antwortete Rasumichin mit gerunzelten Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. „Koch hat das Ding erkannt und den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, daß die Ohrgehänge ihm gehören.“
„Das ist schlimm. Jetzt noch eins, – hat jemand Nikolai gesehen, als Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht irgendwie beweisen?“