„Das ist es ja, daß niemand ihn gesehen hat,“ antwortete Rasumichin ärgerlich, – „das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten würde. ‚Wir haben gesehen,‘ sagen sie, ‚daß die Wohnung offen war, daß man darin wahrscheinlich arbeitete, aber wir haben im Vorübergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.‘“

„Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, daß sie einander Püffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklärst du selbst den ganzen Vorgang? Wodurch willst du den Fund der Ohrgehänge erklären, wenn er sie tatsächlich so gefunden hat, wie er angibt?“

„Wie ich es erkläre? Ja, was ist da zu erklären, die Sache ist klar. Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen muß, ist klar und bewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mörder hat die Ohrgehänge verloren. Der Mörder war oben, als Koch und Pestrjakoff klopften, und saß eingeschlossen dort. Koch machte die Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mörder heraus und lief ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai herausgelaufen waren; er stand hinter der Türe, als der Hausknecht und die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als Dmitri und Nikolai auf die Straße gelaufen waren, alles fort und niemand im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das Kästchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tür stand, und er hat es nicht gemerkt, denn er mußte an anderes denken. Das Kästchen aber beweist klar, daß er dort gestanden hat. So ist die ganze Sache!“

„Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!“

„Aber warum denn, warum?“

„Ja, weil alles viel zu glücklich verlief ... und sich gestaltete ... wie auf dem Theater.“

„Ach,“ rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden gekannte Person herein.

V.

Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, würdevoll, mit einem lauernden und verdrießlichen Gesichte; er begann damit, daß er an der Tür stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen umblickte, als ob er fragen würde: „wohin bin ich denn geraten?“ Mißtrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten Überraschtseins, fast eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger „Schiffskajüte“ um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekämmt und ungewaschen auf seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedächtigkeit die abgerissene, unrasierte und ungekämmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich von seinem Platze zu rühren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus gewissen, übrigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, daß mit einer herrischen Miene hier in dieser „Schiffskajüte“ nichts zu wollen sei, wurde er etwas freundlicher und sagte höflich, obgleich nicht ohne eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe seiner Frage betonte: „Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder ehemaliger Student?“

Sossimoff rührte sich ein wenig und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht zuvorgekommen wäre.