In einem Brief ohne Datum, doch ersichtlich aus dieser Zeit, schreibt er – offenbar nach der Rückkehr von einem Sommeraufenthalt beim Bruder –: „Wie traurig war mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr ... Wenn mein Leben in diesem Augenblick aufgehört hätte, so wäre ich, scheint mir, mit Freuden gestorben.“ Sein Roman, der als Manuskript so viel Aufsehen erregt hatte, ist noch nicht gedruckt, doch schon schreibt er an seinem „Doppelgänger“, denn seine finanziellen Verhältnisse sind noch äußerst traurig. „Wie schade,“ schreibt er, „daß man arbeiten muß, um leben zu können. Meine Arbeit duldet keinen Zwang.“ Auch am 16. November 1845 ist sein Roman noch immer nicht erschienen, aber seine Stimmung ist nun nicht mehr düster, denn auch ungedruckt hat der Roman seinen Ruhm schon so verbreitet, daß er, wie er schreibt, „ganz berauscht“ ist. „... Man bringt mir überall unglaubliche Achtung und kolossales Interesse entgegen. Ich habe eine Menge höchst anständiger Menschen kennen gelernt. Fürst Odojewski bittet mich um die Ehre meines Besuches und Graf Ssollogub rauft sich vor Verzweiflung die Haare aus: Panajeff hat ihm erklärt, es gäbe ein neues Talent, das sie alle in den Staub träte. Als Krajewski (ein Verleger) neulich hörte, daß ich kein Geld habe, bat er mich ganz ergebenst, von ihm ein Darlehen von 500 Rubel anzunehmen ... Ich habe eine Menge neuer Ideen; aber wenn ich auch nur etwas irgend jemandem, z. B. Turgenjeff, anvertraue, wird es schon morgen an allen Ecken und Enden von Petersburg heißen, daß Dostojewski jetzt dies und das schreibt ... Ich glaube, daß ich bald viel Geld haben werde ... gestern war ich zum ersten Male bei P. und habe mich, wie mir scheint, in seine Frau verliebt ...“
Kurz, aus seinen Briefen, besonders aus seiner maßlosen Überschätzung seiner weiteren Arbeiten, an denen er nun schreibt (den „Doppelgänger“ erklärt er schon für sein „Chef-d’œuvre“[3]) oder die er in einer Nacht geschrieben hat („Roman in 9 Briefen“), ist zu ersehen, daß das große Lob dem jungen Schriftsteller entschieden zu Kopf gestiegen war. Das hat er schließlich wohl auch selbst empfunden, denn derselbe Brief schließt mit einer Nachschrift, die durch ihre Offenherzigkeit anzieht:
„Ich habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich erstens ungrammatisch schreibe und zweitens ein Prahlhans bin.“
In einer weiteren Randbemerkung dieses Briefes spielt, wie man annehmen darf, die Phantasie gleichfalls eine größere Rolle. Es steht da:
„Alle die Mienchen, Clärchen, Mariannen u. dgl. sind so schön geworden wie nur denkbar, kosten aber fürchterliches Geld. Turgenjeff und Bjelinski haben mich neulich wegen meines unordentlichen Lebens ausgescholten ...“
Hier dürfte zur Richtigstellung eine Bemerkung Dr. Riesenkampfs am Platze sein, der ja, wie wir wissen, mehrfach über Dostojewskis Unordentlichkeit berichtet hat, über sein Unvermögen, einen Haushalt zu führen und mit dem Gelde sparsamer umzugehen. An einer anderen Stelle seiner Aufzeichnungen sagt nun Dr. Riesenkampf: „Junge Leute pflegen in ihren zwanziger Jahren gewöhnlich hinter weiblichen Idealen her zu sein und an hübschen Frauenzimmerchen zu hängen. Merkwürdigerweise war aber bei Fjodor Michailowitsch nichts Ähnliches zu bemerken. Zu weiblicher Gesellschaft schien er sich immer gleichgültig zu verhalten und fast hatte er sogar eine gewisse Abneigung gegen sie.“ Übrigens fügt er gleich einen Vorbehalt hinzu und sagt: „Aber vielleicht hat er auch in der Beziehung manches verheimlicht; wenigstens wunderte es mich, daß er sich so sehr für die Gedichte des verliebten P. Ssuschkoff einsetzte, die bekanntlich an die Schauspielerin Assenkowa gerichtet waren, und daß er besonders die eine Romanze liebte: ‚Vergib mir, wunderbares Wesen‘, die er fortwährend vor sich hinsummte.“
Am 1. Februar 1846 schreibt Dostojewski selbst:
„Für den Goljädkin habe ich genau 600 Rubel bekommen. Ich habe auch sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten Begegnung mehr als 3000 Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache! Meine Wohnung habe ich aufgegeben und lebe jetzt in zwei sehr schön möblierten Zimmern. Ich lebe sehr gut.“ (In demselben Hause ist Dostojewski später gestorben, doch als er dorthin ein paar Jahre vor seinem Tode umzog, hat er sich merkwürdigerweise nicht erinnert, daß er schon früher einmal in diesem Hause gewohnt hat.) „Ich bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann,“ schreibt er, – d. h. natürlich in dem Sinne liederlich, wie Dr. Riesenkampf ihn schildert, denn nur von einer solchen Liederlichkeit kann man so offen und so ruhig sprechen ...
Zwei Monate später (am 1. April 1846) schreibt er, daß die schlechte Kritik, die sein „Doppelgänger“ nunmehr erfahre, ihn inzwischen ganz mutlos gemacht und so furchtbar gequält habe, daß er erkrankt sei. „Ich habe ein entsetzliches Laster: ich bin unerlaubt ehrgeizig und eitel.“ ... Doch trotz der zeitweiligen „Hölle“, die er wegen seines „Doppelgängers“ durchgemacht, ist das Selbstvertrauen des jungen Schriftstellers nach dem glänzenden Erfolge der „Armen Leute“ immer noch sehr groß – zumal es von jenen gestützt wird, die er in seinen Briefen an den Bruder „die Unseren“ nennt – und erreicht bisweilen allerdings einen gefährlichen Grad. Das gab natürlich seinen verschiedenen Neidern – wie hätten die ausbleiben sollen? – Anlaß, sich alle möglichen Übertreibungen auszudenken und als Ansprüche Dostojewskis in Umlauf zu bringen. Zu diesen Geschichten gehört auch die angebliche Forderung einer besonderen Schmuckleiste, ohne die er den Roman „Arme Leute“ in Njekrassoffs „Petersburger Almanach“ (er erschien am 15. Januar 1846) nicht habe veröffentlichen lassen wollen ...
Am 1. Februar desselben Jahres erschien dann „Der Doppelgänger“ in den „Vaterländischen Annalen“, die der Verleger Krajewski herausgab. Die anderen Arbeiten, von denen er in seinen Briefen während dieser Zeit spricht, der nicht beendete „Rasierte Backenbart“ und „Die Geschichte von den abgeschafften Kanzleien“ sind nicht erhalten geblieben, – wenn er die letztere nicht etwa in seinem „Herrn Prochartschin“ verarbeitet hat?