Zur Zeit der großen Fasten im Jahre 1842 war, wie Dr. Riesenkampf noch zu berichten weiß, wieder ein Geldzufluß bei Dostojewski bemerkbar, und er gönnte sich Erholung von der Arbeit durch den Besuch von Konzerten (Liszt, Rubini u. a.). Nach Ostern traf ihn Dr. Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins „Ruslan und Ludmila“. Doch schon im Mai versagte er sich wieder alle Vergnügungen, um sich nun zur letzten Prüfung – vom 20. Mai bis zum 20. Juni – vorzubereiten. In derselben Zeit hatte auch Dr. Riesenkampf sein Schlußexamen zu bestehen, erkrankte aber, infolge von Überanstrengung, und mußte noch am 30. Juni das Bett hüten. An diesem Tage erscheint nun plötzlich Dostojewski bei ihm, in einer Weise verändert, daß er kaum wiederzuerkennen ist. Heiter, gesund aussehend, zufrieden mit dem Schicksal, – so teilt er ihm mit, daß er das Examen bestanden hat und aus dem Institut mit dem Range eines Leutnants entlassen worden ist (als Feldingenieur), ferner daß er vom Vormund eine Summe erhalten habe, die es ihm möglich gemacht, alle seine Schulden zu bezahlen, und schließlich, daß er einen Urlaub auf 28 Tage in der Tasche trage, den er bei seinem Bruder in Reval verbringen werde, wohin er am nächsten Tage reisen wolle. Dann zog er den Freund mit Gewalt aus dem Bett, setzte ihn in eine Droschke und fuhr mit ihm ins Restaurant Lerch am Newski-Prospekt. Dort verlangte er ein Zimmer mit einem Klavier, bestellte ein großartiges Mittagessen mit Weinen und zwang den Kranken zum Mitessen und Mittrinken. Wie unmöglich das diesem zu Anfang auch erschien: das Beispiel Dostojewskis wirkte so ansteckend, daß er schließlich mit Vergnügen aß, sich dann an den Flügel setzte und – gesund war.
Am folgenden Tage begleitete er ihn zum Dampfschiff, und drei Wochen später fuhr er selbst nach Reval, wo er ihn, in der Familie seines Bruders seine Freiheit genießend, antraf. Inzwischen war Dostojewski auch mit der Revalenser Gesellschaft in Berührung gekommen und die hatte, wie Dr. Riesenkampf berichtet, „mit ihrem überlieferten Kastengeist, ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Nepotismus und Pietismus, der noch durch die fanatischen Predigten des damaligen Modepastors, des Herrnhuters Hunn, geschürt wurde, sowie durch ihre Unduldsamkeit besonders dem russischen Militär gegenüber“ auf Dostojewski einen überaus schlechten Eindruck gemacht. Dieser Eindruck ist ihm für sein ganzes späteres Leben geblieben. Damals fühlte er sich hierdurch um so mehr enttäuscht, als er mit der Erwartung hingekommen war, in dieser so gepflegten Gesellschaft gesunde Anzeichen von Kultur zu finden. „Nur mit Mühe konnte ich ihm klar machen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „daß all dies ein rein örtliches Kolorit war und eben nur die Revalenser kennzeichnete ... Doch bei seiner Neigung zur Verallgemeinerung blieb in ihm seitdem ein gewisses Vorurteil gegen alles Deutsche.“
Michail Michailowitsch hatte inzwischen mit Hilfe seiner Frau den Bruder mit Wäsche und Kleidern, die in Reval so billig waren, vollkommen ausgestattet. Doch da er wußte, daß sein Bruder niemals auch nur ahnte, was und wieviel er eigentlich besaß, bat er den Freund Riesenkampf, in Petersburg doch mit Fjodor Michailowitsch zusammen zu wohnen und dann nach Möglichkeit mit seinem Beispiel deutscher Ordnungsliebe auf den Bruder einzuwirken. Das versuchte Riesenkampf denn auch, nachdem er im September 1843 nach Petersburg zurückgekehrt war. Dostojewski saß, als Riesenkampf ihn dort aufsuchte, ohne eine Kopeke zu Hause und lebte nur von Milch und Brot, die er auf Borg aus dem nächsten kleinen Laden bekam. „Fjodor Michailowitsch,“ bemerkt Dr. Riesenkampf, „gehörte zu jenen Menschen, mit denen zu leben für alle angenehm ist, die aber selbst beständig in Not sind. Er wurde jämmerlich bestohlen, doch bei seiner Vertrauensseligkeit und Güte wollte er sich das nicht eingestehen oder gar die Dienstboten und deren Krippenreiter, die seine Arglosigkeit mißbrauchten, des Diebstahls überführen“. So kam es, daß selbst das Zusammenleben mit dem Doktor für Dostojewski dauernd Veranlassung zu neuen Ausgaben wurde, denn er war bereit, jeden Armen, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, wie einen teuren Gast zu empfangen. „Da ich mich daran mache, das Leben der armen Menschen zu schildern,“ pflegte er dann, gleichsam zu seiner Rechtfertigung, zu sagen, „so freue ich mich der Gelegenheit, das Proletariat der Großstadt näher kennen zu lernen“. Doch die riesigen Rechnungen, die am Ende des Monats selbst ein einzelner Bäcker schickte, standen, wie sich bei einer Untersuchung herausstellte, weniger mit der erwähnten Gastfreundschaft Fjodor Michailowitschs in Zusammenhang, als mit seinem Bedienten Ssemjon, der innige Beziehungen zur Wäscherin unterhielt und nicht nur diese, sondern auch deren ganze Familie und sogar ihren Freundeskreis auf Rechnung seines Herrn versorgte. Auf ähnliche Weise erklärte sich bald auch die schnelle Abnahme des Wäschebestandes, der übrigens alle drei Monate von Dostojewski ergänzt wurde, nämlich jedesmal, wenn er das Geld aus Moskau erhielt. Und sein Ssemjon war nicht der einzige, der sein Vertrauen so mißbrauchte. Dasselbe taten auch der Schneider, der Schuster, der Barbier usw.; und ebenso mußte man ihn zu der ernüchternden Erkenntnis bringen, daß durchaus nicht alle von ihm bewirteten Patienten Dr. Riesenkampfs eine solche Teilnahme verdienten.
Seine völlige Geldlosigkeit dauerte damals gegen zwei Monate. Da, eines Tages, begann er plötzlich ganz anders in seinem Saal umherzugehen: laut, selbstbewußt, beinahe stolz. Er hatte aus Moskau 1000 Rubel erhalten. „Doch schon am nächsten Morgen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „kam er wieder in seiner leisen, schüchternen Art in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.“ Der größte Teil der erhaltenen 1000 Rubel war zur Tilgung der Schulden draufgegangen, das übrige hatte er zum Teil verspielt, und die letzten 50 Rubel waren ihm dann noch gestohlen worden: von einem unbekannten Spielpartner, den er – als bemerkenswertes Subjekt für seine Beobachtungen – am Abend zu sich eingeladen und einen Augenblick im Zimmer allein gelassen hatte.
Ein besonderes Interesse hatte er, aus dem gleichen Grunde, namentlich für einen der Patienten des Doktors: für den Bruder des Klavierlehrers Keller. Es war das ein kleiner, unruhiger, schmeichlerischer, ziemlich heruntergekommener Deutscher, von Beruf Agent, doch in Wirklichkeit eigentlich nur ein Schmarotzer. Nachdem dieser Keller nun die arglose Gastfreundschaft Dostojewskis sozusagen entdeckt hatte, wurde er für eine Zeitlang sein täglicher Gast: er kam zum Tee, blieb zum Mittagessen, blieb zum Abend, und Dostojewski hörte geduldig seine Erzählungen von dem Petersburger Großstadtproletariat an. Oft schrieb er sich das Gehörte auf, und wie Dr. Riesenkampf später feststellen konnte, spiegelte sich manches aus diesem ursprünglich von Keller stammenden Material in den Romanen „Arme Leute“, „Der Doppelgänger“, „Njetotschka Neswanowa“ u. a. wieder.
Im Dezember 1843 war Dostojewski abermals ganz mittellos. Am 1. Februar 1844 erhielt er aus Moskau wieder 1000 Rubel, doch schon am Abend desselben Tages besaß er nur noch 100 Rubel und dieses Hundert wanderte noch vor der Nacht in die Tasche eines gewandten Spielers, der ihm ein angeblich „ganz unschuldiges, ehrliches Spiel“ (es handelte sich um Domino) hatte beibringen wollen. Am folgenden Tage begann dann von neuem das Geldborgen, oft gegen die ungeheuerlichsten Prozente. Im März dieses Jahres mußte Riesenkampf Petersburg verlassen – ohne daß es ihm gelungen war, Dostojewski deutsche Genauigkeit und etwas mehr Wirklichkeitssinn anzugewöhnen.
Vom Jahre 1844 an haben sich wieder Briefe Dostojewskis an den Bruder erhalten. Sie bestätigen nur, was Dr. Riesenkampf berichtet. In einem dieser Briefe ist u. a. die Rede davon, daß er in den Weihnachtsfeiertagen „Eugénie Grandet“ übersetzt habe, und daß die Übersetzung im Selbstverlage erscheinen solle: sein Freund Potton werde 700 Rubel geben, dessen Mutter werde dem Sohn 2000 Rubel (zu 40%!!) leihen und er selbst wolle sich aufs äußerste einschränken, um 500 Rubel beisteuern zu können. Seine Phantasie verheißt ihm einen Gewinn von 4000 Rubel. Doch zum Schluß des Briefes gesteht er, daß er kein Geld – zum Abschreiben der „Eugénie Grandet“ habe; und er bittet den Bruder „um der himmlischen Engel willen“, ihm 35 Rubel zu senden. „Ich schwöre dir beim Olymp,“ so schließt er, „und bei meinem Juden Jankel (im soeben beendeten Drama)[17] und wobei noch? – es sei denn bei dem Schnurrbart, der mir irgend einmal, wie ich hoffe, doch wachsen wird, daß die Hälfte von dem, was ich für die ‚Eugénie‘ bekomme, Dein sein soll“. Doch schon am 14. Februar 1844 schreibt er, daß aus der Sache wohl nichts werde. „Wie leid mir das tut, mein Freund, und wie leid du mir tust. Verzeih, Liebster, auch mir Armen ...“
Dann folgen Briefe, in denen von der Übersetzung des „Don Carlos“ die Rede ist, die der Bruder begonnen hatte, sowie davon, daß er selbst George Sand übersetze und 25 Rubel für den Druckbogen erhalte. Eine Nachschrift am Rande sagt: „Der Dienst ist mir zuwider. Er widersteht mir schon wie Kartoffeln ... Im September komme ich zu euch, wenn ich den Abschied genommen habe.“ Am 30. September 1844 schreibt er, daß er sein Abschiedsgesuch eingereicht habe, „ich nehme den Abschied, weil ich nicht länger dienen kann ... Warum soll ich meine besten Jahre verlieren? Die Hauptsache aber ist, daß man mich in die Provinz abkommandieren wollte; sage doch bitte selbst, was könnte ich ohne Petersburg anfangen? Wozu würde ich noch taugen? Du wirst mich sicher begreifen. Ich werde immer meinen Lebensunterhalt verdienen können,“ fügt er hinzu, wie um etwaigen Einwendungen zuvorzukommen. „Ich werde furchtbar viel arbeiten. Ich bin ja jetzt frei.“ Doch unmittelbar darauf folgt eine Aufzählung seiner Schulden und die Klage, daß man ihm aus Moskau immer nur ein Drittel von der Summe sende, um die er bäte. „Noch weiß niemand,“ schreibt er, „daß ich den Abschied nehme ... Ich habe nicht einmal Geld, um mir Zivilkleider zu kaufen. Ich quittiere den Dienst am 14. Oktober ... Wenn ich nicht sofort Geld aus Moskau bekomme, bin ich verloren. Man wird mich in allem Ernst ins Gefängnis sperren (das ist klar).“ Und er ist bereit, auf seinen Anteil am väterlichen Gut zu verzichten, wenn man ihm sofort 500 Rubel als runde Summe auszahlt und die anderen 500 zu je 100 Rubel im Monat. „Bitte, sage du für mich gut, Liebster, ... daß ich dann keine Forderungen mehr erheben werde.“ Der Brief hat an den Seiten wieder Nachschriften, die sich auf seine Geldnot beziehen, und zum Schluß heißt es: „Chlestakoff[18] war schließlich bereit ins Gefängnis zu gehen, jedoch nur wenn es ‚auf vornehme Weise geschah.‘ Wenn ich aber nicht einmal Hosen haben werde, wird es dann auch noch ‚auf vornehme Weise‘ geschehen können?“ Doch aus seiner beigefügten Anschrift ersehen wir, daß er seine kostspielige große Wohnung noch nicht aufgegeben hat. Eine Nachschrift am Rande lautet: „Ich bin mit meinem Roman außerordentlich zufrieden. Ich bin außer mir vor Freude. Für den Roman werde ich sicher Geld bekommen; was aber weiter kommt ...“
Es handelt sich hier um seine erste Arbeit, den Roman „Arme Leute“. Von nun an ist in seinen Briefen immer wieder von diesem Werke die Rede: wie die Arbeit vorwärts geht, wie er – das schreibt er am 24. März 1845 –, nachdem der Roman im November fertig geworden, ihn im Dezember wieder umgearbeitet, im Februar aber wieder vieles gestrichen und anderes hineingebracht habe ... Doch schon am 4. Mai berichtet er, daß er ihn von neuem umgearbeitet habe – „er hat dadurch, bei Gott, sehr viel gewonnen“. Wir ersehen daraus, wieviel Mühe ihm dieses erste Werk gemacht hat und wie für ihn trotz seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage der künstlerische Wert dieses seines entscheidenden Versuches doch das wichtigste war. Neben derartigen Mitteilungen wiederholen sich immer wieder Erörterungen der Frage, wie und wo und wann es am besten und am vorteilhaftesten wäre, das Erstlingswerk zu veröffentlichen, das ja zugleich sein finanzieller Rettungsanker sein soll. Und zwischen all diesen Sorgen stehen Sätze wie: „... soeben las ich ... von den deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben sind. Es sind im ganzen an die zwanzig und was für Namen sind darunter!“ oder „Wenn mir der Roman nicht gelingt, werde ich mich vielleicht erhängen ...“. In einem anderen Briefe: „Wenn ich den Roman nicht unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun? Ich habe mir schon alles überlegt. Ich werde den Tod meiner idée fixe[2] nicht überleben.“
Über das weitere Schicksal seines Erstlingswerkes – wie er das Manuskript zum erstenmal aus der Hand gab, welchen Eindruck es auf die ersten Leser (den Freund Grigorowitsch und den Dichter Njekrassoff[19]) machte, und wie er seinen ersten Erfolg und die begeisterte Anerkennung des großen Kritikers Bjelinski[20] damals (Mai 1845) erlebte, erzählt Dostojewski selbst 32 Jahre später in den „Erinnerungen“, die er dem Dichter Njekrassoff widmet[21]. Aber auch in dem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ (geschrieben 1860) finden wir im I. Teil (Kap. V, VI, X) und im III. Teil (Kap. V) mehrere autobiographische Stellen. Doch sowohl hier wie dort hat Dostojewski, wo er von der begeisterten Aufnahme seines ersten Werkes spricht, den Leser nicht darauf hingewiesen, daß wenigstens Bjelinski längst nicht das in dem Roman gesehen hat, was der Autor selbst in ihm sah. Und im Grunde hat die ganze damalige Kritik, bei aller Begeisterung, die „Armen Leute“ überhaupt nicht in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung gewertet. Aber Dostojewski hat das damals, wie es scheint, gar nicht bemerkt – oder nicht bemerken wollen –, vielleicht weil er noch zu sehr unter dem lebendigen Eindruck eines Lobes stand, das seinem Ehrgeiz schmeichelte. Sein Ehrgeiz aber meldete sich bereits stark. Natürlich brauchte Dostojewski nach einem so schmeichelhaften Urteil des berühmten Kritikers Bjelinski sich das Geschimpfe, mit dem viele andere über ihn herfielen, nicht weiter zu Herzen zu nehmen, vielmehr konnte er sogar stolz darauf sein. Und das war er denn auch tatsächlich in nicht zu geringem Maße, wie aus seinen weiteren Briefen an den Bruder hervorgeht.