Jedenfalls dürfte man nach richtiger Abschätzung alles Guten und alles Bösen, das Dostojewski in der Ingenieurschule erlebte, wohl kaum jener Auffassung zustimmen können, nach der die Worte des Helden der „Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt“ („Fluch dieser Schule, diesen schrecklichen Sträflingsjahren!“ usw.) sich unmittelbar auf Dostojewskis persönliche Erinnerung an seine in der Ingenieurschule verbrachten Jahre beziehen sollen. Und dasselbe ließe sich wohl auch von den Äußerungen dieses Helden über seine Mitschüler sagen; – ausgenommen vielleicht die eine Schilderung des lebensklugen Strebens der Mitschüler nach Erfolg und „Laufbahn“, – und im Gegensatz dazu die eigene schweigsame Einsamkeit mitten unter ihnen ... Im übrigen ist der Held des „Dunkel“ doch in nur sehr geringem Grade Dostojewski selbst ähnlich.
Am 5. August 1841 wurde er zum Fähnrich ernannt, mit Belassung in der Anstalt, um den Offizierskursus zu vollenden. In einem Briefe vom 22. Dezember 1841 schreibt er an den Bruder, der trotz seiner schwierigen Vermögenslage im Begriff steht, zu heiraten: „Lieber, mein Lieber! Wenn du wüßtest, wie glücklich es mich macht, Dir wenigstens ein wenig helfen zu können. Mit welcher Wonne schicke ich Dir diese Kleinigkeit[13], die Dir vielleicht etwas Ruhe geben kann. Es ist wenig, ich weiß. Aber was soll ich tun, wenn ich mehr, bei Gott, Bruder, wirklich nicht schicken kann ... Ich habe ja noch Andrjuscha bei mir und habe für ihn zu sorgen; nach Moskau zu schreiben geht aber so bald nicht an – die denken sonst Gott weiß was[14] ...“ Weiter spricht er von angestrengtem Lernen – „man will doch nicht seine Reputation verlieren und so paukt man denn, zwar mit Ekel, aber man paukt ... Andrjuscha ist krank, ich selbst bin äußerst zerrüttet ... Daß ich ihn zum Examen vorbereiten muß, daß er überhaupt bei mir lebt[15], bei mir, der ich frei sein, allein sein, unabhängig sein will, ist für mich unerträglich. Mit nichts kann man sich beschäftigen, mit nichts zerstreuen“ ...
Aus diesem Briefe geht hervor, daß Fjodor Michailowitsch damals bereits in einer eigenen Wohnung lebte und von dort aus die Vorlesungen der Offiziersklassen besuchte, mit denen das erwähnte Lernenmüssen in Zusammenhang steht. Seine wirtschaftliche Lage hätte gut sein können, denn sein Vormund schickte ihm, in auffallendem Gegensatz zu seinem Verhalten dem älteren Bruder gegenüber, seit seiner Beförderung zum Offizier stets pünktlich die ihm zukommende Summe.
Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs erhielt Dostojewski damals, sein Gehalt mitgerechnet, gegen 5000 Rubel im Jahre. Doch da er fürs Praktische äußerst wenig Sinn hatte, war er meist ohne Geld. Er begann seine eigene Wirtschaft damit, daß er sich in der Wladimirstraße im Hause des Postdirektors Prjänischnikoff eine große Wohnung für 1200 Rubel mietete, bloß weil der Besitzer ihm gefiel. In dieser großen Wohnung aber gab es dafür an Möbeln nur einen alten Diwan, einen Schreibtisch und ein paar Stühle. Übrigens gefiel ihm auch der gutmütige Gesichtsausdruck seines Burschen Ssemjon so sehr, daß er trotz aller Warnungen vor dessen langen Fingern seelenruhig immer nur antwortete: „Mag er doch stehlen; davon werde ich schon nicht bankrott werden.“ Aber schließlich war dies doch der Fall und Dostojewski geriet buchstäblich in Schulden. Infolgedessen sah er sich gezwungen, seine Neigung zur Literatur zu verwerten, und das tat er denn auch, mit prosaischer Berechnung des Verdienstes, zum Teil in gemeinsamer Arbeit mit seinem Bruder.
Nachdem Dostojewski am 11. August 1842 nach bestandener Prüfung zum Unterleutnant befördert worden war, wurde er im folgenden Jahre, am 12. August 1843, nach Beendung des ganzen wissenschaftlichen Lehrplanes in der oberen Offiziersklasse, zum aktiven Dienst im Ingenieurkorps des Petersburger Ingenieurkommandos abkommandiert und der Abteilung für Zeichner im Ingenieur-Departement zugeteilt.
Aber der Widerspruch zwischen der Pflicht, zeichnen zu müssen, und dem Drang, schriftstellerisch tätig zu sein, begann sich alsbald geltend zu machen.
Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit.
Von dem Briefwechsel zwischen Fjodor Michailowitsch und seinem älteren Bruder sind leider gerade die Briefe aus den ersten Jahren seines freien Lebens außerhalb der Anstalt verloren gegangen. Doch diese Lücke wird zum Teil durch die um so wertvolleren Aufzeichnungen des Arztes Dr. A. E. Riesenkampf ausgefüllt.
Nachdem Dr. Riesenkampf im Juli 1842 mit dem älteren Dostojewski in Reval wieder zusammengewesen war, begann er im Herbst, nach seiner Rückkehr nach Petersburg, den jüngeren Bruder, über dessen wenig günstige wirtschaftliche Lage er von Michail Michailowitsch schon zur Genüge gehört hatte, häufiger zu besuchen. Er stellte fest, daß von der ganzen großen Wohnung, die F. M. Dostojewski gemietet hatte, tatsächlich nur das Arbeitszimmer geheizt wurde. Auf Vergnügungen hatte Fjodor Michailowitsch bereits vollkommen verzichtet, nachdem er 1841 und zu Anfang des Jahres 1842 nicht wenig für das zu der Zeit glänzende Alexandertheater ausgegeben hatte, zum Teil auch für das Ballett, das er damals aus irgend einem Grunde liebte, und für teure Konzerte solcher Berühmtheiten, wie Ole Bull und Franz Liszt u. a. Jetzt jedoch (im Herbst 1842) saß er tagaus tagein, nach dem Besuch der Offiziersklassen am Vormittage, eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich nur mit Literatur. Seine Gesichtsfarbe war fahl; ein trockener Husten quälte ihn beständig, besonders am Morgen; an seiner Stimme fiel die ständige starke Heiserkeit auf; zu diesen Krankheitszeichen gesellten sich dann noch geschwollene Halsdrüsen. Doch all dies wurde von Dostojewski hartnäckig verheimlicht oder abgeleugnet, und selbst dem Arzt und Freunde Riesenkampf gelang es nur mit Mühe, ihm wenigstens einige Mittel gegen den Husten aufzudrängen und ihn dazu zu bewegen, doch ein wenig mäßiger zu rauchen. Von seinen Freunden besuchte ihn damals des öfteren nur D. W. Grigorowitsch[16], der in vieler Beziehung sein größter Gegensatz war.
„Jung, gewandt, eine schöne Erscheinung,“ so schildert ihn Dr. Riesenkampf, „elegant, hübsch und geistreich, der Sohn eines reichen Husarenobersten, dessen Frau eine französische Aristokratin war, Freund des Leutnants Todleben, der schon damals die Anlagen zu seinen späteren Leistungen verriet, Freund berühmter Künstler, Liebling und Verehrer des schönen Geschlechts, der sich nur in den besten Kreisen der Petersburger Gesellschaft bewegte – dieser Grigorowitsch also hatte sich aus Leidenschaft zur Literatur dem menschenscheuen Dostojewski angeschlossen, der wie ein Einsiedler lebte.“ Nach Dr. Riesenkampf hat Grigorowitsch damals ein französisches Drama, das in China spielte, übersetzt, Dostojewski aber hat sich, nachdem er die Fortsetzung seiner „Maria Stuart“ aufgegeben, mit Eifer an seinen „Boris Godunoff“ gemacht, der freilich gleichfalls nie beendet worden ist. Außerdem beschäftigten ihn schon damals verschiedene Novellen und Erzählungen, Pläne, die sich in seiner fruchtbaren Phantasie nur so drängten und einander ablösten. Diese Fruchtbarkeit der Phantasie wurde bei Dostojewski durch unausgesetzte Lektüre natürlich noch mehr angeregt und aufs äußerste gesteigert. (Dr. Riesenkampf hat übrigens nie etwas davon gehört, daß Dostojewski angeblich schon in der Ingenieurschule an seinen „Armen Leuten“ gearbeitet habe.) Von russischen Schriftstellern las Dostojewski damals mit besonderer Vorliebe Gogol, aus dessen „Toten Seelen“ er gern ganze Seiten auswendig vortrug. Von französischen Schriftstellern las er, außer Balzac, George Sand und Victor Hugo, die er schon früher besonders gern gelesen hatte, nach Dr. Riesenkampf: Lamartine, Frédéric Soulié (dessen „Mémoires du diable“[1] er besonders liebte), ferner Emile Souvestre und hin und wieder sogar Paul de Kock. So ist es wohl zu verstehen, daß Dostojewski, bei seiner stetig wachsenden Neigung zur Literatur, den Besuch der Offiziersklassen als Last empfinden mußte. Er hätte sich von dieser Fessel wohl schon viel früher befreit, wenn sein Vormund nicht gedroht hätte, ihm in dem Falle die Rente nicht mehr auszuzahlen – Dostojewski aber befand sich fortwährend in Geldnot.