Es ist nicht anzunehmen, daß in dem Freundschaftsverhältnis zwischen Bereshetzki und Dostojewski ersterer den „Beschützer“ gespielt hat, da er zu den „Alten“ gehörte. Bereshetzki hatte gar keinen Einfluß auf die übrigen Kameraden, und Dostojewski wurde als „Sonderling“ bald von allen in Ruhe gelassen. Ja, wie A. I. Ssaweljeff berichtet, hat Bereshetzki selbst unter dem Einfluß Dostojewskis gestanden, hat sich nach ihm gerichtet und ihm gehorcht, wie ein ergebener Schüler seinem Lehrer.

„Im Jahre 1840 wurde Bereshetzki zum Leutnant befördert und kam in die untere Offiziersklasse (jetzt Ingenieurakademie), Dostojewski aber verblieb in der Konduktorenkompagnie und wurde in die höhere Klasse versetzt. Auch da schloß er sich keiner der Parteien an und blieb nach wie vor der unerschütterliche und schweigsame Jüngling, der von den Kameraden nie zu einer Beteiligung an gleichviel welch einer ‚gemeinsamen Sache‘ zu bewegen war. Vielleicht hatte er unter den Kameraden auch Feinde, denen gerade das an ihm nicht gefallen mochte, daß er sich so ferne von ihnen hielt und sich immer nur seiner Phantasie hingab. Auch während dieses Jahres in der höheren Klasse sah man ihn gewöhnlich allein – entweder an seinem Tischchen sitzend, lesend oder sonstwie beschäftigt, oder man sah ihn durch die Räume schlendern, immer mit gesenktem Kopfe, die Hände auf dem Rücken.“

Ende des Jahres 1840 sahen sich die Brüder in Petersburg, wohin der ältere gekommen war, um sein Examen abzulegen, worauf er im Januar 1841 zum Fähnrich der Feldingenieure befördert wurde. Am Abend vor seiner Rückreise nach Reval (am 17. Februar) lud Michail Michailowitsch, wie Dr. Riesenkampf berichtet, seine Freunde zu einem Abschiedsfest ein. Natürlich war auch Fjodor Michailowitsch zugegen, und er las Abschnitte aus seinen zwei dramatischen Entwürfen vor (zu denen ihn offenbar die Lektüre von Schiller und Puschkin inspiriert hatte). Die Dramen hießen „Maria Stuart“ und „Boris Godunoff“. Mit dem ersteren Stoffe hat sich Fjodor Michailowitsch, wie Dr. Riesenkampf bezeugt, auch noch im Jahre 1842 eifrig befaßt, als die deutsche Tragödin Lilly Loewe in der Rolle der Maria Stuart einen starken Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er wollte dieses tragische Thema, zu dem er eine neue Anregung durch die Schauspielerin empfangen haben mag, nach seiner Auffassung bearbeiten, weshalb er sich zunächst an ein sorgfältiges Lesen der historischen Quellen machte. Wo diese Entwürfe schließlich geblieben sind, ist unbekannt.

In einem Briefe vom 27. Februar 1841 kommt Fjodor Michailowitsch auf die Absicht des Bruders zu sprechen, nach seiner Beförderung zum Offizier die Revalenserin Fräulein Emilie Dietmar zu heiraten. Diese Wahl sagte jedoch dem Vormunde der Brüder, dem Generalleutnant Kriwopischin (jener Verwandte, auf den der alte Dostojewski so sehr gehofft hatte), keineswegs zu, und er weigerte sich wegen dieses Ungehorsams, dem älteren Bruder die jedem von ihnen nach der Beförderung zum Offizier jährlich zustehenden 4000 Papierrubel auszuzahlen. In diesem Brief klagt Fjodor Michailowitsch über das viele Lernen: „Ich sitze auch an den Feiertagen über den Büchern, und dabei ist es schon bald März, – draußen Frühling, es taut, die Sonne ist wärmer, heller, es weht von Süden – eine wahre Wonne! Doch was hilft’s! Es ist auch nicht mehr viel zu lernen.“ Der Schluß des Briefes zeugt von glühender Ungeduld: „schneller zum Ziel, schneller in die Freiheit! Freiheit und Beruf sind eine große Sache. Mir träumt davon, und ich träume davon wieder wie früher, ich weiß nicht wann. Es weitet einem gleichsam die Seele und läßt uns die ganze Größe des Lebens erfassen.“


Kehren wir jetzt zu den Erinnerungen A. I. Ssaweljeffs an diese Zeit zurück.

„Im Jahre 1841 stand Fjodor Michailowitsch bereits im letzten Semester. Wie früher war er nachdenklich, ja, fast kann man sagen, griesgrämig, verschlossen – so schloß er sich selten einem seiner Kameraden an, wenn er sie auch nicht gerade mied, ja ihnen sogar oft seine Nachschriften lieh, die er während der Vorlesungen machte; auch kam es häufig vor, daß er ihnen die russischen Aufsätze schrieb. Doch nie sah man ihn müßig oder lustig. Der von ihm bevorzugte Arbeitsplatz war die Fensternische des runden Schlafzimmers, der sogenannten Rotunde: es war das ein Eckzimmer, dessen Fenster auf den Fontankakanal hinausgingen. Auf diesem von den anderen Tischen abgesonderten Platze konnte man F. M. Dostojewski beständig sitzen und mit irgend etwas beschäftigt sehen; manchmal nahm er offenbar nichts von alledem wahr, was um ihn herum geschah. Zu gewissen Stunden stellten sich seine Kameraden in Reih’ und Glied auf, z. B. wenn sie sich zum Essen begaben, und gingen durch das runde Eckzimmer in den Speisesaal, um dann mit Lärm in den Erholungsraum zurückzuströmen, oder zum Gebet in den Saal, oder um sich in die Schlafsäle zu verteilen. Dostojewski räumte immer erst dann seine Bücher und Hefte in das Schubfach des Tischchens, wenn der Trommler, der die Abendtrommel schlug, ihn bei seinem Gang durch die Räume zur Beendigung seiner Beschäftigung nötigte. Es kam aber auch vor, daß man Dostojewski in tiefer Nacht an demselben Tischchen bei der Arbeit antraf. Er saß dann im Hemd, die Bettdecke umgenommen, und spürte offenbar gar nicht, daß es dort am Fenster entsetzlich zog. Auf meine Bemerkung, daß es doch wohl gesünder sei, früher aufzustehen und sich angekleidet mit seiner Arbeit zu beschäftigen, gab er mir freundlich recht, räumte seine Hefte weg und ging anscheinend zu Bett; doch nach einer Weile konnte man ihn schon wieder, und wieder in demselben Aufzuge, an seinem Tischchen bei der Arbeit sehen. Der Angewohnheit, in der Nacht zu arbeiten, ist Dostojewski sein Leben lang treu geblieben ... Vierzig Jahre später, als wir bei einem Wiedersehen auf seine nächtlichen schriftlichen Arbeiten zu sprechen kamen – und im besonderen darauf, daß ich ihn so manches Mal dabei gestört hatte –, sagte er mir, er habe damals tatsächlich an seinem ersten Roman ‚Arme Leute‘ geschrieben, der bereits vor seinem Eintritt in die Anstalt angefangen worden sei.

„Wenn ich die Wache hatte, unterhielt ich mich gern mit denjenigen unter den jungen Leuten, deren Zuneigung ich besaß. Aber ich muß gestehen, keine einzige dieser Plaudereien hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie meine Unterhaltungen mit Dostojewski. Er sprach immer leise, langsam, mit Pausen, und zwar tat er das aus anscheinend physischen Gründen – vielleicht infolge einer organischen Eigenart seines Brustbaues oder seiner Atmungsorgane,“ (es sei hier an die plötzliche Heiserkeit erinnert, von der sein Bruder Andrei berichtet) „und keineswegs etwa deshalb, weil er sich rhetorisch schön, gewählt und überzeugend ausdrücken wollte. Auch die einfachste Erinnerung aus seiner Kindheit, wie irgend eine unwichtige geschichtliche Begebenheit wurden von ihm langsam, doch vorzüglich wiedergegeben, eben mit dieser besonderen ihm eigenen Beseelung. Ich glaube, er war sich auch selbst bewußt, welch einen Eindruck seine Erzählungen auf den Zuhörer machten, und sprach deshalb gerne von allem mit dem gleichen gefangennehmenden Zauber, – obschon nicht selten in seinen Worten eine gewisse Galle zu bemerken war, aber dafür lag in Dostojewskis Erzählungen ebensoviel Wärme wie Wahrheit.

„Der Ort unserer Unterhaltungen war größtenteils das sogenannte Dujour-Zimmer, dessen Fenster auf den kleinen Hof gingen: Der Dienstraum des wachthabenden Offiziers. Ich muß bemerken, daß sich damals über die Vorgeschichte des Ingenieur-Palais (des ehemaligen Michail-Palais) noch manches Interessante als mündliche Überlieferung erhalten hatte. Dieses Palais war denn auch oft der Gegenstand meiner Unterhaltung mit Dostojewski, in dessen Erinnerung sich die historische Topographie des Gebäudes, dessen Architektur ihm sehr gefiel, mit aller Deutlichkeit erhielt[12]: so daß er wußte, wo früher der Thronsaal gewesen war, wo sich eine geheime Wendeltreppe befand, oder ein längst vermauerter Gang zu einer Tür unten am Kanal, auf dem einst an dieser Stelle ein Boot befestigt war ...

„Doch am häufigsten unterhielten wir uns über das Gegenwärtige, über das Leben in der Schule, den sogenannten Geist der Anstalt, das Erziehungssystem und Ähnliches. War doch dieses ausschließlich militärische System, dieses rauhe Verhalten der älteren Schüler zu den jüngeren, die Strenge der Vorgesetzten – bei völliger Ausschaltung eines zusammenfassenden Verfahrens in der Beurteilung der allgemeinen Werte eines Schülers – der Hauptgrund jenes geheimen Mißtrauens, ja Hasses der Schüler gegen ihre Lehrer, der jede Beziehung zwischen ihnen zerstörte. Bei Dostojewski konnten es schließlich noch andere, mir unbekannte Umstände oder Lebenserfahrungen gewesen sein, die jedes Zutrauen zu den Menschen in ihm vernichteten – all das lastete wohl schwer auf der Seele des äußerst feinfühligen Jünglings, der in den Menschen vor allem Barmherzigkeit und Rechtlichkeit suchte ... Nichtsdestoweniger erinnerte er sich gerne jener Zeit in der Anstalt und jener ehemaligen Lehrer, deren Namen von allen mit Dankbarkeit genannt werden, – tat es selbst dann noch, als in seiner Stimme schon der Ton des scheidenden Menschen mitklang: in seinen Augen erschien dann plötzlich der frühere Glanz, wenn auch nur auf eine kurze Zeit.“