„Im Empfangssaal des Ingenieur-Palais verbrachten wir damals (bei der ersten Begegnung) einige unvergeßliche Stunden. Dostojewski trug mir mit dem ihm eigenen hinreißenden Temperament Puschkins ‚Ägyptische Nächte‘ vor, Shukowskis ‚Baron von Smalholm‘ u. a., erzählte mir von seinen eigenen literarischen Versuchen, und bedauerte nur, daß die im Institut eingeführte strenge Zucht ihm nicht erlaubte, auszugehen. Doch mich hinderte nichts, ihn an den Sonntagvormittagen zu besuchen. Außerdem trafen wir uns an den Freitagen in der Turnanstalt des Schweden de Ron, die sich in einem der Pavillons des Ingenieurpalais befand.“

Das Äußere Fjodor Michailowitschs schildert Dr. Riesenkampf folgendermaßen:

„... ziemlich rundlich, blond, mit einem rundlichen Gesicht und einer etwas aufgestülpten Nase ... Seine hellkastanienfarbenen Haare waren kurz geschoren; unter der hohen Stirn und den undichten Augenbrauen verbargen sich nicht große, ziemlich tiefliegende graue Augen[10]; die Wangen waren blaß und hatten Sommersprossen; die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdfarben, die Lippen etwas wulstig. Er war bedeutend lebhafter, beweglicher, hitziger als sein gemessener Bruder ... Er liebte die Poesie leidenschaftlich, aber er selbst schrieb nur in Prosa, da er zur Durchbildung der Form keine Geduld hatte ... Die Gedanken entstanden in seinem Kopf gleich den Spritzern in einem Wasserstrudel ... Sein angeborener wundervoller Vortrag überschritt oft die Grenzen der künstlerischen Selbstbeherrschung.“

Über die Zeit, die Fjodor Michailowitsch in der Ingenieurschule verbrachte (1838–1841), hat uns A. I. Ssaweljeff, der in diesen Jahren als Offizier vom Dienst die Zöglinge des Instituts täglich zu beobachten Gelegenheit hatte, seine ausführlichen Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt.

„Im Jahre 1838,“ so berichtet A. I. Ssaweljeff, „bildete die sogenannte Konduktorenkompagnie der Ingenieurschule ihrer inneren Einrichtung nach durchaus eine Welt für sich. Es war das eine Korporation junger Leute von 14 bis 18 Jahren und darüber, die ihre eigenen Überlieferungen, Regeln und Sitten hatte. Die jungen Leute galten als im Militärdienst stehend und hatten bei ihrem Eintritt den Treueid zu leisten. Die Mehrzahl von ihnen hatte im Elternhause eine gute Erziehung erhalten, einzelne besaßen sogar schon Hochschulbildung. Jedenfalls beobachteten sie durchaus die Formen der guten Gesellschaft, liebten das Institut und waren stolz auf den Titel Konduktor – manche bisweilen allerdings in einem Grade, der die Grenze der Schicklichkeit wie die der Vernunft überstieg.

„In dieser kleinen Welt für sich hielt man ganz besonders auf Anstand, Ehre, Uneigennützigkeit, Achtung der Persönlichkeit und andere Eigenschaften eines Menschen, der sich seiner moralischen Rechte und Pflichten bewußt ist ...“

Die Schilderung des Verhältnisses zwischen den höheren und niedrigeren Klassen – die Jüngeren waren den Älteren unbedingten Gehorsam schuldig – schließt A. I. Ssaweljeff mit der Bemerkung, daß Dostojewski im ersten Jahre wohl gleichfalls die unangenehme Seite dieses Verhältnisses kennen gelernt habe, da mit keinem Neuling eine Ausnahme gemacht wurde.

„... Ich hatte oft Gelegenheit,“ berichtet er, „F. M. Dostojewski zu beobachten. Wenn er nicht allein war, so war er mit keinem anderen zusammen als mit dem Konduktor der höheren Klasse Iwan Bereshetzki. Ich habe nie gesehen, daß diese beiden jungen Leute an den Lieblingsspielen der Kameraden teilnahmen, oder gar an deren Streichen. In die Tanzstunde gingen sie nie ... Häufig blieben sie unter dem Vorwande, sich nicht wohl zu fühlen, entweder beim Tischchen am Bett sitzen und lasen, oder sie spazierten zusammen durch die Schlafräume. Dabei gehörte Bereshetzki, der ein Jahr früher eingetreten war, schon zu den ‚Alten‘. Überdies war sowohl zwischen ihren Charakteren wie zwischen ihrer häuslichen Erziehung ein großer Unterschied: Bereshetzki galt für wohlhabend, verfügte über reiche Mittel, hatte ein gesellschaftlich geschultes Auftreten, gab viel auf gewählte Kleidung, und besonders auffallend war seine Liebenswürdigkeit im Verkehr mit anderen. F. M. Dostojewski dagegen war der Sohn eines armen Stabsmedicus, ein Jüngling mit guter wissenschaftlicher Bildung, mit einem festen Charakter und dem Gefühl der eigenen Würde. Er hielt sich sehr fern von den Vorgesetzten und den älteren Kameraden, scheute jedoch keineswegs jene, die ihn, obschon sie seine Vorgesetzten waren, nicht ihre Macht über ihn und seinesgleichen fühlen ließen, und besonders freundlich war er zu jenen, die ihrer Stellung gemäß im Institut weder etwas zu sagen hatten, noch unter jemandes Schutz standen. Nach den Äußerungen einzelner seiner Kameraden erschien ihnen Fjodor Michailowitsch als Mystiker oder Idealist. Er fügte sich ohne zu murren allen Anforderungen des militärischen Dienstes, obwohl er gar keine Neigung dazu hatte. Von Natur eigenartig, doch nicht eigenwillig, gehörte er zu jenen seltenen Menschen, die sich mit den Gedanken und Handlungen der Gesellschaft, falls diese ihren eigenen Überzeugungen widersprechen, nicht leicht aussöhnen. Menschen dieses Schlages sind durch nichts unterzukriegen, selbst wenn ihnen ihre Hartnäckigkeit noch so teuer zu stehen kommt.“

Im Anschluß an diese Ausführungen A. I. Ssaweljeffs sei hier ein Auszug aus einem Brief Fjodor Michailowitschs an seinen Bruder angeführt.

In diesem Brief (vom 1. Januar 1840) schreibt er außer von seinem Freunde Schidlowski[11] noch von einem anderen Freunde: „Ich hatte damals an meiner Seite einen Freund, einen Menschen, den ich so liebte.“ Mit diesem Freunde dürfte jener Bereshetzki gemeint sein, den Ssaweljeff in seinen Aufzeichnungen erwähnt. „Du schriebst mir, Bruder,“ fährt Fjodor Michailowitsch in seinem Briefe fort, „ich hätte Schiller nicht gelesen. Du irrst! Ich habe ihn auswendig gelernt, habe in seiner Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt; ich glaube, es war wohl ein besonders gütiges Geschick, das mir die Bekanntschaft mit diesem großen Dichter gerade zu jenem Zeitpunkt meines Lebens verschaffte; nie hätte ich Schiller besser kennen lernen können, als gerade in jenen Tagen. Während ich mit ihm“ – gemeint ist offenbar Bereshetzki – „Schiller las, prüfte ich an ihm den edlen, feurigen Don Carlos nach, den Marquis Posa und Mortimer. Diese Freundschaft hat mir viel sowohl Leid wie Genuß gebracht! Jetzt will ich ewig davon schweigen; doch der Name Schiller ist mir seitdem etwas Verwandtes, ist nun gleichsam ein Zauberton, der so viele Träume wachruft; sie sind bitter, Bruder. Nur aus diesem Grunde habe ich in meinen Briefen von Schiller, von den Eindrücken, die er auf mich gemacht hat, nie gesprochen; ich fühle Schmerz, wenn ich nur den Namen Schiller höre.“ In demselben Briefe ist auch ihr Vormund erwähnt. Inzwischen, 1839, war nämlich ihr Vater, Michail Andrejewitsch Dostojewski, gestorben, und zum Vormund der Kinder war der Mann der ältesten Tochter, Herr Karepin, gewählt worden. Der Tod des Vaters wird natürlich einen besonderen Briefwechsel zwischen den Brüdern veranlaßt haben, doch leider ist von ihren Briefen zwischen dem 31. Oktober 1838 und 1. Januar 1840 kein einziger erhalten ... Was jedoch die vorliegenden Briefe betrifft, so wird wohl niemand bestreiten können, daß sie von einer großen literarischen Belesenheit und einer Bildung zeugen, wie sie nicht jeder besitzt, der ein Universitätsstudium beendet hat.