In Petersburg kamen die beiden Brüder zunächst in das Pensionat von K. F. Kostomaroff, der sie zum Eintritt in die höhere Militär-Ingenieurschule vorbereiten sollte. Aus diesem Vorbereitungspensionat schrieben Fjodor und Michail am 23. Juli 1837 an den Vater, daß Kostomaroff von ihnen mehr erwarte, als von den übrigen acht Schülern, die er mit ihnen zusammen vorbereitete, und daß sie nun bald anfangen würden, Frontübungen zu machen – die seien sehr wichtig. Aber wie beschäftigt sie mit den eigenen Vorbereitungen auch waren, sie vergaßen nicht, „Schwesterchen Warjä“ daran zu erinnern, daß sie Karamsins „Russische Geschichte“ lesen solle und „Bruder Andrjuscha“ das wiederholen müsse, was er manchmal schlecht gelernt hatte. Zum Schluß erwähnten sie noch, daß sie mit Schidlowski (ihrem Mitschüler aus dem Pensionat Tschermak, den der Vater kannte) soeben eine Stunde in der Kasanschen Kirche verbracht hätten – „das wollten wir schon lange, besonders vor dem Examen“.
Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs hatte der Vater, als er beschloß, seine Söhne in diese Ingenieurschule zu geben, u. a. auch auf seinen Verwandten, den Generalleutnant Kriwopischin gerechnet, der im Armee-Inspektorat eine wichtige Stellung einnahm. Doch die Pläne des Vaters zerstörte zum Teil das ärztliche Gutachten, das der Chefarzt der Ingenieurschule, Dr. Wolkenau, ausstellte: er erklärte nämlich den völlig gesunden älteren Bruder für schwindsüchtig und den kränklichen jüngeren für gesund. Infolgedessen wurde Michail Michailowitsch nicht aufgenommen. Er begab sich im Juni 1838 nach Reval, um dort als Konduktor[7] in die Sappeur-Kompagnie einzutreten. So wurden denn die Brüder ganz unerwartet getrennt. Nun konnte Fjodor Michailowitsch sich über seine eigene Aufnahme in die höhere Militär-Ingenieurschule wohl nur insofern freuen, als durch sie der Wunsch des Vaters wenigstens zur Hälfte in Erfüllung ging; denn an sich dürfte dieses Institut – mit dem vielen Mathematikunterricht, dem Zeichnen und dem Frontdienst – ihm, der von Dichtungen träumte, keineswegs verlockend erschienen sein. Der Vater hatte sich für diese Laufbahn entschieden, weil sie so günstige Aussichten für weiteres Fortkommen bot, was für ihn, der nur über beschränkte Mittel verfügte, begreiflicherweise sehr ins Gewicht fallen mußte. Allein man darf hierbei doch nicht außer acht lassen, daß dieses Petersburger Ingenieurinstitut sich hinsichtlich seines wissenschaftlichen Wertes sehr vorteilhaft von allen ähnlichen Militärinstituten unterschied. Vor allem stand die Wissenschaft dort in einem ganz anderen Ansehen und auch die Aufnahme der Schüler hing nicht nur von ihrer Herkunft ab, sondern davon, ob sie das Examen bestanden. Dennoch ist es verständlich, daß für eine Veranlagung, wie sie F. M. Dostojewski mitbrachte, die dort gebotene geistige Weiterbildung nicht genügte, während der andere größere Teil des Unterrichts ihm geradezu eine Plage war – so auch der Frontdienst und das Lagerleben.
Ein Bild von seinem Leben in den nun folgenden Jahren geben uns außer seinen Briefen an den Vater und den Bruder und seinen in späteren Jahren gelegentlich niedergeschriebenen Erinnerungen an einzelne Erlebnisse vor allem die Aufzeichnungen ihm damals nahestehender Menschen[8].
Ein Brief an seinen Vater vom 10. Mai – er dürfte im Jahre 1838 geschrieben worden sein, nachdem der Vater die beiden Brüder im Frühjahr 1837 nach Petersburg gebracht hatte und Fjodor Michailowitsch am 16. Januar 1838 in die Ingenieurschule eingetreten war – zeichnet uns seine materielle Lage, die ihn zwingt, den Vater um eine kleine Beihilfe zu bitten.
„Mein lieber, guter Vater,“ schreibt er, „können Sie denn wirklich denken, daß Ihr Sohn zu viel verlangt, wenn er Sie um eine Unterstützung angeht? ... Wäre ich frei und selbständig, so hätte ich auch nicht eine Kopeke verlangt; ich hätte mich selbst an die bitterste Not gewöhnt ... Jetzt bitte ich Sie, lieber Papa, zu berücksichtigen, daß ich im wahren Sinne des Wortes diene ...“ Offenbar hatte der Vater angenommen, sein Sohn werde als Zögling der Krone von dieser auch mit allem versorgt; das war aber nicht der Fall. Das Notwendigste, fügt der Sohn hinzu, das jeder Zögling in ihrem Lager brauche, würde ihm alles in allem 40 Rubel kosten, – „ich will aber Ihre Notlage,“ schreibt er dem Vater zum Schluß, „berücksichtigen und gänzlich auf Tee verzichten.“ ... Am 9. August desselben Jahres schreibt er an den Bruder nach Reval: „... Nun, Bruder, Du klagst über Deine Armut. Auch ich bin nicht reich. Du wirst mir wohl gar nicht glauben wollen, daß ich beim Auszug aus dem Lager nicht eine Kopeke hatte; unterwegs habe ich mich erkältet (es regnete den ganzen Tag und wir waren ohne Obdach), bin auch vor Hunger erkrankt, und hatte dabei kein Geld, um mir die Kehle mit einem Schluck Tee anzufeuchten. Ich habe mich später erholt, litt aber im Lager die bitterste Not, bis endlich das Geld von Papa kam“ (am 20. Juli – sein Brief vom 10. Mai hatte den Vater erst auf Umwegen erreicht). „Ich zahlte meine Schulden und verbrauchte den Rest. Doch die Schilderung Deiner Lage übersteigt alles. Kann man denn wirklich nicht einmal 5 Kopeken besitzen, sich von Gott weiß was ernähren und nur mit lüsternen Augen die ganze Süße der herrlichen Beeren kosten, die du doch so gern ißt! Wie leid Du mir tust!“ Dieser Brief zeugt auch sonst von einer trüben Stimmung. „Ich weiß nicht, ob meine traurigen Ideen je verstummen werden ... Unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische Geister, die vom sündigen Gedanken umnebelt sind ... Mir scheint, unsere Welt hat einen negativen Sinn bekommen und aus einer hohen, vornehmen, Geistigkeit ward eine Satire.“ Ja, in demselben Brief schimmert aus einer mystischen Unklarheit sogar der Gedanke an Selbstmord hervor, der natürlich auf literarischem Wege entstanden sein wird: „... nur die rauhe Hülle zu sehen, unter der das Weltall sich quält, zu wissen, daß eine einzige Explosion des Willens genügt, um diese Hülle zu sprengen und sich in die Ewigkeit zu ergießen, eins mit ihr zu werden, dies alles zu wissen und dabei wie die letzte der Kreaturen zu sein ... Schrecklich! Wie kleinmütig ist der Mensch! Hamlet! Hamlet!“ Nach Shakespeare erwähnt er Pascal: „Pascal hat einmal gesagt: ‚Wer gegen die Philosophie protestiert, der ist selbst ein Philosoph.‘ Arme Philosophie!“ ruft Dostojewski aus – den übrigens in dieser Zeit auch der Glaube nicht vollkommen befriedigt. Der Brief schließt mit einer Aufzählung der Bücher, die er im Lager gelesen hat: „... den ganzen Hoffmann russisch und deutsch (d. h. den noch nicht übersetzten Kater Murr) und fast den ganzen Balzac. (Balzac ist groß! Seine Charaktere sind Schöpfungen des Weltgehirns! Nicht der Zeitgeist, sondern ganze Jahrtausende haben mit ihrem Ringen eine solche Lösung in der Seele des Menschen vorbereitet.) Ferner Goethes Faust, seine kleineren Gedichte. Polevojs Geschichte, Ugolino und Undine ... schließlich Victor Hugo (außer Cromwell ...).“ Und am Rande hat dieser Brief noch eine Nachschrift, die mit dem Ton des ganzen übereinstimmt: „Ich habe ein Projekt: mich verrückt zu stellen ... Mögen die Leute sich nur ärgern, mögen sie versuchen, mich wieder vernünftig zu machen. Wenn Du den ganzen Hoffmann gelesen hast, so kannst Du Dich gewiß an Alban erinnern, wie gefällt er Dir? Es ist schrecklich, einen Menschen zu sehen, der das Unfaßbare in seiner Macht hat, der nicht weiß, was tun, und mit einem Spielzeug spielt, welches – Gott ist!“
Doch eine solche Hingabe an literarische Lektüre hatte zunächst zur Folge, daß Dostojewski nicht versetzt wurde und noch ein ganzes Jahr in derselben Klasse bleiben mußte. Das tat ihm, wie er dem Bruder schreibt, besonders des Vaters wegen bitter leid.[9] In eben diesem Brief vom 31. Oktober 1838, in dem er, nach dem Ausbruch seines Ärgers über dieses Unglück, auf die Philosophie des Bruders ausführlich eingeht, schreibt er am Rande die kennzeichnende Bemerkung über den Vater: „... Aber weißt Du auch? Papachen kennt ja die Welt überhaupt nicht. Hat 50 Jahre in ihr gelebt und ist bei derselben Meinung von den Menschen geblieben, die er vor dreißig Jahren hatte. Glückliche Ahnungslosigkeit. Aber er ist doch sehr enttäuscht, von ihr. Das ist, glaube ich, unser gemeinsames Los.“
Im November dieses Jahres (1838) kam A. E. Riesenkampf, der in Reval Michail Michailowitsch kennen gelernt hatte, nach Petersburg, um hier in die Medizinisch-Chirurgische Akademie einzutreten. Michail Michailowitsch hatte ihn gebeten, seinem Bruder einen Brief zu überbringen. Bei dieser Gelegenheit lernte Riesenkampf Fjodor Michailowitsch kennen. Das Folgende entnehmen wir seinen Aufzeichnungen über seine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski.