„Unser Priester am Krankenhause hatte zwei schon erwachsene Söhne, die nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande auch unseren Eltern ihren Besuch machten. Sie hatten sich als Studenten besonders ausgezeichnet und die Reise ins Ausland auf Staatskosten gemacht; sie sind später bekannte Professoren der Rechtswissenschaft geworden. Damals sagte unser Vater oft genug: ‚Wenn doch auch ich es noch erleben würde, daß meine Söhne sich so auszeichneten!‘

„Zum Schluß möchte ich noch wiedergeben, welcher Meinung mein Bruder Fjodor Michailowitsch von unseren Eltern war. Er äußerte sie vor nicht langer Zeit – Ende der siebziger Jahre. Ich kam auf unsere Kindheit zu sprechen und erwähnte den Vater. Da ergriff mein Bruder plötzlich lebhaft meinen Arm oberhalb des Ellenbogens (das war so seine Angewohnheit, wenn er beim Sprechen seine Seele zu öffnen begann) und sagte mit Inbrunst: ‚Ja, weißt du auch, Bruder, das waren doch die vorbildlichsten Menschen, die Fortgeschrittensten, ja, selbst heute noch wären sie die Fortgeschrittensten! ... Und solche Mustereltern, solche Väter könnten wir, Bruder, nie sein!‘

„Im Herbst des Jahres 1836 erkrankte unsere Mutter. Die Zeit ihrer Krankheit war die traurigste unserer Kindheit. Sie wurde von vielen und sogar berühmten Ärzten behandelt, die alle ihrem Kollegen bereitwilligst beistanden, aber der Ausgang der Krankheit war unvermeidlich, und so verloren wir denn unsere Mutter am 27. Februar 1837.

„Nach ihrem Tode begann der Vater ernsthaft daran zu denken, seine beiden ältesten Söhne nach Petersburg zu bringen (wo er selbst noch nie gewesen war), um sie dort in die Ingenieurschule zu geben. Übrigens hatte er schon viel früher durch den Chefarzt des Marienhospitals, Dr. A. Richter, das Gesuch um Aufnahme seiner Söhne auf Staatskosten in dieses Institut eingereicht, und die Antwort, die sehr günstig lautete, war noch zu Lebzeiten der Mutter eingetroffen, so daß schon damals die Reise nach Petersburg beschlossen worden war.“

Inzwischen war Puschkin gestorben, der Dichter, den die Jünglinge so leidenschaftlich liebten – und selbständig liebten, nicht nach dem Beispiel älterer Leute.

„Ich weiß nicht,“ erzählt Andrei Michailowitsch, „infolge welcher Umstände wir erst nach der Beerdigung der Mutter von seinem Tode erfuhren. Vielleicht weil wir unser eigenes Leid hatten und die ganze Familie beständig zu Hause war. Als meine Brüder von seinem Tode erfuhren und noch alle schrecklichen Einzelheiten[5] hörten, glaubten sie, den Verstand zu verlieren. Fjodor sagte mehrmals in seinen Gesprächen mit Michail, daß er, wenn wir nicht schon Familientrauer hätten, den Vater bitten würde, um Puschkin Trauer tragen zu dürfen. Damals kannten wir Lermontoffs Gedicht auf Puschkins Tod noch nicht, aber es gab ein anderes von einem unbekannten Verfasser – das deklamierten meine Brüder in ihrem Schmerz so oft, daß ich es noch heute, nach 45 Jahren, lückenlos auswendig kann.

„Die geplante Reise nach Petersburg hätte beinahe eine Verzögerung erfahren, da Fjodor Michailowitsch plötzlich erkrankte.“ – Wie man seiner Witwe in Moskau erzählt hat, sei die Schwester der verstorbenen Mutter, Frau A. Kumanina (F. M. hing mit besonderer Liebe an dieser Tante und ihrem Mann), mit beiden Jünglingen zur Sergiuskirche gefahren, um dort vor der Reise noch zu beten, unterwegs aber hätten ihr die beiden Neffen die ganze Zeit Gedichte vorgetragen – vielleicht haben wir hier einen Hinweis auf die Ursache der Heiserkeit, von der der Bruder spricht und die vielleicht nur eine Erkältung war?

„Es stellte sich bei Fjodor nämlich ganz plötzlich und ohne jede erklärliche Ursache eine Halskrankheit ein: er verlor fast ganz die Stimme und konnte nur mit Mühe flüsternd sprechen, so daß er schwer zu verstehen war. Man versuchte es mit allen Mitteln, doch keines half – es wurde bald besser, bald wieder schlechter – bis schließlich andere Ärzte dem Vater rieten, die Reise dennoch anzutreten, da die Luftveränderung in der schönen Jahreszeit nur gut wirken könne. Und so geschah es auch. Trotzdem scheint es mir, daß mein Bruder sein Leben lang die Folgen dieser Erkrankung nicht ganz losgeworden ist. Wer sich seiner Art zu sprechen erinnert, wird zugeben, daß seine Stimme nicht ganz natürlich klang, – sie kam sozusagen mehr aus der Brust, als dies bei anderen Menschen der Fall ist.

„Der Vater hatte die Absicht, nach seiner Rückkehr aus Petersburg auf sein Landgut überzusiedeln (er hatte bereits sein Abschiedsgesuch eingereicht). Endlich kam der Tag der Abreise. Der Geistliche des Marienhospitals, Vater Joann Barscheff, las das Gebet, dann setzten sich der Vater und die Brüder in die Postkutsche (sie fuhren mit Postpferden und wechselnden Fuhrleuten) und traten die Reise nach Petersburg an. Von einem Erlebnis während dieser Reise hat mein Bruder Fjodor 40 Jahre später in seinem ‚Tagebuch eines Schriftstellers‘[6] erzählt (die Begegnung mit einem Feldjäger), und bei der Gelegenheit, wenn auch nur kurz, so doch sehr dichterisch, seine und seines Bruders Stimmung während der Reise geschildert.“

Soweit die Erinnerungen Andrei Michailowitsch Dostojewskis.