Einer von ihnen, Kaidanoff, äußerte sich denn auch sogleich über diese Denkschrift in einem Briefe: „... ich kann mit Petraschewskis Plan nicht sympathisieren, ebensowenig mit allem, was zu Merkantilfeudalismus und zur Finanzaristokratie führt ... mich interessiert die Preissteigerung der Adelsgüter nicht im geringsten“ (davon handelte nämlich die Denkschrift), „vielmehr sollten die Preise mehr und mehr zurückgehen, damit der Staat auf diese Weise die Möglichkeit erhält, die Güter von den Gutsbesitzern zu erwerben“. Und Chanykoff rief ohne weiteres aus: „Das ist ja Verrat!“ Petraschewskis Erklärungen, er habe durch die Verquickung des agrarischen Problems mit den finanziellen Interessen des Adels zunächst nur erreichen wollen, daß auch Personen der anderen Stände das Recht zum Erwerb von Gütern mit Leibeigenen erhielten, was dann, nach seiner Meinung, die Lösung des Bauernproblems nur erleichtern konnte, – diese Erklärungen befriedigten die „Fourieristen“ ganz und gar nicht. Jedenfalls weist Petraschewski darauf hin, daß „dieses Problem (die Bauernemanzipation) nicht gelöst werden kann ohne vorhergehende Umgestaltung der Gerichtsverfassung und des Gerichtsverfahrens“. Achscharumoff[44] dagegen war der Ansicht – und soll, wie verlautet, auch Petraschewski zu ihr bekehrt haben –, daß alle diese Probleme an ein und demselben Tage gelöst werden müßten.

Auch die früheren Verschwörer hatten ein „Vorstadium“ im Auge gehabt – zunächst eine vollkommene Änderung der Regierungsform. Nicht grundlos hat Dostojewski gesagt: „Die Idee der Dekabristen war, die Autokratie zu beschränken: Lords zu werden. Sie wollten“ – das erkennt er an – „die Bauern befreien, aber ohne Zuteilung von Land“. Und natürlich wäre es auch so gekommen, wenn sie ihr „Vorstadium“ erreicht hätten.[45]

Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Stellungnahme Petraschewskis sei hier angeführt, wie in dem von ihm (unter dem Pseudonym Kirilloff) herausgegebenen Fremdwörterbuch das Wort „Konstitution“ erklärt ist, – wobei dahingestellt bleiben muß, ob die Erklärung von ihm selbst oder von seinem Mitarbeiter, dem verstorbenen Walerian Maikoff, verfaßt wurde:

Konstitution: diese Regierungsform war in den westlichen Staaten die Folge einer starken Ständeentwicklung ... Ihre Anhänger behaupten, sie gründe sich auf das Recht jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, an der Verwaltung jenes Ganzen, wovon er ein Teil ist, mitbeteiligt zu sein; doch in der Praxis ist dieser Grundsatz in großen Staaten nicht zu verwirklichen. Überall zwingt die Notwendigkeit, die Zahl der Personen zu begrenzen, die das Recht haben, einen Abgeordneten einer Provinz oder eines Standes zu wählen. Da aber das einzige Maß, an das man sich überall hält, die Größe des Besitzes des Staatsbürgers ist, so ist diese gepriesene Regierungsform in der Praxis nichts anderes als eine Aristokratie des Reichtums ... Die Anhänger der Konstitution vergessen, daß der Charakter des Menschen nicht im Besitz, sondern in der Persönlichkeit enthalten ist, und daß sie, indem sie die politische Macht der Reichen über die Armen anerkennen, damit die größte Despotie verteidigen. 200000 Reiche, die 33 Millionen Unbemittelte und Arme regieren, ist dasselbe wie die Kaste der atheniensischen oder römischen Bürger, die in Luxus und Wohlleben schwelgten, indem sie die Persönlichkeit von Millionen von Menschen niedertraten.“

Merkwürdigerweise findet sich eine Art „Vorstadium“ auch bei dem Gegner der Dekabristen, Karamsin: für ihn lag es in der Volksbildung und ging zurück auf Rousseaus „Zuerst muß man die Seelen befreien, dann die Leiber“. So haben denn bei uns die Anhänger verschiedener Richtungen die Notwendigkeit eines sogenannten „Vorstadiums“ anerkannt.

Doch daran dachten die „Durowzy“, zu denen auch Dostojewski gehörte, ganz und gar nicht, wie es auch die Folgerichtigen der „Fourieristen“ nicht taten, und wie daran im XVIII. Jahrhundert auch Radischtscheff[46] nicht gedacht hat (deshalb hat sich wohl auch unsere junkerlich-bürokratische Opposition an ihm, dem schon längst Verstorbenen, gerächt, indem sie in einer Zeit, als die Bauern bereits befreit waren, seine Werke offiziell verbrannte).

Ich erwähne das alles, weil ich es für notwendig halte, den Standpunkt Dostojewskis sowie vieler anderer unter den „Petraschewzen“ von dem Standpunkt desjenigen Mannes abzusondern, der dem ganzen Prozeß den Namen gegeben hat: Petraschewskis selbst. Dostojewski hatte alle Ursache zu sagen, der Inhalt des in Leipzig erschienenen kleinen Buches „Über die Propagandagesellschaft“ sei zwar „richtig, aber nicht vollständig. Ich sehe da nicht meine Rolle ...“ „Viele Umstände,“ fügt er hinzu, „sind der Darstellung vollständig entglitten; die ganze Verschwörung ist in dieser Darstellung verschwunden.“

In der Tat, wenn es in dem Bericht der Geheimpolizei heißt, daß es sich „hierbei weniger um eine kleine, abgesonderte Verschwörung handle, als um den allumfassenden Plan einer allgemeinen Bewegung des Umsturzes und der Zerstörung“, so geht doch aus der Sache selbst hervor, daß eine Verschwörung eigentlich gar nicht vorhanden war, und zwar „infolge der Verschiedenheit der Anschauungen der Beteiligten“. Petraschewski leitete sie gewissermaßen an. Gleichwohl war er vielen von ihnen recht unsympathisch. In der Erinnerung Dostojewskis hat sich aber augenscheinlich die Empfindung erhalten, daß in der Absicht eine Verschwörung bereits bestand – will sagen bevorstand, d. h. in der Zukunft sicher war. Sie ging allem Anscheine nach aus der allgemeinen Unzufriedenheit hervor, und diese Unzufriedenheit war schließlich das Hauptbindemittel zwischen den einzelnen Vertretern der „Propagandagesellschaft“, wie die ganze Bewegung in dem Leipziger Büchlein sehr richtig benannt worden ist. Man beabsichtigte, Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung der Dinge überall zu propagandieren, zunächst in den Lehranstalten, sodann Beziehungen anzuknüpfen überall dort, wo schon Unzufriedenheit herrschte – also Beziehungen zu den Raskolniki und zu den leibeigenen Bauern.

Und nun berichtet uns Ippolit Desbut, daß den Mitgliedern der verschiedenen Kreise die leidenschaftliche Natur Dostojewskis als für die Propaganda besonders geeignet erschien, da er auf die Zuhörer einen hinreißenden Eindruck machte.

„Ich sehe Fjodor Michailowitsch noch vor mir,“ berichtet Desbut, „und glaube noch jetzt zu hören, wie er bei Petraschewski von einem Feldwebel erzählt, der sich an seinem Kommandeur für seine und seiner Kameraden barbarische Behandlung gerächt hatte und dafür Spießruten laufen mußte; oder wenn er schilderte, wie Gutsbesitzer mit ihren Leibeigenen umgehen ... Nicht minder lebendig habe ich in der Erinnerung, wie er seine Geschichte von der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erzählte – viel ausführlicher, als sie im Druck erschienen ist; und ich weiß noch, mit wie lebendig empfundener Menschlichkeit er sich auch damals zu jenem öffentlichen ‚Prozentsatz‘ verhielt, als dessen Verkörperung später seine Ssonetschka Marmeladowa erschien“ (natürlich nicht ohne Einfluß der Lehre Fouriers). „Begreiflicherweise wurde Dostojewski deshalb auch von den ‚Fourieristen‘ besonders geschätzt, und gerne hätten sie ihn unter den Ihrigen gesehen. Die Möglichkeit, ihn zu sich hinüberzuziehen, war nicht ausgeschlossen bei seiner Empfänglichkeit für Eindrücke und seiner noch unfesten Stellungnahme.“