Und nun – nach so viel verehrten europäischen Namen und von uns aufgenommenen Ideen – vernimmt man plötzlich von einem Manne wie Louis Blanc diesen Ausbruch des Unwillens gegen eine solche europäische Koryphäe wie Voltaire: „Non, Voltaire n’aimait pas assez le peuple“,[5] usw. Als Bjelinski das las, entfuhr ihm unwillkürlich der Ausruf: „Alle Heiligen! Das ist ja Schewyreff!“[36] Denn Bjelinski war und blieb bei all seinem Sozialismus bis an sein Lebensende ein glühender Verehrer der europäischen Kultur, weshalb ihn ein solches Urteil abstoßen mußte. Andere dagegen konnte dieser Umstand, daß Louis Blanc an „Schewyreff“ gemahnte, nur um so mehr anziehen – den einen bewußt und offen, den anderen unbewußt und in Unklarheit über sich selbst[37].
A. P. Miljukoff, der im Winter 1848 gleichfalls zu dem kleinen Kreise gehörte, der bei dem Kollegienassessor a. D. und Schriftsteller Duroff[38] zusammenkam, erzählt, daß man aus Dostojewskis Urteilen immer den Verfasser der „Armen Leute“ erkennen konnte, und daß er sich stets gegen alle Maßnahmen, die geeignet waren, irgendwie das Volk zu bedrücken, ausgesprochen habe. Als man einmal die Frage erörterte, ob die Befreiung der Bauern „von unten oder von oben kommen werde, und jemand die Ansicht äußerte, die Aufhebung der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege sei höchst zweifelhaft, äußerte Fjodor Michailowitsch schroff, daß er an keinen anderen Weg glaube“. An diese Erinnerung schließt sich die Aussage des Leutnants der Leibjäger A. Palm[39] an, nach der Dostojewski, als die Debatte sich zu der Frage zugespitzt hatte: „Nun, wenn es sich aber zeigt, daß man die Bauern nicht anders als durch einen Aufstand befreien kann?“ mit der ihm eigenen Empfänglichkeit für jeden Eindruck ausgerufen habe: „Dann, meinetwegen, auch durch einen Aufstand!“
Überhaupt scheint der Kreis um Duroff aus recht hitzköpfigen jungen Leuten bestanden zu haben. Diese Tollköpfigkeit verleitete sie u. a. zu der unvorsichtigen Absicht, eine geheime Druckerei zwecks Vervielfältigung und Verbreitung von Reden und Schriften anzulegen, – eine Unvorsichtigkeit, mit der Petraschewski sehr unzufrieden war, da sie bei den damaligen Zensur- und Polizeiverhältnissen durchaus nicht als ein unschuldiges Unterfangen angesehen werden konnte. Im übrigen schildert der erwähnte Leutnant A. Palm in seinem Roman „Alexei Sslobodin“ nicht nur eben diesen Kreis, sondern er hat auch, wie er mir selbst sagte, der Gestalt des Sslobodin einzelne Züge des jungen F. M. Dostojewski verliehen. So finden wir in der Wiedergabe der Debatten die folgende Stelle:
„Die einen traten mutig für die Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen ein; die anderen sahen das ganze Heil in der Freiheit der Presse; die dritten proklamierten das Wahlrecht“ usw. „... Da sagte Sslobodin leise und langsam: ‚Die Befreiung der Bauern wird zweifellos der erste Schritt in unsere große Zukunft sein‘. Diese Worte, die in dem ruhigen Tone einer schon längst gewonnenen und abgeklärten Überzeugung gesagt wurden, wirkten stark auf die erhitzten Streiter und versöhnten alle Meinungen.“
Und an einer anderen Stelle des Romans, wo der Streit den politischen Umschwung in Frankreich berührt, äußert Sslobodin:
„... politische Fragen interessieren mich wenig ... es ist mir, offen gestanden, ganz gleichgültig, wen sie dort bekommen – Louis Philippe oder irgend einen Bourbonen, oder meinethalben auch die Republik ... Wem ist damit geholfen? Das Volk gewinnt ein paar wohltönende Phrasen, wird auf der Liste seiner Märtyrer ein paar neue Namen hinzufügen können, und am Ende wieder dieselbe Arbeit aufnehmen, die nur dem Bourgeois einen Gewinn einbringt, – folglich wird das Leben nicht um ein Haar dadurch besser werden ... Nein, ich glaube nicht, daß dieses Spiel mit alten politischen Formen irgendwelchen Nutzen bringen kann.“
Es entspricht dies übrigens der Lehre Fouriers und stimmt mit dem überein, was Miljukoff in seinen Erinnerungen an Dostojewski berichtet. Nur seiner Bemerkung, daß Dostojewski die sozialistischen Schriftsteller zwar gelesen, sich aber kritisch zu ihnen verhalten habe, muß die Aussage von I. Desbut[40] gegenübergestellt werden, nach der Dostojewski jene Schriften gar nicht selbst studiert hat, vielmehr nur mit ihrem Inhalt durch Chanykoff[41] bekannt geworden ist.
Aus manchem geht hervor, daß Dostojewski eine Gefahr für das russische Volk nicht nur in den offiziellen Regierungskreisen sah. Wie von anderer Seite verlautet, soll er sogar zu einer unmittelbaren Annäherung an die Unzufriedenen im Volk bereit gewesen sein. „Sslobodin“ knüpft in dem erwähnten Roman von Palm Beziehungen zu der Sekte der Raskolniki an. Auch nach der Aussage eines „Petraschewzen“ (d. h. eines der in dem Fall Petraschewski Mitverhafteten) hat Dostojewski tatsächlich an eine Annäherung an die Raskolniki gedacht. Aus den Untersuchungsakten geht nur hervor, daß Dostojewski „eingesteht, sich an Gesprächen über die Möglichkeit einzelner Veränderungen und Verbesserungen beteiligt zu haben, jedoch aussagt, daß sein Vorsatz gewesen sei, die Einführung dieser Veränderungen und Verbesserungen von der gesetzmäßigen Regierung abzuwarten“. Welche Veränderungen und Verbesserungen er eigentlich anstrebte, ist nicht gesagt, aber daß sie für die meisten hauptsächlich auf die Befreiung der Bauern hinausliefen, ist aus dem Verhör Golowinskis[42] zu ersehen, der „zwar einmal in der Hitze gesagt hat, daß zu diesem Zweck jedes Mittel recht sei, im allgemeinen sich aber über die Bauernbefreiung in dem Sinne geäußert haben will, daß die Regierung diese ja kraft ihres autokratischen Rechts einfach verfügen könne“.
Nun war aber in den Augen mancher Mitglieder der Untersuchungskommission schon der Wunsch, die Bauern befreit zu sehen, ein Verbrechen, selbst wenn man die Tat von der gesetzmäßigen Regierung erwartete; und überdies mögen manche Aristokraten unter ihnen wie auch unter den Richtern sich von gewissen Gefühlen des Adels zu besonderer Strenge haben verleiten lassen, von Gefühlen, denen gerade die hierbei der Autokratie als solcher zugewiesene Machtvollkommenheit in der Frage der Bauernbefreiung unerwünscht war[43].
Dagegen hätte man an Petraschewski selbst einzelne Züge entdecken können, die geeignet waren, den Landadel zu bestechen (und vielleicht hatte es Petraschewski gerade darauf abgesehen). Eine 1848 von ihm verfaßte und bei Gelegenheit der Adelswahlen unter vielen Adligen verteilte Denkschrift war offiziell als schädlich anzusehen, da sie immerhin die Absicht verfolgte, den Adel aufzuwiegeln. Aber dieselbe Denkschrift fand bei vielen der Petraschewzen selbst nicht den geringsten Anklang – besonders bei den Offenen und Unverfälschten nicht, die unfähig zu einer Handlung waren, die man heute Opportunismus nennt.