„... Es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel ... Es ist, als schiene in diese Winkel niemals dieselbe Sonne, die sonst für Petersburger Menschen leuchtet, sondern als komme dorthin das Licht einer anderen, einer neuen Sonne, die gleichsam nur für diese Winkel bestellt ist, und ... als schiene sie auf alles mit einem ganz anderen, einem besonderen Lichte. In diesen Winkeln ... wird gleichsam ein ganz anderes Leben gelebt, eines, das gar nicht jenem Leben gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es in einem tausend Meilen fernen unbekannten Staate geben könnte, nicht aber bei uns, in unserer so ernsten, so überernsten Zeit ... In diesen Winkeln leben seltsame Menschen ... Wesen, die man Träumer nennt.“

In unserer Presse ist die Ansicht vertreten worden, daß Dostojewski selbst ein solcher „Träumer“ gewesen sei. Ich erlaube mir dagegen die Annahme, daß in den angeführten Zeilen eine Anspielung auf jene besondere Art von „Träumerei“ enthalten ist, die Dostojewski schließlich nach „Sibirien“ gebracht hat.

Aber schon hier verhält Dostojewski sich einigermaßen kritisch zu der rätselhaften Bevölkerung in den von ihm erwähnten Winkeln. Er sieht in ihrem Leben „eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend Idealem und zugleich trüb Prosaischem und Gewöhnlichem, um nicht zu sagen: bis zur Unglaublichkeit Gemeinem“.

„Eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit,“ nennt Dostojewski später jene Jahre, die am Ende seines ersten Lebensabschnittes stehen, als auch er sich infolge von Einflüssen, denen er seit seinem ersten literarischen Hervortreten ausgesetzt war, an gewissen Zusammenkünften beteiligte ... Diese Beeinflussung geht zunächst von der bezaubernden Persönlichkeit des „großen Kritikers“ aus (Bjelinski), der Dostojewski das zu erklären suchte, was dieser, wie Bjelinski meinte, von sich aus nicht begriff. „Ich nahm damals mit Leidenschaft seine Lehre an,“ erzählt Dostojewski später, und wohl deshalb nennt er jene Zeit „eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit“[28]. Nach dieser klaren Aussage sind die Zweifel, ob wirklich Bjelinski es war, der Dostojewski mit den sozialistischen Lehren bekannt gemacht hat, wohl nicht mehr berechtigt. Andererseits geht aus Bjelinskis im Jahre 1847 veröffentlichtem „Überblick über die russische Literatur“ ebenso unzweifelhaft hervor, daß die Beeinflussung eine gegenseitige war: daß die Unterhaltungen mit Dostojewski ihn dazu gebracht haben, die von ihm so leidenschaftlich übernommenen antichristlichen Theorien einer Prüfung zu unterziehen und sich mit Begeisterung wenigstens über den sittlichen Einfluß des Christentums im sozialen Sinne zu äußern.

In den vierziger Jahren hatten sich in Petersburg, unabhängig voneinander, gewisse Kreise gebildet. So war einer an der Universität entstanden, und zwar war er ursprünglich als Gegengewicht zu den damals an ihr bestehenden Korporationen gedacht, die ihr Vorbild in Dorpat hatten. Das überlieferte flotte Burschenleben mit den üblichen Mensuren erschien manchen unserer jungen Leute schließlich als gar zu abgeschmackt. Man wollte lieber Lesekreise einführen, plante die Gründung einer besonderen Studentenbibliothek u. a. m. Man besuchte die Vorlesungen Poroschins, deren Gegenstand man heute „Soziologie“ nennen würde, und so kam es, daß die Studenten – allerdings nicht besonders viele – sich überhaupt für ökonomische Fragen zu interessieren begannen. Allmählich machten sie sich auf eigene Faust mit den Werken von L. v. Stein[29] und Haxthausen[30] einerseits, wie andererseits mit denen von Louis Blanc[31], Fourier[32] und Proudhon[33] bekannt. Alsbald bildeten sich solche Kreise auch außerhalb der Universität. Ihre Mitgliederschaft war nach Bestand und Zusammensetzung eine äußerst bunte. Wie es zuging, daß diese verschiedenen Kreise nach und nach einen politisch-oppositionellen Charakter annahmen, erklärt uns A. P. Miljukoff[34] folgendermaßen:

„... Für unsere damalige gebildete Jugend war es eine schwere Zeit ... In ganz Europa schien neues Leben zu keimen ... Doch in Rußland herrschte in der gleichen Zeit die schwerste Reaktion; Wissenschaft und Presse konnten unter dem harten Drucke der Regierung kaum atmen und jede Äußerung des geistigen Lebens wurde unterdrückt. Aus dem Auslande wurden eine Menge freiheitlicher Schriften eingeschmuggelt.“

Eben diese verbotene Frucht wurde schließlich zur Hauptnahrung in jenen wissenschaftlich-literarischen Kreisen. Es war nun Petraschewski, der diese Kreise, über deren Vorhandensein er unterrichtet war, für seine Pläne zu benutzen gedachte. Der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski hatte zunächst ein Lyzeum besucht, dann (1841) sein Studium an der Universität beendet, und war schließlich im Ministerium des Äußern angestellt worden, trug aber gleichwohl – was eine für jene Zeit erstaunliche Nachsicht seiner Vorgesetzten einer solchen „Schrulle“ gegenüber bezeugt – einen Bart und einen Hut mit einer riesigen Krempe. Diesem Petraschewski nun erschien es wünschenswert, daß sich möglichst viele Kreise von der bezeichneten Art bildeten, damit sie dann von verschiedenen Seiten her ihre Propaganda machen konnten – wobei es nicht nur unnötig, sondern nicht einmal erwünscht war, daß diese einzelnen Kreise sich persönlich kannten oder auch nur um einander Bescheid wußten: es genügte vielmehr, daß er, Petraschewski, allein mit den einzelnen Kreisen in Fühlung stand und sie alle kontrollierte[35].

„Unsere Sozialisten sind aus den Petraschewzen hervorgegangen. Die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“ – hat Dostojewski selbst einmal in seinen letzten Lebensjahren gesagt. Wie aber der Boden zur Aufnahme dieses Samens vorbereitet wurde, darauf weist Dostojewskis Frage hin: „Kann denn der russische Jüngling dem Einfluß – des fortschrittlichen europäischen Gedankens – und besonders der russischen Seite ihrer Lehren gegenüber gleichgültig bleiben? ... Eine solche russische Seite dieser Lehren gibt es tatsächlich. Sie besteht aus Schlußfolgerungen in Gestalt unerschütterlicher Axiome, wie sie nur in Rußland gezogen werden.“ Diese russischen Schlußfolgerungen aus den europäischen Lehren waren immer deren äußerste Konsequenz, waren Folgerungen, die schließlich, wie Dostojewski 1876 schreibt, „zur Verneinung Europas und seiner Kultur führten, dieser Kultur, die in vielem, in gar zu vielem der russischen Seele fremd ist.“

In der neuesten europäischen Lehre – dem Sozialismus – erfordert nach L. von Stein unsere größte Aufmerksamkeit „die Kritik der gegenwärtigen Zivilisation“ ... – „Aber diese gegenwärtige Zivilisation ist ja ... eine europäische Zivilisation,“ folgerten alsbald einzelne bei uns, „sie wurzelt ja in der europäischen Vergangenheit, in den Grundlagen der europäischen Geschichte. Bei uns aber“ – so entschlossen sich einige, weiterzudenken – „bei uns sind die Grundlagen der geschichtlichen Vergangenheit ganz andere; um so weniger Wert hat für uns diese Zivilisation, und um so mehr Wert hat für uns das, was sich gegen sie erhebt.“

So sah Dostojewski in der Geschichte unserer sozialistischen Bewegung – als einer, der zu Anfang an derselben unmittelbar beteiligt gewesen war und als tiefer Psychologe – einerseits eine rückhaltlose Hingabe an Europa, und andererseits die geheime Gegenwehr unserer russischen Natur gegen dieses Europa, das uns überwältigen wollte. In dieser Doppelseitigkeit der Beziehung liegt vielleicht die Erklärung dafür, daß die Bewegung, wie Dostojewski sagt, „sich bis heute fortsetzt und keineswegs die Absicht zu haben scheint, stehen zu bleiben ...“