„‚Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich nur an. Wir warten so lange,‘ fügte der Oberstleutnant mit noch freundlicherer Stimme hinzu. – Während ich mich also ankleidete, verlangten sie von mir meine Bücher und begannen zu suchen; – sie fanden nicht viel, aber sie durchwühlten alles. Die Papiere und Briefe banden sie sorgfältig mit einem Schnürchen zusammen. Der Pristaw legte hierbei viel Umsicht an den Tag; er steckte die Nase in meinen Ofen und scharrte mit meinem Pfeifenrohr in der alten Asche herum. Der Gendarmerieunteroffizier stieg auf seinen Wunsch auf einen Stuhl und versuchte, auf den Ofen zu klettern, glitt aber vom Gesimse ab, fiel mit einem Krach auf den Stuhl und dann mit dem Stuhl auf den Fußboden. Da waren denn die scharfsinnigen Herren überzeugt, daß sich auf dem Ofen nichts befand. Aber auf dem Tisch lag ein Fünfkopekenstück, ein altes, verbogenes. Der Pristaw betrachtete es aufmerksam und gab dem Oberstleutnant mit einer Kopfbewegung einen Wink.
„‚Ist’s am Ende eine falsche Münze?‘ fragte ich.
„‚Hm ... Das muß man noch untersuchen‘ ... brummte der Pristaw und erledigte die Frage zunächst damit, daß er auch die Münze den anderen beschlagnahmten Sachen hinzufügte.
„Wir traten hinaus. Uns begleiteten die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der zwar auch sehr erschrocken zu sein schien, aber mit einer gewissen stumpfen Feierlichkeit, wie sie dem Ereignis angemessen war, dreinschaute; übrigens – einer nicht gerade festtäglichen Feierlichkeit. Vor dem Hause hielt eine Kutsche, in die stieg zuerst der Soldat ein, dann ich, dann der Pristaw und der Oberstleutnant. Wir fuhren zur Fontanka, zur Kettenbrücke am Sommergarten. Dort gab es ein großes Kommen und Gehen von vielen Menschen. Ich sah eine Reihe von Bekannten. Alle waren verschlafen und schweigsam. Irgend ein Herr, ein Zivilbeamter, doch von hohem Rang, besorgte den Empfang ... ununterbrochen kamen hellblaue Herren mit neuen Opfern herein. – ‚Da hast du nun, Mütterchen, den Georgstag!‘[53] sagte mir jemand ins Ohr. Der 23. April war ja richtig Georgi! Nach und nach umringten wir den hochgestellten Herrn, der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste war vor den Namen Antonelli mit einem Bleistift geschrieben: ‚Agent in der aufgedeckten Sache‘.
„‚Also Antonelli,‘ dachten wir.
„Man verteilte uns in den Räumen, um uns auseinander zu halten, und wartete auf den endgültigen Bescheid, wo man einen jeden unterbringen sollte. In dem sogenannten weißen Saal befanden sich siebzehn von uns. Da kam Leonti Wassiljewitsch herein.“ (Dubbelt, der Untersuchungsrichter.) „Doch hier breche ich lieber ab. Das ist zu lang zum Erzählen. Ich versichere nur noch, daß Leonti Wassiljewitsch ein überaus angenehmer Mensch war.“
Irrtümlicherweise hatte man statt Michail Michailowitsch, der nach Quittierung seines Dienstes nach Petersburg übergesiedelt war, den jüngeren Bruder Andrei, der in Petersburg Architektur studierte, mit verhaftet.
Auch ihn hatten Gendarmen und Polizeileute geweckt und in die Dritte Abteilung Seiner Majestät Privatkanzlei (d. h. auf die Geheimpolizei) gebracht.
Dort fand er im Saal schon ungefähr zwanzig andere vor, – erzählt Andrei Michailowitsch in seinen Aufzeichnungen von diesem Erlebnis und der Haft in der Peter-Paulsfestung. – Sie unterhielten sich laut wie Bekannte unter einander; die einen verlangten Tee, die anderen Kaffee. „Plötzlich sehe ich meinen Bruder Fjodor, der eilig auf mich zukommt:
„‚Warum bist du hier, Bruder?‘ fragte er mich, aber da kamen schon zwei Gendarmen: und wir wurden in verschiedene Säle geführt.