„Den ganzen 23. April verbrachten wir fast bis zur Nacht in der Dritten Abteilung[54]. Das war ein Tag quälender Ungewißheit. Man verteilte uns zu 8 oder 10 in den verschiedenen Sälen. Gegen Mittag erschien der Chef der Gendarmerie, Fürst Orloff, und hielt eine kurze Ansprache an die Verhafteten, des Inhalts, daß wir durch unser Verhalten die Regierung gezwungen hätten, uns der Freiheit zu berauben; nach sorgfältiger Prüfung der Angelegenheit werde das Gericht das Urteil über uns fällen, doch die letzte Entscheidung hinge von der Gnade Seiner Kaiserlichen Majestät ab.

„Man gab uns Tee, ein Frühstück, Kaffee, ein Mittagessen, kurz, wir wurden glänzend versorgt.“ Das bestätigen auch die Aussagen der anderen, denen sogar Zigarren angeboten worden sein sollen. „Gegen 11 Uhr abends begann man, uns einzeln aufzurufen. Keiner, der hinausgegangen war, erschien wieder. Schließlich wurde auch ich hinausgerufen und in das Kabinett zu Dubbelt geführt. Der frug mich nach meinem Namen und befahl mir, dem Herrn Leutnant zu folgen, der sich mit einem Gendarmen und mir in die Kutsche setzte ... Sonderbarerweise kam es mir gar nicht in den Sinn, daß man mich nach der Festung bringen könnte.“ Erst als sie dort anlangten, wurde ihm klar, um was es sich handeln mochte. Das Zimmer, in das man ihn führte, war kaum-kaum erhellt: von einer kleinen Tranlampe, die auf einem hohen Vorsprung über dem Fenster stand. Dieses Zimmer erwies sich als sehr feucht, so daß der Festungskommandant am nächsten Morgen bei seinem Rundgange sagte: „Ja, hier ist es nicht schön, ganz und gar nicht schön, – man muß sich beeilen.“ Mit diesen letzten Worten hatte er wohl nur sagen wollen, daß man sich mit der Instandsetzung der neuen Kasematten beeilen müsse – was Andrei Michailowitsch sich damals freilich nicht so zu deuten verstand. Auf seine Frage: ‚Weshalb bin ich verhaftet worden?‘ antwortete ihm der Kommandant: „Das wird man Ihnen beim Verhör erklären.“

„Und von nun an,“ erzählt Andrei Michailowitsch weiter, „verlief mein Leben von einem Tag zum anderen in vollkommenem Nichtstun. Weder Bücher, noch Schreibpapier! Die einzige Zerstreuung bestand darin, daß die Tür meiner Kasematte sich fünfmal am Tage öffnete: um 7 Uhr morgens, wenn man das Waschwasser brachte und aufräumte; um 10 Uhr, wenn die Vorgesetzten ihren Rundgang machten – fast immer der Kommandant in eigener Person; um 12, wenn man das Essen brachte (Kohl- oder eine andere Suppe mit bereits kleingeschnittenem Rindfleisch[55] und einen Brei; Brot so viel man wollte); um 7 Uhr abends, wenn man das Abendbrot brachte (eine warme Speise); und schließlich, wenn es dunkel wurde, um das Tranlämpchen aufs Fenster zu stellen.“

So vergingen zehn Tage. Erst am 2. Mai kam der jüngere Dostojewski vor die Untersuchungskommission, und es stellte sich heraus, daß er von der ganzen Angelegenheit in der Tat nichts wußte. Ihm half besonders, daß er auf die Frage nach Butaschewitsch-Petraschewski, im Glauben, es handele sich um zwei Personen, ganz naiv antwortete: „Nein, Petraschewski kenne ich nicht, aber wie nannten Ew. Exzellenz den anderen?“

Daraufhin ließ ihn der Kommandant aus der feuchten Kasematte in einen neuen Raum führen und schließlich nahm er ihn bis zur Erledigung aller Formalitäten sogar in seine Privatwohnung. Der Irrtum hatte sich aufgeklärt, und in der Nacht vom 5. zum 6. Mai wurde Michail Michailowitsch verhaftet, worauf man dann erst, am 6. Mai, Andrei Michailowitsch entließ.

Über die Haltung seines älteren Bruders während der Haft schreibt Fjodor Michailowitsch im Jahre 1876 gelegentlich der Zurückweisung einzelner versteckter Vorwürfe in einer privaten Angelegenheit des Verstorbenen:

„Mein Bruder war weder an der organisierten Geheimgesellschaft Petraschewskis, noch an der Duroffs beteiligt. Aber er hatte die Abende bei Petraschewski besucht und aus der gemeinsamen geheimen Bibliothek, die sich im Hause Petraschewskis befand, Bücher entliehen. Er war damals Fourierist und studierte mit Leidenschaft dessen Lehre. Das war bekannt geworden. So konnte er sich während dieser zwei Monate seiner Haft durchaus nicht für ungefährdet halten oder damit rechnen, daß man ihn entlassen werde. Ja, er konnte sogar, wenn nicht Sibirien, so doch die Verbannung nach einer fernen Gegend Rußlands erwarten ... dabei hatte er eine Frau und drei kleine Kinder, die er zärtlich liebte und die gänzlich mittellos zurückgeblieben waren. Ich kann mir denken, was er in diesen zwei Monaten durchgemacht hat. Indessen hat er sich nicht zu den geringsten Angaben, die andere hätten bloßstellen können, verleiten lassen, um dadurch sein eigenes Los zu erleichtern, obgleich er manches hätte aussagen können; denn wenn er auch selbst nicht beteiligt war, so war er doch von manchem unterrichtet. Ich frage nun: hätten viele an seiner Stelle so gehandelt? Ich stelle kühnlich diese Frage, denn ich weiß, was ich sage. Ich weiß und habe gesehen, als was sich Menschen in solchen Unglücksfällen erweisen, und urteile darüber nicht etwa abstrakt.“

Außer Andrei und Michail Michailowitsch wurden von den im ganzen 34 Verhafteten noch andere entlassen. Es blieben 23: der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski (27 Jahre alt); der Gutsbesitzer aus dem Gouvernement Kursk Nikolai Speschnjoff (28 Jahre alt); der Leutnant des Moskauer Leibgarderegiments N. Mombelli (27 Jahre alt); der Leutnant des Gardegrenadierregiments N. Grigorjeff (27 Jahre alt); der Stabskapitän des Gardejägerregiments F. Lwoff (28 Jahre alt); der Student der Petersburger Universität P. Filippoff (24 Jahre alt); der im Asiatischen Departement angestellte Kandidat d. Petersb. Universität D. Achscharumoff (26 Jahre alt); der Student A. Chanykoff (24 Jahre alt); die im Asiatischen Departement angestellten Brüder Konstantin Desbut (38 Jahre alt) und Ippolit Desbut (25 Jahre alt); der gleichfalls dortselbst angestellte N. Kaschkin (20 Jahre alt); der Kollegien-Assessor a. D. und Schriftsteller S. Duroff (33 Jahre alt); der Ingenieur-Leutnant a. D. und Schriftsteller F. M. Dostojewski (27 Jahre alt); der unbeamtete Adlige und Schriftsteller A. Pleschtschejeff (23 Jahre alt); der im Justizministerium beamtete Titularrat W. Golowinski (20 Jahre alt); der Lehrer an der Hauptingenieurschule F. Toll (26 Jahre alt); der Gehilfe des Inspektors an dem Technologischen Institut I. Jastrshemski (34 Jahre alt); der Leutnant des Garde-Jäger-Regiments A. Palm (27 Jahre alt); der im Ministerium des Inneren angestellte Titularrat K. Timkowski (35 Jahre alt); der Kollegiensekretär A. Jewropéus (22 Jahre alt); der Kleinbürger P. Schaposchnikoff (28 Jahre alt); der Sohn eines Ehrenbürgers W. Kateneff (19 Jahre alt); der Leutnant a. D. R. Tschernosswitoff (39 Jahre alt).

Ein so gemischter Bestand der Gesellschaft gab der Polizei den Anlaß zu folgenden Erwägungen: „Die gewöhnlichen Verschwörungen pflegen aus gleichartigen oder gleichgestellten Mitgliedern zu bestehen – z. B. waren an der Dezemberverschwörung 1825 ausschließlich Adlige, und zwar vornehmlich Offiziere beteiligt. Hier dagegen, bei dieser Verschwörung, gab es neben Gardeoffizieren und Beamten des Ministeriums des Auswärtigen, Seite an Seite mit ihnen, Studenten, die die Universität nicht beendet hatten, gab es kleine Künstler, Kaufleute, Kleinbürger, sogar Händler, die sonst Tabak verkauften. Augenscheinlich begann man hier an einem Netz zu spinnen, das die ganze Bevölkerung umfassen und demgemäß nicht nur an einer Stelle, sondern überall ausgelegt werden sollte.“

Die Petraschewzen selbst zogen die Parallele mit den Dezembermännern in einem anderen Sinne: „Deren Vergehen waren wichtiger,“ sagten sie sich während ihrer Einzelhaft in der Festung, „da sie ins Heer eindrangen und über Kanonen und Gewehre verfügten.“ So hat Dostojewski gedacht. Speschnjoff aber hatte sich gesagt: „Die Dekabristen kämpften auf der Straße und auf den Plätzen, wir aber haben nur in einem Zimmer miteinander gesprochen.“ Dennoch sagt Dostojewski später aus, daß eine ganze Verschwörung vorgelegen habe, mit allem, was auch zu den späteren Verschwörungen gehörte, außer den Attentaten.