„Wir setzten uns und kauerten uns zusammen – Duroff auf der Pritsche, ich neben Dostojewski auf dem Fußboden. Hinter der dünnen Wand, oder fast war es nur ein Bretterverschlag, wo, wie wir später erfuhren, Untersuchungsgefangene untergebracht waren, hörte man das Aufschlagen der kleinen Krüge und Gefäße, aus denen sie Schnaps tranken, dazu die Ausrufe der Karten- und Würfelspieler und ein solches Geschimpfe, solche Flüche ...
„Duroffs Finger und Zehen waren erfroren. Bei Dostojewski hatten sich schon in der Peter-Pauls-Festung skrophulöse Wunden im Gesicht und im Munde gebildet. Und mir war die Nasenspitze erfroren.
„Inmitten dieser ... Umgebung fiel mir mein früheres Leben ein, mein Leben in Petersburg, im Kreise junger, sympathischer, kluger Universitätskameraden ... Ich dachte, was wohl meine Schwester sagen würde, wenn sie mich hier sähe? Ich dachte, für mich gäbe es keine Rettung mehr, und beschloß, meinem Leben ein Ende zu machen, wozu ich schon in der Peter-Pauls-Festung Vorbereitungen getroffen hatte ... Ich erwähne dieses Schwere hier nur deshalb, weil es mir die Möglichkeit gab, die Persönlichkeit Dostojewskis näher kennen zu lernen. Seine angenehme und liebevolle Unterhaltung heilte mich, erlöste mich von der Verzweiflung und erweckte wieder Hoffnung in mir.
„Dank einem Zufall erhielten wir ganz unverhofft ein Talglicht, Streichhölzer und heißen Tee, der uns schöner dünkte als Nektar.“ (Auf Befehl eines Gendarmerieoffiziers, der, wie es sich herausstellte, mit Jastrshemski durch andere bekannt war.) „Dostojewski hatte noch vorzügliche Zigarren, die dem verehrten Iwan Gawrilowitsch bei der Durchsuchung zum Glück entgangen waren. In freundschaftlicher Unterhaltung verbrachten wir den größeren Teil der Nacht. Dostojewskis angenehme, liebe Stimme, die Zartheit und Weichheit seines Empfindens, ja sogar einzelne seiner – ganz weiblichen-kapriziösen Ausbrüche wirkten auf mich beruhigend. Ich sagte mich von jedem äußersten Entschluß los. Dort im Tobolskschen Ostrogg wurde ich von Dostojewski und Duroff getrennt. Wir umarmten uns unter Tränen und sahen uns nie wieder.
„Dostojewski gehörte zu jener Kategorie von Wesen,“ schließt Jastrshemski, „von denen Michelet sagt: que tout en étant le plus fort mâles, ils ont beaucoup de la nature féminine.[8][60] Durch diesen Umstand ist jener Zug in seinen Werken erklärt, in dem man die Grausamkeit des Talents und die Lust zu quälen sieht ...
„... Ich glaube nicht, etwas Paradoxes zu äußern, wenn ich sage, daß gerade diese unverdienten Leiden, die ein anscheinend blindes und taubes Schicksal ihm zudachte, seiner Begabung zum Nutzen gereichten, indem sie seine psychologische Analyse bis zur Vollendung entwickelten.“
So faßte auch Dostojewski sein Schicksal auf. Indem es sich als Stiefmutter gebärdete, erzog es ihn in Wirklichkeit wie eine strenge, doch fürsorgende Mutter.
Verbannung und Befreiung.
Während ihres Aufenthaltes in Tobolsk erwirkten es die Frauen der Dekabristen – von denen einzelne dort in der Verbannung lebten –, ihnen ein ausgesuchtes Mittagessen, sogar eines mit Weinen, bereiten zu dürfen. Es waren dies, nach Jastrshemski, Frau Murawjowa, Frau Annenkowa mit ihrer Tochter und Frau von Wisin. Zum Abschied schenkten sie jedem von ihnen ein Neues Testament. Die Petraschewzen waren, im Gegensatz zu den Dekabristen, fast alle noch unverheiratete, ganz junge Menschen. Es mag auf sie keinen geringen Eindruck gemacht haben, hier den, wie Dostojewski sagt, „in nichts schuldigen“ Frauen zu begegnen, „die in langen 25 Jahren freiwillig alles mitertrugen, was ihre verurteilten Männer zu ertragen hatten.“
Am 17. Januar traten Dostojewski und Duroff die Weiterreise nach Omsk an. Das beste Material zu einer Lebensbeschreibung der nun folgenden vier Jahre, die Dostojewski im Ostrogg zu Omsk verbrachte, geben uns natürlich seine „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“. Aber zum Teil könnte man auch auf sie die Worte anwenden, die Goethe zur Kennzeichnung seiner Autobiographie gewählt hat: „Aus meinem Leben. Wahrheit und Dichtung“. Dostojewski schildert nämlich sein Leben im Zuchthause im Namen einer anderen Person. In einem den „Aufzeichnungen“ vorangeschickten Kapitel erzählt er, wie er den angeblichen Verfasser derselben kennen gelernt habe und nach dessen Tode in den Besitz dieser Aufzeichnungen gelangt sei. Der Verfasser, den er Alexander Petrowitsch Goräntschikoff nennt, sei ein Edelmann gewesen, der wegen Ermordung seiner Frau aus Eifersucht zehn Jahre als Sträfling in dem geschilderten Zuchthause habe zubringen müssen.