Zur Erklärung dieses vorausgeschickten Kapitels sei hier darauf hingewiesen, daß schon allein die Drucklegung solcher Aufzeichnungen aus einem Totenhause vor der Regierung Alexanders II. undenkbar gewesen wäre. Man kann wohl kühnlich behaupten, daß sie nichts unterschlagen, nichts beschönigen, vielmehr alles mit oft geradezu vernichtendem Realismus schildern ...[61] Wenn Dostojewski es auch für nötig fand, unter der Maske eines gewöhnlichen Verbrechers zu schreiben, so kommt er in einem besonderen Kapitel doch auch auf die politischen Verbrecher zu sprechen. (Dieses Kapitel wurde, nachdem es in der „Zeit“ einmal veröffentlicht worden war, in manchen Buchausgaben weggelassen, doch in die jetzt vorliegende Gesamtausgabe seiner Werke ist es wieder in der ursprünglichen Fassung aufgenommen[62].) ... Erst im Jahre 1876, als in einem neuen enzyklopädischen Nachschlagebuch von ihm unter anderen vollkommen falschen Angaben gesagt worden war, er sei „in den Prozeß Petraschewski verwickelt gewesen,“ sah er sich gezwungen – „da niemand verpflichtet ist, über den Prozeß Petraschewski unterrichtet zu sein“ und man danach ebensogut glauben könne, er sei „wegen Raubes“ verurteilt worden –, in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ ausdrücklich zu erklären, und er hat die Worte unterstrichen, daß er „als politischer Verbrecher verschickt“ war[63].
In der bereits erwähnten biographischen Skizze, die Dostojewski für das Ausland diktiert hat, sagt er auch noch ausdrücklich, daß die Gepflogenheiten und Sitten, die er in diesen Aufzeichnungen beschrieben hat, „in Rußland nun schon lange abgeändert sind“ – damit wollte er offenbar auf alle die verschiedenen Reformen hinweisen, die wir dem Kaiser Alexander II. verdanken. Freilich, jene von Spießruten soeben zerfleischten Rücken, die Dostojewski im Lazarett des Zuchthauses zu sehen bekam, konnte man mit so vernichtendem Realismus nur unter der Herrschaft eines Kaisers, der dieses Strafverfahren abgeschafft hatte, zu schildern wagen. Und doch, obgleich diese alte Zeit erst kaum vergangen ist, sind diese Gepflogenheiten und Sitten von Dostojewski schon so geschildert, daß es einen schaudert – vor diesen Ketten, die niemals von den Füßen kommen; vor diesem Rasieren der Köpfe mit dem stumpfen Messer; vor diesem Zuber, der die ganze Nacht die Luft im Schlafraum verpestet; vor dieser Legion von Flöhen, die jeden Schlaf verscheuchen; und vor dem nach Fäulnis riechenden schmierigen Krankenkittel, den aber trotzdem auch Gesunde im Lazarett anziehen, bloß um das tagtägliche Zuchthausleben einmal zu unterbrechen, und wenns auch nur um diesen Preis möglich ist; und schließlich vor dem rohen Eigendünkel dieses Majors, der sich für den Zaren, ja, für den Gott der Sträflinge erklärt, weil er mit ihnen tun kann, was er will – diese Krönung des Ganzen! Aber trotz alledem fühlt man, wenn man diese Aufzeichnungen liest, daß in diesem Zuchthause keine Pedanterie herrscht, eben weil Pedanterie ja so gar nicht in der Natur des russischen Menschen liegt, jene Pedanterie Vorgesetzter, für die die Vorschriften um der Vorschriften willen heilig sind. Eben dies ist es wohl, was einen englischen Kritiker veranlaßte, darauf hinzuweisen, daß die Behandlung der politischen Verbrecher in Sibirien in vielen Fällen der Behandlung, die sie in West-Europa erfahren, vorzuziehen sei – ja, es werde ihnen in vielen Dingen sogar so durch die Finger gesehen, daß die strengen englischen Gefängniswärter sich darob entsetzen würden. Dabei waren Dostojewski und Duroff noch in den strengsten Ostrogg geraten. Von den anderen Petraschewzen trafen es manche viel besser. So wurde beispielsweise I. Desbut nicht in Ketten, sondern bloß mit Ketten nach K. transportiert, wo sich der Kommandant und die Ingenieuroffiziere mit der größten Teilnahme seiner annahmen und seine Lage nach Möglichkeit zu erleichtern suchten.
Natürlich war die erste Zeit im Zuchthause für Dostojewski die schwerste, und demgemäß haben sich auch, wie er selbst sagt, die Erlebnisse des ganzen ersten Jahres seinem Gedächtnis mit besonderer Schärfe eingeprägt. Als das Schrecklichste erschien ihm anfangs, daß er nie, nie allein sein werde: bei der Arbeit immer unter militärischer Bewachung, im Zuchthause immer mit zweihundert Gefährten zusammen ... und was waren das für Gefährten! Zum Schluß aber schreibt er, daß er sich die ganze Zeit, alle die Jahre im Zuchthause, doch in einer schrecklichen Einsamkeit befunden habe, ja, daß ihm diese Einsamkeit schließlich sogar lieb geworden sei. In dieser unfreiwilligen geistigen Muße begann er, sein ganzes früheres Leben einer Prüfung zu unterziehen, sich selbst mit unnachsichtigster Strenge zu beurteilen – und da hat er denn manchmal dem Schicksal dafür gedankt, daß es ihm diese Einsamkeit und die Möglichkeit einer solchen Überprüfung des Lebens schenkte. Es ist anzunehmen, daß er, je weiter er in dieser Selbstuntersuchung und Selbstverurteilung vordrang, gleichzeitig um so fähiger wurde, auch in die Seelen anderer zu schauen. Aus dieser Menschenkenntnis und diesen Überzeugungen, die er im Zuchthause in vierjährigem engsten Zusammenleben mit der niedrigsten Volksschicht gewann, ist es zu erklären, weshalb er sich später ärgerte, wenn man mitleidvoll davon sprach, welches Unrecht ihm mit der Verurteilung zugefügt worden sei, und weshalb er dann entgegnete: „Nein, uns ist recht geschehen, denn das Volk hätte uns verurteilt.“ Es hätte sie verurteilt, weil es, wie er sich überzeugt hatte, zu der west-europäisch denkenden Intelligenz kein Vertrauen haben wollte, haben konnte. In seiner späteren Kennzeichnung der Stellung Raskolnikoffs unter den übrigen Sträflingen drückt er wiederum ein eigenes Erlebnis mit den Worten aus, daß er, Raskolnikoff, den Unterschied zwischen sich und diesen Sträflingen als so groß empfand, als wären sie Menschen von verschiedener Rasse gewesen ... Er, Raskolnikoff, habe die allgemeinen Gründe dieses Unterschiedes zwar schon lange gewußt und begriffen, doch nie hätte er früher zugegeben, daß diese Gründe in der Tat so tief und so stark waren.
Über die Frage, wie die Erlebnisse im Zuchthause gesundheitlich auf Dostojewski eingewirkt haben, ist es ja nach seinem Tode in unserer Presse zu einer richtigen Polemik gekommen. Es wurde die Ansicht ausgesprochen, daß der Ausbruch seiner Krankheit, die Epilepsie, auf eine erlittene körperliche Züchtigung (Rutenhiebe) zurückzuführen sei. Diese Auffassung ist aber vollkommen haltlos, vielmehr wird u. a. auch von Dr. Janowski ausdrücklich darauf hingewiesen, daß niemand von ihm auch nur eine Anspielung auf etwas ähnliches gehört hat, obgleich er sich ihm, dem Arzt, wie seinem Bruder Michail Michailowitsch, und in Genf dem Priester Petroff gegenüber mit aller Offenheit über seine Sträflingszeit ausgesprochen habe[64]. Im übrigen aber dürften sich die über das erste Auftreten und die Entwicklung der Krankheit vielfach widersprechenden Aussagen dahin zusammenfassen lassen, daß die Anfälle zwar schon vor der Verbannung auftraten, jedoch von ihm selbst nicht als Epilepsie erkannt wurden; in Sibirien aber hat sich die Krankheit endgültig entwickelt, – bis ihm schließlich ein Zweifel an ihrem wahren Charakter nicht mehr möglich war.
Aber wie einförmig das Leben im Zuchthause auch verlief – schließlich verging die Zeit. Im tiefsten Winter war er ins Zuchthaus gekommen, also mußte er es im Winter wieder verlassen, wenn auch nicht gerade im Dezember, wie es in den „Aufzeichnungen“ heißt[65] ... Nach dieser Autobiographie zu urteilen, muß Dostojewski bereits vom Zuchthause aus, noch vor der Befreiung, seinen Briefwechsel wieder aufgenommen haben. Doch von seinen sibirischen Briefen, die uns vorliegen,[66] ist der erste, der allerdings ausdrücklich auf frühere Briefe Bezug nimmt, am 30. Juli 1854 aus Semipalatinsk an seinen Bruder geschrieben. In allen Briefen beschwört er den Bruder, ihm doch zu schreiben, ihn nicht zu vergessen, ihm Bücher zu schicken[67] und Geld, wenn er kann ... Das Soldatenleben verschlingt seine Zeit, er hofft, der Bruder werde verstehen, daß Soldat zu sein „nicht gerade ein leichtes ist für einen Menschen mit meiner Gesundheit ... Ich murre nicht; dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient.“ Er lebt einsam, verbirgt sich sogar vor den Menschen, denn nachdem er fünf Jahre lang stets unter Aufsicht gewesen, ist es ihm „die größte Wonne, manchmal allein zu sein ... Übrigens ... vermute nicht, daß ich noch ebenso melancholisch und argwöhnisch bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg war. Das ist vollkommen vergangen ...“ Weiter heißt es in diesem Brief: „Ich danke Bruder Koljä für die Nachschrift ... ich habe auch endlich von den Schwestern Warenka und Wjerotschka Briefe erhalten ... ich glaube, daß sie mich wirklich so lieben, wie sie sagen“. Am 6. Nov. 1854 schreibt er an den Bruder Andrei: „... ich habe mein neues Leben angefangen. Jene vier Jahre aber betrachte ich als eine Zeit, in der ich lebendig begraben und in einem Sarge eingeschlossen war. In dieser ganzen Zeit habe ich von Euch allen nicht die kleinste Nachricht erhalten ...“[68]
Ende November lernt Dostojewski den jungen, damals 23jährigen, Baron A. E. Wrangel kennen, den er in einem späteren Brief als einen Menschen mit den besten Eigenschaften schildert, als seinen Freund, der ihm in dieser Zeit unendlich viel Gutes erwiesen habe, doch liebe er ihn nicht nur deswegen. Er sei unmittelbar aus dem Lyzeum nach Sibirien gekommen, mit der großzügigen Absicht, das Land kennen zu lernen, nützlich zu sein usw.
In dieser ersten Zeit der Freundschaft mit Wrangel tritt nun, man kann wohl sagen, ganz unverhofft der Regierungswechsel ein[69], der auch für Dostojewskis weiteres Schicksal von größter Bedeutung sein sollte.
Bei seiner „Zweifelsucht“ quält es ihn sehr, daß der Bruder ihm auch jetzt noch oft monatelang nicht schreibt, und wenn auch die anderen Geschwister lange schweigen oder „gänzlich aufhören zu schreiben“, argwöhnt er alles mögliche, wie er dem Bruder im Mai 1855 gesteht.
Im Laufe dieses Jahres hat Dostojewski in Semipalatinsk noch anderen Verkehr gefunden und Personen kennen gelernt, von denen eine in seinem späteren Leben eine wesentliche Rolle spielen sollte. Es war das Frau Marja Dmitrijewna Issajewa. Als Wrangel sich im August 1855 vorübergehend in Barnaul aufhalten mußte,[70] schreibt Dostojewski an ihn voll großer Sorge um ihre gemeinsame Bekannte: er teilt ihm den Tod ihres Mannes mit und bittet ihn, der mittellos in Kusnezk zurückgebliebenen Witwe die verabredete Summe zu schicken, die er ihm unbedingt, wenn auch nicht sofort, zurückerstatten werde[71].
Am 18. Januar 1856 schreibt er an Maikoff über seinen Gemütszustand in diesem Jahr: „... Ein Umstand, ein Ereignis, das in meinem Leben lange auf sich hatte warten lassen und mich nun endlich erfaßte, riß mich hin und verschlang mich ganz. Ich war glücklich. Ich konnte nicht arbeiten. Später kamen Trauer und Leid über mich. Ich verlor das, was mein alles war. Mehrere hundert Werst trennten uns ... Die Ausführung meines Hauptwerkes habe ich aufgeschoben ...“ – gemeint sind die angefangenen „Aufzeichnungen aus einem Totenhause,“ – „... ich begann im Scherz eine Komödie zu schreiben ...“ („Onkelchens Traum“). Doch neben diesen Arbeiten hat ihn noch eine „größere Novelle“ beschäftigt („Das Gut Stepantschikowo“), u. a. Mit Interesse spricht er von der neuesten Literatur und geht er auf Maikoffs Mitteilungen ein. „Ja, ich teile mit Ihnen die Idee, daß Europa und Europas Bestimmung von Rußland beendet werden wird. Das war mir schon lange klar.“ Eine Bestätigung dieser Äußerung finden wir in Miljukoffs „Erinnerungen“.