Von großer Bedeutung für sein weiteres Geschick ist ein Brief vom 23. März 1856 an den inzwischen nach Petersburg zurückgekehrten Wrangel, mit der Bitte, das beigefügte Schreiben persönlich dem General Eduard I. Todleben zu übergeben. Die Fragen, ob Dostojewski aus Gesundheitsgründen recht bald um seinen Abschied vom Militär bitten könne und ob seine Werke gedruckt werden dürfen, haben für ihn mittlerweile eine ganz besondere Bedeutung erhalten: er hat sich bereits endgültig entschlossen, Marja Dmitrijewna Issajewa zu heiraten, weshalb ihm an einer Veränderung seiner sozialen Stellung und finanziellen Lage sehr viel liegt. Nun folgen – in diesem, wie im nächsten Brief vom 13. April – Pläne und Besprechungen, wie er den Onkel (Kumanin) um 1000 Rubel bitten werde, ohne seine Heiratsabsichten zu verraten. Er erwähnt ein Gedicht, das er auf die Thronbesteigung Alexanders II. verfaßt hat, – es ist verloren gegangen, doch dürfte es, ebenso wie ein erhaltenes Gedicht auf den Orientkrieg, mit Kunst wenig zu tun gehabt haben, um so mehr aber, da er in diesem Gedicht den zukünftigen Befreier des Bauernstandes mit aufrichtiger Vaterlandsliebe begrüßt. Er erwähnt ferner einen Artikel über Rußland, aber der sei ein rein politisches Pamphlet geworden; da man ihm aber wohl kaum erlauben werde, seine neue literarische Tätigkeit mit einem Pamphlet zu beginnen, „wie patriotisch sein Inhalt auch sein mag,“ so habe er schon in seine „Briefe über Kunst“ ganze Seiten aus diesem Pamphlet übernommen. Seine Liebe zu Marja Dmitrijewna, die, nach den Briefen an Wrangel zu urteilen, mehr und mehr zur Leidenschaft wurde, war für ihn eine Quelle neuen Glücks, aber auch großer Pein. Sie scheinen sich gegenseitig mit Eifersucht gequält zu haben. Wenigstens bemerkt Doktor Janowski in einem Brief an Maikoff, in dem er darauf zu sprechen kommt, daß „unter dem Einfluß gegenseitiger Eifersucht Fjodor Michailowitschs Krankheit sich weiter entwickelt“ habe. Dazu wird vermutlich noch der Umstand beigetragen haben, daß er hochherzig gegen dieses Gefühl ankämpfte und es soweit besiegte, daß er selbstlos für den anderen, einen gewissen W., auf den er eifersüchtig war, sorgte und ihm zu einer Existenzmöglichkeit zu verhelfen suchte. Seine Briefe an Wrangel werfen aber auch ein neues Licht auf den ersten Roman, den er nach seiner Rückkehr aus Sibirien 1860–61 schrieb: Die „Erniedrigten und Beleidigten“ enthalten demnach nicht nur eine Schilderung seines eigenen jungen Schriftstellerdaseins in den vierziger Jahren, sondern sind auch in der Zeichnung seines Verhältnisses zu der Heldin dieses Romans autobiographisch, – eines Verhältnisses, das von unseren jetzigen Kritikern mit so schnellfertiger Oberflächlichkeit aufgefaßt wird.

Im Mai äußert er sich, nachdem er erfahren, wie General Todleben seine Bitte aufgenommen hat, ganz entzückt über „diese ritterliche, erhabene, großmütige Seele“. Ebenso freut ihn die Mitteilung, daß alle Welt den neuen Kaiser glühend liebt. „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe hinzu kommt, ist alles getan! Wie soll man es jetzt aushalten, zurückzubleiben, sich nicht der allgemeinen Bewegung anschließen zu können, nicht auch sein Scherflein beizusteuern? O, gebe Gott, daß mein Leben sich schneller ändere!“ Das wünschte er sich nicht bloß für sein Privatleben, sondern auch, um sich an der allgemeinen Bürgerarbeit beteiligen zu können, in Gemeinschaft mit einem solchen Kaiser! Von seinen Privatangelegenheiten aber kann er jetzt und im Juni nichts Gutes mitteilen. Er schreibt, daß er „fast verzweifelt.“ „... Also – jetzt kann ich mit Sicherheit hoffen, doch ... nun ist es zu spät.“ Seine Hoffnungen auf Familienglück sind zunichte geworden. Trotzdem sorgt er sich nach wie vor um Marja Dmitrijewnas Lebensbedingungen. Sein Bruder soll sich erkundigen, ob man ihren Sohn im Pawlowsker Kadettenkorps unterbringen könnte, man solle alles tun, damit ihr eine einmalige Unterstützung schnell ausgezahlt werde, sie könnte sonst vorher heiraten und damit den Anspruch auf Unterstützung verlieren. „Er besitzt nichts, sie auch nicht ... Das bedeutete für sie wieder Armut, wieder Leid ...“ Von sich selbst aber sagt er: „... meinetwegen ins Wasser! oder sich dem Trunk ergeben!“

Am 1. Oktober 1856 wurde Dostojewski (nachdem er am 15. Januar desselben Jahres Unteroffizier geworden war) zum Fähnrich befördert. Es geschah dies auf Befürwortung Todlebens und des Prinzen von Oldenburg hin, doch glaubte Dostojewski – und zwar mit Recht –, daß er auch sehr viel den persönlichen Bemühungen Wrangels zu verdanken habe. Am 1. Dezember teilt er seinem Freunde mit, daß er voraussichtlich noch vor der Fastenzeit im Frühjahr heiraten werde – „Sie wissen, wen ... Sie hat sich bald von dem Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt ... O, wenn Sie wüßten, was diese Frau ist!“ Geld hat er natürlich keine Kopeke. Er will sich an den Onkel Kumanin wenden, der den Geschwistern schon oft geholfen hat ... Warum ist „Der kleine Held“ – die Geschichte, die er in der Peter-Pauls-Festung während der Untersuchungshaft geschrieben hat – noch nicht gedruckt? Wenn man ihm noch ein ganzes Jahr nichts zu veröffentlichen erlaubt, ist er verloren – „dann lieber überhaupt nicht leben! ... Natürlich bin ich bereit, meinetwegen immer ohne Nennung meines Namens oder unter einem Pseudonym zu schreiben“. Zum Schluß bittet er Wrangel „kniefällig“, jenem selben W. zu helfen, für den er sich im Sommer verwandt hatte, „... jetzt ist er mir teurer als ein leiblicher Bruder ...“

Am 25. Februar 1857 schreibt er an Wrangel, daß er 8 Monate wie ein Bettler werde leben müssen, wenn ihm der Onkel nicht noch einmal hilft. Am 9. März aber teilt er dem Freunde in ganz ruhigem Tone mit, daß am 6. März seine Trauung in Kusnezk stattgefunden hat ... In Barnaul hat er einen Anfall gehabt und der Arzt hat ihm gesagt, daß es richtige Epilepsie sei – das beunruhigt ihn. Nach seiner Rückkehr nach Semipalatinsk erwarten ihn einerseits die Sorgen um die Einrichtung der Wohnung, andererseits ist eine Besichtigung durch den Brigadekommandeur angesagt.

Nach diesem für längere Zeit letzten Brief an Wrangel beginnt wieder eine Reihe von Briefen an den Bruder. Seine materiellen Sorgen sind dieselben. Im März 1858 schreibt er, seine Lage sei kritisch, „wenn Pleschtschejeff die 1000 Rubel nicht gibt ...“ Der Bruder hat inzwischen 3000 Rubel verloren, um so schwerer wird es, ihn um neue Hilfe anzugehen. Außer geliehenem Gelde helfen ihm 500 Rubel als Vorschuß vom Verleger Katkoff für eine versprochene Novelle („Onkelchens Traum“) und später 1000 Rubel vom Herausgeber des „Russischen Wortes“ für „Das Gut Stepantschikowo“, das im Herbst 1859 erscheinen soll. Er erwähnt bereits den Plan zu einem Roman – offenbar „Raskolnikoff“. „Warum schreiben die Verwandten kein Wort?“ Außer der Beförderung zum Fähnrich hatte Todleben für ihn am 18. März 1859 auch das Recht erwirkt, seine Werke – sogar unter seinem Namen – drucken zu lassen; gleichzeitig wurde er als Leutnant vom Dienst befreit und erhielt die Erlaubnis, nach dem europäischen Rußland zurückzukehren und in Twer zu wohnen. Seine Abreise aus Semipalatinsk verzögert sich bis zum Juli; dann muß er sich noch in Omsk aufhalten, infolge der Formalitäten, die mit dem Austritt seines Stiefsohnes aus dem Korps verbunden sind.

Den nächsten Brief – vom 19. September 1859 – schreibt er bereits aus Twer, wo ihn der Bruder schon besucht hat. Aus dem nun folgenden Briefwechsel mit dem Bruder ist zu ersehen, wie schwierig es immerhin noch war, seine ersten Werke nach der sibirischen Verbannung unterzubringen. Und wie hatte ihn das Schicksal zu Anfang seiner literarischen Laufbahn mit dem ersten glänzenden Erfolg verwöhnt! Nun aber galt es, und das noch nach einer so schweren Prüfung, das Notwendigste zu beschaffen, um mit der Frau und dem Stiefsohn überhaupt leben zu können. Er arbeitet an den „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“, spricht von dem Plan zu einem großen Roman („Raskolnikoff“), trägt sich, nach der Aussage Miljukoffs, mit der Absicht, ein philosophisches Werk zu schreiben, doch nach reiflicher Überlegung sagt er sich davon los. Daneben plant er die Gesamtausgabe seiner bisher erschienenen Werke ... bis er schließlich, da er das Warten in Twer nicht mehr aushält, (das Warten auf die Beantwortung seines Gesuchs an Todleben), unmittelbar an den Kaiser ein Gnadengesuch richtet, in dem er bittet, nach Petersburg übersiedeln zu dürfen, um dort wegen seiner Krankheit Spezialisten konsultieren zu können ...

Am 2. November schreibt er an seinen Freund Wrangel, daß Marja Dmitrijewna sich aufreibe in der Sorge um das Schicksal ihres Sohnes, da sie fürchte, nach seinem, Dostojewskis, Tode mit dem heranwachsenden Sohne wieder so dazustehen, wie nach dem Tode ihres ersten Mannes. Da er als Ausgang seiner Krankheit, wie er an den Kaiser schreibt, „Lähmung, Tod oder Irrsinn“ vor sich sah und darin von der gleichfalls kranken, alles schwarz sehenden Frau noch bestärkt wurde, kann man sich ungefähr denken, welcher Art sein Gemütszustand in dieser Zeit war. Ende November erhält er die Erlaubnis zur Übersiedelung nach Petersburg.

Miljukoff, der ihn mit Michail Michailowitsch vom Bahnhofe abholte, fand, daß er sich physisch nicht verändert hatte; ja, es schien ihm sogar, als sähe er, im Vergleich zu früher, rüstiger aus und als habe er von seiner gewohnten Energie nichts eingebüßt[72].

Petersburg.

„Die Gespräche in unserem neuen, nicht großen Freundeskreise,“ so erzählt Miljukoff, „glichen nun schon in vielem nicht mehr jenen, die seinerzeit bei Duroff geführt worden waren. Und hätte es überhaupt anders sein können? In diesen zehn Jahren hatten Westeuropa und Rußland gleichsam die Rollen getauscht. Dort waren die humanitären Utopien, die uns ehemals so hingerissen hatten, wie Rauch verflogen und die Reaktion triumphierte in allem; bei uns aber begann sich nun vieles von dem, wovon wir damals geträumt hatten, zu verwirklichen, und es wurden Reformen eingeführt oder vorbereitet, die das russische Leben erneuerten oder zu erneuern versprachen. So versteht es sich wohl von selbst, daß in unseren Gesprächen der frühere Pessimismus nicht mehr vorhanden war,“ schließt Miljukoff.