In der Tat: man wußte 1859 bereits allgemein, daß die Vorarbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft nun wirklich im Gange waren, und man wußte überdies, daß nach Allerhöchstem Willen die Bauern „mit Land“ befreit werden sollten. Nun bestand aber schon von jeher über die Frage, ob die Bauern mit oder ohne Zuteilung von Land zu befreien seien, ein Gegensatz zwischen der Minderheit und der „vornehmen“ Mehrheit, deren Anwalt (der Historiker Karamsin) noch unter Alexander I. die Zuteilung von Land an die Bauern nicht anders als „die Verletzung der heiligen Rechte des Eigentums“ genannt hatte. Unter Alexander II. fehlte der „gekränkten“ Partei ein so hervorragender Vertreter wie Karamsin, und so kam denn ihre Gegnerschaft nur in inoffiziellem, doch nichts destoweniger hartnäckigem und folgerichtigem Zuwiderhandeln gegen die große Reform zum Ausdruck – indem man mit Entstellungen und Verzögerungen in der unmittelbaren Anwendung der Verordnungen und ihrer Konsequenzen arbeitete[73]. Und andererseits: wenn der radikale Franzose Proudhon in seinem Briefe an J. Ssamarin[74] fand, daß, nach der großen Tat vom 19. Februar, Herzens oppositionelle Zeitschrift („Die Glocke“) nun verstummen müßte, so waren die russischen liberal-oppositionellen Menschen keineswegs derselben Ansicht. Als Turgenjeff ein paar Jahre später (1866–67) seinen Roman „Rauch“ schrieb, da hatte er einerseits bereits eine ausgesprochene konservative „Fronde“ zu schildern und anderseits radikale Kreise, in denen schon Lenker auftauchen konnten, die im Grunde einfach Anhänger des Systems der Leibeigenschaft waren, doch im Spiel mit revolutionärer Propaganda ihr Herz erleichterten. Man wollte bei uns nicht einsehen, daß – angesichts des Widerstandes, den der Kaiser von seiten der interessierten Klasse erfuhr, die auch nach dem 19. Februar 1861 den Kampf noch längst nicht aufgab – nun alle, die in unserer Gesellschaft uneigennützig dachten und wirklich die Freiheit liebten, sich einmütig um den Kaiser hätten scharen müssen, zur Mitwirkung an der großen aufbauenden Arbeit. Statt dessen wurde bei uns schon seit 1856 behauptet, nur dann sei eine
„... Sache dauerhaft,
Wenn Blut für sie vergossen wird.“
Allen Andersdenkenden, die sich zu solchen Theorien nicht bekehren ließen, wurde Mangel an bürgerlichem Mut vorgeworfen. Schon damals begann man uns eindringlich das Sterben zu lehren, zu einer Zeit, als man uns zu leben hätte lehren sollen – ehrlich, aufopfernd, standhaft zu leben. Und als Lebensgesetze prägte man uns schon seit dem Anfang der sechziger Jahre Sentenzen ein, wie z. B.: „Gut ist der Mensch dann, wenn er zur Erlangung von Angenehmem für sich, anderen Angenehmes zufügen muß; schlecht ist der Mensch dann, wenn er gezwungen ist, zur Erlangung von Angenehmem für sich, anderen Unangenehmes zuzufügen.“ Eine so unzweideutige Ausschaltung der Menschenseele mit ihrer inneren sittlichen Tat begann also bei uns in einem Augenblick, als die aufbauenden Männer der Zeit, gleich J. Ssamarin, der Ansicht waren, gerade jetzt täte uns inneres Heldentum not. „Die Predigt des Materialismus in Rußland“ erschien Ssamarin gerade vor der Tat der Bauernbefreiung ganz besonders unangebracht, wie er in einem seiner Artikel bemerkte, bezugnehmend auf die damalige Kritik, die in einem 1858 erschienenen Buch eine „Erniedrigung der Persönlichkeit“ entdeckte, weil darin von dem Prinzip der Selbstlosigkeit als von der notwendigen Begleiterscheinung des Prinzips der persönlichen Selbständigkeit die Rede war. Ich erinnere mich auch noch, wie mir ein Mann von großem Verstande und viel Erfahrung, einer, der außerhalb aller Parteien stand – der verstorbene Professor Nikitenko[75] – jene mir damals ganz unverständliche Wut gegen dieses Buch erklärte „So brauchen es jene Leute, deren Aufgabe es ist, alles ins Wanken zu bringen“. Die Richtigkeit dieser Bemerkung bestätigte mir später eine Gravüre – das Bild eines talentvollen Jünglings, der in den sechziger Jahren für die neueste Autorität in unserer Kritik galt: Hielt man das Blatt gegen das Licht, so konnte man unter dem Namenszug des Jünglings die Worte lesen: „Das Werk der Zerstörung ist getan, – das Werk des Aufbaues steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.“
Das also fand der Mensch bei uns vor, der aus Sibirien an Wrangel geschrieben hatte: „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe hinzukommt, dann ist alles getan!“
Jene Treibereien der Linken kamen aber den Unzufriedenen der Herrenpartei sehr gelegen. Mit dem revolutionären Radikalismus ging der Konservatismus, wenn auch vom anderen Ende ausgehend, nun unmittelbar zusammen, dieser Konservatismus, den J. Ssamarin richtig durchschaute und als „genau so revolutionär“ bezeichnete. Das französische Sprichwort „les extrêmes se touchent“[10] fand bei uns die glänzendste Bestätigung. Das konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig jenen denkwürdigen „literarischen Abend“ miterlebte, der im Frühjahr 1862, gleich vielen anderen Festlichkeiten, zur Feier des tausendjährigen Bestehens Rußlands veranstaltet wurde[76]. Die große Reform (die Aufhebung der Leibeigenschaft) war gewissermaßen am Vorabend der Jahrtausendfeier vollzogen worden, und so hätte man das Fest, sollte man meinen, mit beruhigtem Gewissen und „furchtlosem Blick nach vorwärts“ begehen können. Doch als der die Festrede vortragende Professor der Universität auf das Maß von Bitternis zu sprechen kam, die das russische Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens zu trinken gehabt, und im Anschluß hieran sagte: „Zur Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers war der Becher zum Überlaufen gefüllt ...“ – da ließ man ihn nicht zu Ende sprechen, daß der Kaiser nun jenen Überschuß von Bitternis, der sich durch die Leibeigenschaft angesammelt, aus dem Becher weggegossen hatte. Man faßte seine Worte in einem ganz anderen Sinne auf, als sie gemeint waren, und es brach ein wilder Beifallssturm und ein Bravogejubel aus. Ich erinnere mich noch genau, mit welch einem wollüstigen Entzücken damals gerade die Vertreter – nicht des Nihilismus (das sah man an dem Ordensschmuck, den sie trugen), ihren Beifall durch Applaus bekundeten, ungeachtet dessen, daß sie sich in ihren „heiligsten Rechten“ verletzt fühlten. Als aber der Vortragende zu dem Satze kam: „Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes ...,“ da floß das Entzücken dieser Nihilisten (oder „Revolutionäre“ nach Ssamarin) mit dem Entzücken jener Nihilisten zusammen – obschon selbstredend die nach dem Sprichwort sich nun berührenden „Extreme“ oder entgegengesetzten Parteien bei der Bezeichnung „Administratoren“ – keineswegs an ein und dieselben, sondern an ganz verschiedene Persönlichkeiten dachten.
Die Mehrzahl von uns erinnert sich natürlich noch der Folgen dieses Abends, an dem der bewußte Artikel über das Tausendjährige Rußland zum Vortrag gelangte. Der Redner hatte dafür zu büßen – allerdings nicht wegen der paar Worte, die er außer dem von der Zensur genehmigten Text sagte, sondern wegen der ungeheuren Wirkung seines Vortrags – der mißverstanden worden war. Ein Teil der studierenden Jugend verlangte nun von den Professoren, daß sie ihre Vorlesungen einstellten, da nach alledem, was vorgefallen war, eine Fortsetzung der Universitätskurse, die damals in den Sälen der Duma stattfanden, bereits undenkbar war. Einer der Professoren fand jedoch, daß man um einer Demonstration willen nicht die Wissenschaft aufgeben müsse, und verfocht seinen Standpunkt auch gegen die pfeifende und zischende Mehrheit. Der betreffende Professor mußte aber – ich glaube ganz gegen seinen Wunsch – den Abschied nehmen, obgleich seine selbständige Handlungsweise die Jugend gewiß eher eines Besseren hätte belehren können, als die vorhergegangene Festungshaft der Haupturheber jener Unruhen, die die Schließung der Universität veranlaßt hatten. Diese Festungshaft hatte in der Jugend bekanntlich nur den Eigendünkel erhöht, zumal sie sich zu ihrer Weigerung, die neuen Vorschriften anzunehmen, von einem durchaus ernsten und edlen Beweggrund hatten bestimmen lassen: es war das ihr Unvermögen, sich damit auszusöhnen, daß nach diesen Vorschriften von nun an alle für den Besuch der Vorlesungen ein Kollegiengeld zahlen mußten, „wodurch alle diejenigen jungen Leute, denen die Mittel dazu fehlten, den Zutritt zur höheren Bildung verloren“. Wer das nicht wußte, dem konnte diese Auflehnung wegen irgendwelcher „Matrikel“ gerade jetzt in der großen Zeit der Bauernbefreiung tragi-komisch erscheinen! Das Volk wußte natürlich nicht, um was es sich handelte, und urteilte von seinem Gesichtspunkte aus: „Die jungen Herrlein revoltieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.“
Alles das zusammen bildete schon eine Reihe verwickelter, bunter Erscheinungen, die bereits entschieden jene Erscheinungen ankündigten, die von Dostojewski später in den „Dämonen“ geschildert worden sind. Ich kann mich jetzt nicht mehr darauf besinnen, ob Dostojewski an jenem denkwürdigen Abend vor mehr als zwanzig Jahren auch zugegen war, – doch die wesentlichen Züge der Ereignisse jenes Abends finden wir wiedergegeben in den fast zehn Jahre später geschriebenen „Dämonen“ (in der Schilderung des literarischen Vormittags, der zu einem wohltätigen Zweck veranstaltet wird, an dem es jedoch infolge einer unvorhergesehenen politischen Rede zu einem ungeheuren Skandal kommt). Aber ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich zum erstenmal Dostojewski sah und vorlesen hörte: er las aus dem „Totenhause“ die Sterbeszene des schwindsüchtigen Sträflings im Gefängnislazarett. Ich weiß nicht, ob er mit Absicht gerade dieses Kapitel gewählt hatte, das deutlich den ganzen Unterschied zwischen seinem Verhältnis zum Volk und dem Verhältnis jener, die ihn zum Lesen aufforderten, hervorhob – jene Besonderheit, auf Grund welcher er in demselben „Totenhause“ sagt, daß unsere Intellektuellen dieses Volk nicht viel lehren könnten, – sondern selber vom Volk lernen müßten. Erst nach seinem Tode erfuhr ich, daß es ihm unangenehm war, gerade aus dem „Totenhause“ vorzulesen, worum man ihn in der Regel ausdrücklich bat, – weil es als Anklage aufgefaßt werden konnte. Er begriff offenbar nur zu gut, daß man ja gerade um der Demonstration willen etwas aus dem „Totenhause“ zu hören wünschte. Da ich ihn damals noch nicht persönlich kannte – ich lernte ihn erst in den siebziger Jahren kennen –, ahnte ich natürlich nicht, was für eine neue Folter dieser Mensch nun ertragen mußte, indem er sich unter Menschen fand, die ihn für einen der Ihrigen hielten, während er selbst sich unter ihnen als Fremden empfand. Dabei war er derselbe geblieben, der er damals war, als er im Freundeskreise Puschkins Gedicht vortrug, das man jetzt unter dem von ihm „vergötterten“ Kaiser endlich frei vortragen durfte. Gerade deshalb „vergötterte“ er ja diesen Kaiser: nicht, weil er ihn, Dostojewski, befreit hatte, sondern weil Puschkins Worte von dem „auf einen Wink des Zaren“ befreiten Volk nun nicht mehr verboten waren. Er begriff, daß die Zeiten sich geändert hatten, – jene aber, die sich seiner um der Demonstration willen zu bedienen suchten, wollten das nicht begreifen. Ihre Eigenliebe oder ihre Machtliebe erlaubte ihnen nicht, einzugestehen, daß das Volk in seiner unerschütterlichen Hoffnung auf den Zaren recht behalten hatte. So war es denn ein in seiner Art ganz folgerichtiger Wunsch, dem Volke nun einzureden, daß es sich einer Selbsttäuschung hingebe, in Wirklichkeit jedoch nur betrogen worden sei. Die sich aber einmal auf diesen Weg gestellt hatten, mußten nach und nach dahin kommen, daß sie sich sogar zu der Not des Volkes schadenfroh verhielten – und auch hierin stimmten sie wieder mit den „revolutionären Konservativen“ überein.
Es wäre der größte Kleinmut, alles das jetzt nicht einzugestehen, jetzt, nach jenem furchtbaren Tage vom 1. März 1881, der in unserer Geschichte als ein ewiger Zeuge einer noch nicht dagewesenen Undankbarkeit verbleiben wird, unserer schreienden Undankbarkeit gegenüber dem Urheber eines in der Weltgeschichte so einzig dastehenden Tages wie es der 19. Februar ist.
Doch aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ vom Jahre 1873 erfahren wir auch von Dostojewski selbst, wie er sich zu dem in den sechziger Jahren sich abspielenden Präludium jener in den „Dämonen“ dargestellten späteren Erscheinungen verhielt. Er äußert sich hier mit seiner gewohnten Offenheit. Was ihn dazu veranlaßte, war das Gerücht, seine 1865 erschienene phantastische Satire „Das Krokodil“ sei auf N. G. Tschernyschewski[77] gemünzt gewesen. Er gibt deshalb seine ganze Unterredung mit dem Autor des Romans „Was tun?“ über die damalige Verhetzung der Jugend wieder.