Warum also, frage ich – ich komme immer wieder darauf zurück – warum ist denn dem Bourgeois bei alledem auch heute noch so bänglich zumute, ganz als säße er nicht auf seinem eigenen Stuhl? Weswegen fühlt er sich denn noch beunruhigt? Wegen der Parleure und Phraseure etwa? Aber die kann er doch jetzt mit einem einzigen Fußtritt zum Teufel jagen. Oder ist er es wegen der Beweise der reinen Vernunft? Aber die Vernunft hat sich doch vor der Wirklichkeit als bankrott erwiesen und überdies fangen ja die Vernünftler, die Gelehrten, jetzt selber an zu erklären, es gäbe überhaupt keine Beweise der reinen Vernunft, die reine Vernunft sei in der Welt überhaupt nicht vorhanden, die abstrakte Logik sei auf die Menschheit nicht anwendbar, es gebe eine Vernunft von Iwan, von Peter, von Gustave, doch eine reine Vernunft habe es noch nie gegeben; das sei nur eine unbegründete Erdichtung des achtzehnten Jahrhunderts. – Wen also hat er zu fürchten? Die Arbeiter? Aber die Arbeiter sind doch alle in der Seele gleichfalls Besitzer: ihr ganzes Ideal besteht doch nur darin, Besitzer zu sein und sich möglichst viel Sachen anzuschaffen; so ist nun einmal ihre Natur. Die Natur wird keinem umsonst gegeben. Alles das ist von Jahrhunderten groß gezogen, von Jahrhunderten gezüchtet. Nationalität läßt sich nicht mit Leichtigkeit umwandeln, es ist nicht leicht, von Gewohnheiten abzulassen, die schon Jahrhunderte alt und in Fleisch und Blut übergegangen sind. Oder fürchtet er die Landbevölkerung? Aber die französischen Landleute sind ja der Erztypus der Besitzer, sind die stumpfesten Besitzer, also das beste, das vollkommenste Ideal des Besitzers, das man sich nur vorstellen kann. Oder fürchtet er die Kommunisten? Oder schließlich die Sozialisten? Aber diese Leutchen haben ja ihre Sache seinerzeit gewaltig verspielt und im Grunde seiner Seele verachtet der Bourgeois sie tief, – verachtet sie und dabei fürchtet er sie doch. Ja, eben diese Leute fürchtet er. Und doch sollte man meinen: warum denn, weshalb? Hat denn der Abbé Sieyès in seinem berühmten Pamphlet nicht prophezeit, daß der Bourgeois alles sein werde? „Was ist der tiers état? Nichts. Was müßte er sein? Alles.“ Nun, es ist so gekommen, wie er gesagt hat. Von allen Worten, die damals gesagt worden sind, sind nur diese in Erfüllung gegangen; nur sie allein sind geblieben. Der Bourgeois aber scheint es immer noch nicht so recht glauben zu wollen, ungeachtet dessen, daß alles andere, was nach diesen Worten des Abbé gesagt worden ist, vergangen und verschwunden ist wie eine geplatzte Seifenblase. In der Tat: bald nach ihm verkündete man ja: liberté, égalité, fraternité.[30] Wunderbar. Aber was bedeutet nun eigentlich liberté? – Freiheit. Was für eine Freiheit? – Die gleiche Freiheit aller, alles zu tun, was man will, sofern das Wollen innerhalb der Grenzen der Gesetze bleibt. Wann aber kann man alles tun, was man will? – Wenn man eine Million hat. Gibt die Freiheit jedem Menschen diese Million? – – Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? – Ein Mensch ohne eine Million ist nicht jemand, der alles macht, was er will, sondern jemand, mit dem man macht, was man will. Was folgt daraus? – Daraus folgt, daß es außer der Freiheit noch Gleichheit gibt und zwar Gleichheit vor dem Gesetz. Von dieser Gleichheit vor dem Gesetz läßt sich freilich nur das eine sagen, nämlich: daß in der Form, wie sie jetzt angewandt wird, jeder Franzose sie nur für eine persönliche Beleidigung halten kann und muß. Was verbleibt nun noch von der Formel? – Brüderlichkeit. Nun, dieses Kapitel ist das Allerkurioseste; und man muß schon zugeben, daß es im Westen noch bis zum heutigen Tage der größte Stein des Anstoßes ist. Der Westeuropäer redet von Brüderlichkeit wie von einer großen, die Menschheit bewegenden Kraft und verfällt überhaupt nicht darauf, daß Brüderlichkeit sich von nirgendwoher nehmen läßt, wenn sie nicht als Wirklichkeit einfach vorhanden ist. Also was tun? – Ja, da muß man Brüderlichkeit eben irgendwie machen, herstellen, denn zur Stelle schaffen muß man sie unbedingt. Aber da zeigt es sich, daß Brüderlichkeit überhaupt nicht zu machen ist, weil sie sich nämlich von selbst macht, weil sie gegeben sein, in der Natur liegen muß. In der französischen Natur aber, ja, in der westeuropäischen überhaupt, hat sich das Vorhandensein der Brüderlichkeit nicht gezeigt, sondern statt ihrer das Vorhandensein des Prinzips der Einzelperson, der Persönlichkeit, der verstärkten Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, des Selbstbetriebs, der Selbstbestimmung innerhalb des eigenen Ich, das Prinzip, dieses Ich der ganzen Natur und allen übrigen Menschen entgegenzustellen als ein befugtes Element für sich, das der Gesamtheit alles anderen, das außer ihm in der Welt vorhanden ist, als vollkommen gleichberechtigt und gleichwertig gegenübersteht. Nun, und aus einer solchen Selbsteinschätzung hat Brüderlichkeit eben nicht hervorgehen können. Warum nicht? – Weil in der Brüderlichkeit, in der wirklichen Brüderlichkeit nicht der einzelne Mensch, nicht das Ich für das Recht seiner Gleichwertigkeit und Gleichwichtigkeit gegenüber allem Übrigen sorgen soll, sondern dieses Übrige von selbst zu der ihr Recht fordernden Persönlichkeit, zu diesem einzelnen Ich kommen und von selbst, ohne von ihm darum gebeten zu sein, dieses einzelne Ich als sich, d. h. allem übrigen auf der Welt Vorhandenen, gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen müßte. Und das ist noch nicht alles: dieser selbe rebellische und fordernde Einzelmensch müßte als Erstes sein ganzes Ich, sich selbst restlos der Gesamtheit opfern und nicht nur sein Recht als einzelner Mensch nicht fordern, sondern, im Gegenteil, dasselbe der Gesamtheit ohne Vorbehalt und ohne alle Bedingungen hingeben. Aber die westeuropäische Persönlichkeit ist einen solchen Lauf der Dinge nicht gewohnt: kämpfend stellt sie ihre Forderungen, verlangt sie ihr Recht, will sie, daß geteilt werde – nun, und so ist es denn nichts mit der Brüderlichkeit. Allerdings: man kann sich ja umwandeln! Aber eine solche Umwandlung vollzieht sich erst in Jahrtausenden, denn Ideen von dieser Art müssen erst in Fleisch und Blut übergehen, um Wirklichkeit werden zu können.

„Ja, wie,“ fragen Sie mich, „muß man denn unpersönlich sein, um glücklich zu sein? Liegt denn in der Unpersönlichkeit das Heil?“

Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, antworte ich, man muß nicht nur nicht unpersönlich sein, sondern muß gerade erst zu einer Persönlichkeit werden, und das sogar in einem weit höheren Grade als es jener Grad ist, der sich in Westeuropa jetzt festgesetzt hat. Verstehen Sie mich richtig: ein freiwilliges, vollkommen bewußtes, durch niemand und nichts erzwungenes Opfer seiner selbst zugunsten aller ist meiner Ansicht nach das Anzeichen der höchsten Entwicklung der Persönlichkeit, ihrer höchsten Macht, ihrer größten Selbstbeherrschung, ist das Anzeichen der größten Freiheit des persönlichen Willens. Freiwillig sein Leben für alle hingeben, für alle den Kreuzestod sterben oder den Scheiterhaufen besteigen, das kann man nur bei der stärksten Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Eine stark entwickelte Persönlichkeit, die von ihrem Recht, Persönlichkeit zu sein, vollkommen überzeugt ist, die für sich selbst nichts mehr zu fürchten braucht, kann ja aus dieser ihrer Persönlichkeit auch nichts anderes mehr machen, d. h. kann sie ja zu nichts anderem verwerten, als sie restlos allen hingeben, auf daß auch alle anderen ebensolche selbstberechtigte und glückliche Persönlichkeiten werden. Das ist ein Naturgesetz; und naturgemäß zieht es den Menschen zu dem hin. Aber hierbei gibt es ein Härchen, ein allerfeinstes Härchen, das, so fein es auch ist, doch alles zerstört und über den Haufen wirft, sobald es in die Maschine gerät. Nämlich: wehe, wenn der Mensch bei der Gelegenheit auch nur die geringste Berechnung zugunsten des eigenen Vorteils anstellt! Zum Beispiel: ich bringe mich selbst dar und opfere mich restlos für alle; nun und eben da ist es nötig, daß ich mich ganz und gar und unwiderruflich opfere, ohne einen Gedanken an meinen Vorteil, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, daß ich mich nun zwar restlos der Gesellschaft opfere, dafür aber die Gesellschaft selbst mich restlos mir wiedergeben werde. Man muß sich so opfern, daß man alles hingibt und sogar wünscht, daß einem dafür nichts wiedergegeben werde, – damit niemand durch dich auch nur irgendwelche Unkosten habe.

Wie ist das nun zu machen? Das ist doch dasselbe, wie sich vornehmen, nicht an einen weißen Bären zu denken. Versuchen Sie das einmal: stellen Sie sich die Aufgabe, nicht an einen weißen Bären zu denken, und Sie werden sehen, der Verwünschte wird Ihnen in einemfort einfallen. Also wie soll man es machen? Ja, zu machen ist es überhaupt nicht, sondern es ist nötig, daß es sich von selbst so mache, daß es in der Natur sei, daß es unbewußt in der Natur der ganzen Rasse liege, mit einem Wort: damit es Brüderlichkeit gäbe, das Liebesprinzip, muß man – lieben. Es muß einen instinktiv zur Brüderlichkeit hinziehen, zu Gemeinsamkeit und Eintracht, und es muß einen hinziehen, trotz aller vielhundertjährigen Leiden des Volkes, trotz barbarischer Rohheit und Unwissenheit, die sich in der Nation verwurzelt haben, trotz jahrhundertelanger Knechtschaft, trotz aller Einbrüche fremder Völkerschaften ins Land und der Fremdherrschaft, kurz, das Bedürfnis nach brüderlicher Gemeinschaft muß in der Natur des Menschen liegen, er muß damit geboren werden oder ein solches Bedürfnis schon seit uralten Zeiten sich angeeignet haben. Worin bestünde nun diese Brüderlichkeit, wenn man sie vernunftgemäß, bewußt ausdrücken wollte? – Sie bestünde darin, daß jede einzelne Persönlichkeit von selbst, ohne jeden Zwang, ohne einen Vorteil für sich im Auge zu haben, zu der Gesellschaft der Menschen sagte: „Wir sind nur dann stark, wenn wir alle zusammenhalten, so nehmt mich denn ganz, wenn ihr meiner bedürft, denkt nicht an mich, wenn ihr eure Gesetze verfaßt, sorgt euch nicht um mich, ich gebe alle meine Rechte Euch und bitte Euch, verfügt über mich. Das ist mein höchstes Glück, Euch alles zu opfern, und so zu opfern, daß Euch dadurch keine Unkosten erwachsen. Ich vernichte mein Ich und will nicht mehr zu unterscheiden sein, damit nur Eure Brüderlichkeit gedeihe und verbleibe“ ... Die Brüderlichkeit aber müßte hierauf sagen: „Du gibst uns zu viel. Wir haben kein Recht, von dir das nicht anzunehmen, was du uns gibst, denn du sagst doch, daß dieses Gebenkönnen dein ganzes Glück sei; aber was sollen wir tun, wenn unser Herz unaufhörlich auch um dein Glück schmerzt. So nimm denn auch von uns alles. Wir werden uns unaufhörlich und aus allen Kräften bemühen, es so zu machen, daß du soviel wie nur möglich persönliche Freiheit habest, soviel wie nur möglich Selbstbestimmungsrecht. Fürchte dich jetzt nicht mehr vor Feinden, weder vor Menschen noch vor der Natur. Wir stehen alle für dich, wir alle sichern dich vor Gefahr, wir werden uns unermüdlich für dich mühen, weil wir Brüder sind; wir sind doch alle deine Brüder, und unserer sind viele und wir sind stark, also sei ganz unbesorgt und guten Muts, fürchte nichts mehr und verlaß dich auf uns.“

Nach solchen Worten wäre freilich nichts mehr zu teilen, es würde sich alles von selbst verteilen. Liebet einander und alles dieses wird Euch zuteil.

Aber was ist das doch für eine Utopie, meine Herrschaften! Alles beruht auf dem Gefühl, auf der Natur und nicht auf der Vernunft. Das ist doch sogar fast wie eine Erniedrigung für die Vernunft. Also was meinen Sie? Ist das nun eine Utopie oder nicht?

Aber wiederum: was soll denn der Sozialist anfangen, wenn im westeuropäischen Menschen die Grundlage, das Prinzip der Brüderlichkeit, nun einmal nicht liegt, sondern statt dessen, im Gegenteil, das Prinzip der Einzelheit, der Persönlichkeit, die sich unausgesetzt absondert, die mit dem Schwert in der Hand ihre Rechte fordert? Der Sozialist, der nur sieht, daß Brüderlichkeit nicht vorhanden ist, beginnt also zur Brüderlichkeit zuzureden. Da die Brüderlichkeit ihnen nicht von Natur gegeben ist, will er sie künstlich herstellen. Doch um ein Hasenragout machen zu können, muß man zuvor einen Hasen haben. Den Hasen aber gibt es dort nicht, d. h. man hat nun einmal nicht die Natur, die der Brüderlichkeit fähig ist, eine Natur, die an Brüderlichkeit glaubt, die es von selbst nach Brüderlichkeit verlangt! In der Verzweiflung beginnt der Sozialist die zukünftige Brüderlichkeit zu konstruieren, zu definieren, nach Gewicht und Maß zu berechnen, mit Vorteilen zu locken; er erklärt, er lehrt, er erzählt, wieviel Vorteile den Menschen durch diese Brüderlichkeit erwüchsen und was ein jeder durch sie alles gewönne; er setzt auch fest, was jeder einzelne vorzustellen, was er zu tragen habe, und bestimmt auch im voraus die Zuteilung der irdischen Güter: wieviel einem jeden davon zukomme, d. h. wieviel jeder davon verdiene und wieviel ein jeder dafür freiwillig auf Kosten seiner Persönlichkeit der Genossenschaft abzutreten habe. Was aber ist denn das noch für eine Brüderlichkeit, wenn schon im voraus geteilt und festgesetzt wird, wieviel ein jeder zu bekommen verdient und was ein jeder tun muß? Übrigens – es ward ja die Formel verkündet: „Einer für Alle und Alle für Einen.“ Etwas Besseres als dieses hätte man sich allerdings nicht ausdenken können, um so weniger, als diese ganze Formel unverändert einem Buch entnommen ist, das alle kennen. Doch siehe, man begann diese Formel praktisch anzuwenden und da geschah es, daß schon nach sechs Monaten der Begründer dieser Brüderlichkeit, Cabet, vors Gericht gezogen wurde. Die Fourieristen haben, wie man hört, schon die letzten neunhunderttausend Franken ihres Kapitals abgehoben und versuchen immer noch, die Brüderlichkeit irgendwie zu verwirklichen. Es kommt aber nichts dabei heraus. Natürlich hat es etwas sehr Verlockendes, wenn auch nicht auf brüderlicher, so doch auf rein vernunftgemäßer Grundlage zu leben, d. h. es ist schön und gut, wenn alle dich sicherstellen und von dir nur Arbeit und Übereinstimmung verlangen. Aber hier stellt sich nun wieder ein Rätsel ein: man sollte meinen, der Mensch werde doch vollkommen sichergestellt, man verspricht ihm Essen und Trinken, verspricht ihm Arbeit, und dafür verlangt man von ihm nur ein winziges Körnchen seiner persönlichen Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit, nur ein ganz, ganz kleines Körnchen. Doch nein, das paßt dem Menschen nicht, selbst dieses winzige Körnchen abzutreten fällt ihm schon zu schwer. Infolge seiner Dummheit scheint es ihm immer, daß ein solches Leben ja so gut wie ein Gefängnisleben sei und allein für sich sei es besser, denn – da bliebe ihm der ganze freie Wille. Und wenn er in dieser seiner Freiheit auch geschunden wird, keine Arbeit erhält, dabei Hungers stirbt und seinen freien Willen überhaupt nicht hervorholen kann, – es scheint dem wunderlichen Kauz dennoch, daß es mit eigenem Willen besser sei. Natürlich bleibt dem Sozialisten somit nichts anderes übrig, als auszuspeien und ihm zu sagen, daß er ein Dummkopf, geistig zurückgeblieben und minderwertig sei, und nicht einmal seinen eigenen Vorteil zu begreifen verstehe; daß selbst irgend so eine armselige Ameise, die nicht einmal der Gabe des Wortes teilhaftig geworden ist, klüger sei als er, denn in ihrem Ameisenhaufen sei alles so gut eingerichtet, alles so genau vorliniiert, alle Ameisen seien satt und glücklich, jeder Ameiserich kenne seine Aufgabe, kurz: der Mensch habe es noch lange nicht so weit gebracht, wie die Ameisen.

Mit anderen Worten: der Sozialismus mag ja irgendwo verwirklicht werden können, aber nur nicht in Frankreich.

Und da, in der letzten Verzweiflung, erklärt denn der Sozialist schließlich: liberté, égalité, fraternité ou la mort.[31] Nun, hierzu ist schon nichts mehr zu sagen und der Bourgeois triumphiert endgültig.