Aber wenn der Bourgeois triumphiert, so muß doch folgerichtigerweise die Formel des Abbé Sieyès buchstäblich und bis zum letzten Tüpfelchen wahr geworden sein. Der Bourgeois ist nun tatsächlich alles, also warum ist er dabei so unsicher, warum duckt er sich, was fürchtet er denn noch? Alle haben sich vor ihm aus dem Staube gemacht, sind zurückgewichen, alle haben sie vor ihm nicht zu bestehen vermocht. Früher, unter Louis Philippe zum Beispiel, war der Bourgeois durchaus nicht so unsicher und ängstlich, und doch herrschte er auch damals schon. Ja, damals kämpfte er noch, damals witterte er, daß man ihm feind war, und auf den Junibarrikaden rechnete er mit seinen Feinden zum letztenmal mit Gewehr und Bajonett ab. Aber der Kampf nahm ein Ende und da sah der Bourgeois plötzlich, daß er allein auf der Erde war, daß es etwas Besseres als ihn überhaupt nicht gab, daß er das Ideal war, und daß ihm jetzt nicht mehr wie früher oblag, der ganzen Welt zu versichern, er sei das Ideal, sondern einfach und ruhig und in großartiger Haltung vor der ganzen Welt als Fleischwerdung der letzten Schönheit und aller menschlichen Vollkommenheiten zu posieren. Immerhin: eine etwas verwirrende Lage. Aus der befreite ihn Napoleon der Dritte. Der fiel ihnen wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß, als der einzige Ausweg aus der Schwierigkeit, als einzige Möglichkeit. Seit eben der Zeit führt der Bourgeois ein glücklich-wohlgeruhsames Leben, zahlt für seine Wohlfahrt ungeheuerliches Geld und fürchtet dabei alles, eben deshalb, weil er alles erreicht hat. Wenn man alles erreicht hat, wird es schwer, alles zu verlieren. Daraus folgt schnurstracks, meine Freunde, daß, wer sich am meisten fürchtet, derjenige ist, dem es am besten geht. Lachen Sie bitte nicht. Ja, was ist denn der Bourgeois jetzt?

Siebentes Kapitel.
Fortsetzung des Vorhergehenden.

Und warum gibt es unter den Bourgeois so viele Lakaien, und das noch dazu bei so edlem Äußeren? Bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit Vorwürfen, wie etwa, daß ich übertriebe, verleumdete, daß ich aus Haß so spräche. Wozu sollte ich das? Zu welchem Zweck? Haß auf wen? Es gibt ganz einfach viele Lakaien unter ihnen und das ist nun einmal so. Das Lakaientum frißt sich in die Natur des Bourgeois immer mehr hinein und wird immer mehr für eine Tugend gehalten. So muß es ja auch geschehen bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Es ist nur eine natürliche Folge. Doch die Hauptsache, die Hauptsache ist – daß die Natur selbst dazu hilft. Ich rede noch nicht einmal davon, daß dem Bourgeois zum Beispiel das Spionieren zu einem guten Teil schon angeboren ist. Meine Meinung ist nun einmal die, daß die außergewöhnliche Verbreitung der Spionage in Frankreich – und zwar nicht nur einer gewöhnlichen, sondern einer meisterhaften, aus Neigung betriebenen, förmlich zur Kunst entwickelten Spionage, die ihre besonderen wissenschaftlichen Methoden hat – eine Folge dieser angeborenen Lakaienhaftigkeit ist. Welch ein ideal edler Gustave wird nicht – so lange er noch nicht viel Geld besitzt – ohne zu zögern für zehntausend Franken die Briefe seiner Geliebten ausliefern und damit die Frau an ihren Mann verraten? Vielleicht übertreibe ich hier zum Teil, aber vielleicht urteile ich doch auf Grund gewisser Tatsachen. Der Franzose liebt es ungeheuer, sich vor den Augen der Obrigkeit irgendwie auszuzeichnen, vor ihr irgendwie zu dienern, ihr womöglich ganz uneigennützig einen Dienst zu erweisen, sogar ohne dafür eine sofortige Belohnung zu erwarten, also auf Pump, auf Kredit. Erinnern Sie sich all dieser Bewerber um eine Anstellung, z. B. bei jedem neuen Regierungswechsel, der in Frankreich so oft stattgefunden hat. Erinnern Sie sich, was für Stückchen sie sich dabei leisteten und was sie nachher selbst eingestanden. Erinnern Sie sich eines der Gedichte Barbiers über dieses Thema. Einmal nahm ich in einem Café eine Zeitung in die Hand, eine Nummer vom dritten Juli. Mein Blick fiel auf eine Überschrift: „Briefe aus Vichy.“ In Vichy hielt sich damals gerade der Kaiser auf, nun und natürlich auch der ganze Hof: da gab es Spazierritte, Vergnügungen usw. Der Berichterstatter schildert alles getreulich und beginnt wie folgt:

„Man sieht jetzt viele vorzügliche Reiter in Vichy. Aber selbstverständlich erkennt man sofort den glänzendsten unter ihnen allen. Seine Majestät reitet jeden Tag in Begleitung seiner Suite usw. usw.“

Nun gut, mag er sich doch für die glänzenden Eigenschaften seines Kaisers begeistern. Man kann seinen Verstand, seine Berechnung und noch andere Vorzüge bewundern, und dem, der das tut, kann man nicht ins Gesicht sagen, daß er sich verstelle. „Es ist meine Überzeugung und damit basta!“ würde er Ihnen auf etwaige Vorhaltungen antworten, also auf ein Haar so, wie neuerdings einige unserer zeitgenössischen Journalisten zu antworten pflegen. Sie verstehen: er ist sichergestellt, er hat eine Antwort bereit, mit der er Ihnen den Mund stopfen kann. Freiheit des Gewissens und der Überzeugungen ist die erste und wichtigste Freiheit der Welt. Doch hier in diesem Fall, was könnte dieser Journalist wohl antworten? Hier läßt er doch schon die Gesetze der Wirklichkeit außer acht, tritt sogar jede Wahrscheinlichkeit mit Füßen und tut das noch dazu mit Absicht. Warum aber, fragt man sich, warum sollte das jemand absichtlich tun? Es wird ihm ja doch niemand glauben. Der Reiter selbst wird diese „Briefe aus Vichy“ ja ganz bestimmt nicht lesen, und selbst wenn er sie lesen sollte, so – ja, ist denn jenes Französchen, das diese „Briefe aus Vichy“ geschrieben hat, die Zeitung, für die sie bestimmt waren, die Redaktion der Zeitung – sind sie denn wirklich so dumm, daß sie nicht begreifen, wie wenig der Kaiser dieses Ruhmes bedarf, der beste Reiter in Frankreich zu sein, er, der in seinem Alter sicherlich nicht mehr auf diesen Ruhm Anspruch macht: man sagt doch, er sei ein überaus kluger Mann. Nein, hier ist es eine ganz andere Berechnung, und zwar: mag es auch unwahrscheinlich und womöglich lächerlich sein, mag der Herrscher selbst mit Widerwillen und Verachtung das lesen, mag er’s, mag er’s, aber dafür wird er blinde Ergebenheit, grenzenlose Verehrung sehen, und wenn es auch sklavische, dumme, unwahrscheinliche Verehrung ist, so ist es doch ein Verehrungsbeweis, und das ist die Hauptsache. Urteilen Sie jetzt selbst, meine Freunde: wenn so etwas nicht im Geiste der Nation läge, wenn eine so fade Schmeichelei nicht für durchaus möglich, üblich, vollkommen in Ordnung und sogar für anständig gälte – wäre es dann möglich, daß in einer Pariser Zeitung solche Berichte erschienen? Wo, in welch einer Presse finden Sie einen ähnlichen Schmeichlergeist, außer in Frankreich? Ich spreche ja auch nur deshalb von dem Geist der Nation als solchem, weil nicht nur eine Zeitung so schreibt, sondern fast alle, ausgenommen zwei oder drei Blätter, die einzigen, die nicht vollkommen abhängig sind.

Einmal saß ich an einer table d’hôte[32] – doch das war nicht mehr in Frankreich, sondern in Italien, aber an der table d’hôte saßen viele Franzosen. Man sprach von Garibaldi. Damals sprach man überall von Garibaldi. Es war ungefähr zwei Wochen vor Aspromonte. Die Unterhaltung hatte natürlich etwas Geheimnisvolles: manche schwiegen und wollten sich überhaupt nicht äußern; andere schüttelten den Kopf. Der allgemeine Sinn der Äußerungen war der, daß Garibaldi ein sehr gewagtes, ja sogar ein unkluges Unternehmen angefangen habe; doch selbstredend wurde diese Meinung nicht deutlich ausgesprochen, denn Garibaldi reicht als Mensch doch so weit über das Maß aller anderen hinaus, daß bei ihm vielleicht selbst das sich als klug erweist, was nach gewöhnlichen Erwägungen gar zu gewagt wäre. Allmählich ging das Gespräch mehr auf die Persönlichkeit Garibaldis über. Man zählte seine besonderen Eigenschaften auf – das Ergebnis war ein recht günstiges für den italienischen Helden.

„Nein, ich wundere mich nur über eines,“ sagte da laut ein Franzose von angenehmem und eindrucksvollem Äußeren, ein Mann von einigen dreißig Jahren, dessen Gesicht den Stempel jenes außergewöhnlichen Edelmuts trug, der Ihnen an allen Franzosen bis zur Frechheit in die Augen springt. „Nur ein Umstand setzt mich an ihm vornehmlich in Erstaunen!“

Natürlich wandten sich alle neugierig dem Redner zu.

Eine neue Eigenschaft, die an Garibaldi entdeckt worden war, mußte selbstverständlich alle interessieren.

„Im Jahre 1860,“ begann der Franzose, „hatte Garibaldi in Neapel eine Zeitlang unbeschränkte Vollmacht und stand überhaupt unter keiner Kontrolle. Und gerade damals hatte er eine Summe von zwanzig Millionen Staatsgeldern in Händen! Über dieses Geld brauchte er niemand Rechenschaft zu geben! Er hätte davon so viel er wollte nehmen und beiseite schaffen können, niemand hätte ihn danach gefragt! Er aber hat nichts beiseite geschafft und hat der Regierung die ganze Summe bis auf den letzten Sou abgeliefert. Das ist doch beinahe nicht zu glauben!!“