Bei einem so warmen Glauben an seine Idee war er natürlich der glücklichste der Menschen. Oh, grundlos hat man später geschrieben, daß Bjelinski, wenn er länger gelebt hätte, zum Slawophilentum übergegangen wäre. Niemals hätte er mit dem Slawophilentum geendet. Bjelinski hätte vielleicht mit der Emigration geendet, wenn er länger gelebt hätte und wenn es ihm gelungen wäre, über die Grenze zu kommen, und würde sich jetzt als kleiner und begeisterter alter Herr mit demselben warmen Glauben, der nicht die geringsten Zweifel zuläßt, irgendwo auf den Kongressen in Deutschland und in der Schweiz herumtreiben, oder sich irgendeiner deutschen Madame Goegg[103] als Adjutant anschließen und für irgendeine Frauenfrage den Laufburschen spielen.

Dieser glückselige Mensch, der eine so erstaunliche Gewissensruhe besaß, war übrigens mitunter sehr traurig, doch diese Trauer war von besonderer Art, – nicht eine Folge von Zweifeln, nicht von Enttäuschungen, oh nein, – sondern ihre Ursache war die Frage: warum nicht heute, warum nicht morgen? Er war der ungeduldigste Mensch in ganz Rußland. Einmal traf ich ihn gegen drei Uhr mittags bei der Snamenski-Kirche. Er sagte mir, er sei spazieren gegangen und gehe nun nach Hause.

„Ich komme oft hierher, um zu sehen, wie der Bau fortschreitet“ (der Bau des Bahnhofs der Nikolai-Bahn, die damals erst gebaut wurde). „Ich erleichtere mir damit wenigstens das Herz, daß ich hier eine Weile stehe und der Arbeit zusehe: endlich wird es auch bei uns wenigstens eine Eisenbahn geben. Sie glauben nicht, wie dieser Gedanke mich manchmal aufatmen läßt!“

Das war heiß und schön gesagt; Bjelinski war nie pathetisch. Wir gingen zusammen weiter. Ich weiß noch, unterwegs sagte er zu mir:

„Ja, erst wenn ich verscharrt sein werde“ (er wußte, daß er schwindsüchtig war), „wird man sich besinnen und gewahr werden, wen man verloren hat.“

In seinem letzten Lebensjahr ging ich bereits nicht mehr zu ihm. Er mochte mich nicht mehr; doch ich nahm damals mit Leidenschaft seine ganze Lehre an. Und wieder ein Jahr später, es war in Tobolsk, als wir in Erwartung unseres ferneren Schicksals im Ostrogg saßen, bis man uns von dort weiter transportierte, gelang es den Frauen der Dekabristen, den Aufseher des Ostrogg durch Bitten zu bewegen, ihnen eine heimliche Zusammenkunft mit uns in seiner Wohnung zu gestatten. Wir sahen diese großen Märtyrerinnen, die freiwillig mit ihren Männern nach Sibirien gegangen waren. Sie hatten alles hingegeben: Adel, Reichtum, Verbindungen und Verwandte, hatten alles geopfert für die höchste sittliche Pflicht, für die freieste Pflicht, die es überhaupt gibt. Sie, die selbst in nichts schuldig waren, ertrugen in langen fünfundzwanzig Jahren alles, was ihre verurteilten Männer zu ertragen hatten. Unser Zusammensein währte eine Stunde. Sie segneten uns auf den neuen Weg, bekreuzigten uns und schenkten einem jeden das Neue Testament – das einzige Buch, das im Ostrogg erlaubt ist. Vier Jahre lang lag es im Zuchthause unter meinem Kopfkissen. Ich las es manchmal und las auch anderen daraus vor. Nach diesem Buch lehrte ich einen jungen Zuchthäusler lesen. Um mich herum waren dort gerade die Menschen, die nach Bjelinskis Glauben ihre Verbrechen nicht hatten nicht begehen können, die also im Recht und nur unglücklicher als die anderen waren. Ich wußte, daß auch das ganze russische Volk uns „Unglückliche“ nannte, und habe diese Benennung selbst unzählige Male von unzähligen Menschen gehört. Aber es war da immer etwas anderes, es war da gar nicht das, wovon Bjelinski sprach und was jetzt zum Beispiel aus manchen Urteilssprüchen unserer Geschworenen hervorklingt. In jenem Worte „Unglückliche“, in jenem Urteilsspruch des Volkes klang ein anderer Gedanke. Vier Jahre Zuchthaus waren eine lange Schule; ich hatte Zeit, mich zu überzeugen ...

Eine der zeitgemäßen Fälschungen[104].

Einige unserer Kritiker haben neuerdings bemerkt, daß ich in meinem letzten Roman „Die Dämonen“ die Geschichte des bekannten Netschajeff-Prozesses[105] benutzt hätte; doch gleichzeitig stellen sie fest, daß eigentliche Porträts oder eine buchstäbliche Verwendung des Falles Netschajeff in meinem Roman nicht enthalten sei; es sei bloß die Erscheinung an sich genommen und ich hätte nur versucht, die Möglichkeit einer solchen in unserer Gesellschaft zu erklären, und zwar schon im Sinne einer gesellschaftlichen Erscheinung, nicht im Sinne einer zufälligen Begebenheit, also sei es nicht eine Darstellung des Moskauer speziellen Falles. Alles dies ist, das sage ich von mir aus, vollkommen richtig. Auf die Person des bekannten Netschajeff wie auf die seines Opfers Iwanoff habe ich in meinem Roman keinen Bezug genommen. Die Gestalt meines Netschajeff gleicht natürlich keineswegs dem wirklichen Netschajeff. Ich wollte nur die Frage aufstellen und dann in der Form eines Romans eine möglichst klare Antwort auf die Frage geben: wie in unserer, in einem Übergangszustande befindlichen und wunderlichen Gesellschaft nicht speziell dieser eine Netschajeff möglich war, sondern wie überhaupt Netschajeffs in ihr möglich sind und auf welche Weise es geschehen kann, daß diese Netschajeffs schließlich Netschajewzen um sich zu sammeln vermögen?

Nun habe ich unlängst – übrigens ist es doch schon einen Monat her – in der „Russischen Welt“ folgende merkwürdige Zeilen gelesen:

„... Der Prozeß Netschajeff hat, wie uns scheint, einen jeden überzeugen können, daß die studierende Jugend bei uns in ähnliche Verrücktheiten nicht verwickelt zu sein pflegt. Ein idiotischer Fanatiker von der Art Netschajeffs konnte seine Proselyten nur unter der müßigen, unreifen und keineswegs studierenden Jugend finden.“