Und weiter:

„... um so mehr, als noch vor ein paar Tagen der Minister der Volksaufklärung erklärt hat (in Kiew), er könne nach der Besichtigung der Unterrichtsanstalten in sieben Kreisen nur sagen, daß ‚in den letzten Jahren die Jugend sich unvergleichlich ernster zur Wissenschaft verhalte, viel mehr und unvergleichlich gründlicher arbeite, als früher‘.“

An und für sich sind ja diese Zeilen, d. h. wenn man sie unbezüglich nimmt, ziemlich nichtssagend (ich hoffe, der Verfasser wird mich entschuldigen). Aber sie sind eine Ausrede und enthalten eine alte, schon so zuwider gewordene Lüge. Der ganze Grundgedanke besteht darin, daß, wenn bei uns manchmal auch Netschajeffs auftauchen, diese doch unbedingt alle nur Idioten und Fanatiker seien; und wenn es ihnen auch gelinge, Proselyten zu machen, so geschehe das unbedingt „nur unter der müßigen, unreifen und keineswegs studierenden Jugend“. Ich weiß nicht, was der Verfasser dieses kleinen Artikels mit dieser Ausrede eigentlich hat beweisen wollen: vielleicht wollte er der studierenden Jugend schmeicheln? Oder wollte er, im Gegenteil, mittels eines schlauen Manövers und sozusagen in der Form einer Schmeichelei die Jugend ein wenig überlisten, jedoch nur mit den achtbarsten Absichten, nämlich nur zu ihrem eigenen Besten, und da hat er es denn, um den Zweck zu erreichen, mit einem Mittel versucht, das Gouvernanten und Kinderfrauen ihren kleinen Pfleglingen gegenüber anzuwenden pflegen: „Seht, meine lieben Kinderchen, was jene dort für ungezogene Rangen sind, wie sie schreien und wie sie sich prügeln, und sicher werden sie dafür Ruten bekommen, daß sie so ‚unreif‘ sind; ihr aber seid so liebe, artige Kinderchen, sitzt bei Tische hübsch gerade, schlenkert nicht mit den Beinchen unter dem Tisch, und dafür werdet ihr auch bestimmt etwas Schönes bekommen“. Oder vielleicht hat der Verfasser unsere studierende Jugend vor der Regierung „verteidigen“ und zu dem Zweck einen Kunstgriff anwenden wollen, den er vielleicht selber für ungemein schlau und fein hält?

Doch ich sage offen: obschon ich alle diese Fragen gestellt habe, erwecken die persönlichen Absichten des Verfassers doch nicht das geringste Interesse in mir. Und ich füge sogar hinzu, um die Entschuldigung gleich abzutun, daß ich geneigt bin, die Lüge und die alte faule Ausrede, die in jenem Artikel zum Ausdruck kommen, im vorliegenden Fall für etwas Unbeabsichtigtes und Zufälliges zu halten, d. h. ich glaube, daß der Verfasser sich selbst von seinen Worten hat überzeugen lassen und sie für wahr hält – mit jenem höheren Biedersinn, der so löblich und in jedem anderen Fall durch seine Harmlosigkeit sogar rührend ist. Doch abgesehen davon, daß eine Lüge, die für Wahrheit gehalten wird, immer die gefährlichste Lüge ist (selbst dann, wenn sie in der „Russischen Welt“[106] erscheint), – es fällt einem außerdem sofort auch dies auf, daß sie noch nie in so nackter, bestimmter und ungeprüfter Gestalt aufgetreten ist, wie in diesem kleinen Artikel. In der Tat, man sagt ja auch: zwinge einen anderen Menschen zum Beten und er schlägt sich die Stirn ein[107]. Gerade in dieser Gestalt aber ist die Lüge interessant zu untersuchen und nach Möglichkeit aufzudecken. Hinzu kommt, daß man doch nicht weiß, wie lange man wird warten müssen, bis man wieder einmal auf eine so ungeprüfte Aufrichtigkeit stößt!

Da ist es nun von der liberalen Presse schon seit unseren uralten pseudo-liberalen Zeiten zur Regel erhoben, „die Jugend zu verteidigen“. Gegen wen? gegen was? – das bleibt meist im Dunkel der Ungewißheit und auf die Weise bekommt das ganze Vorgehen oft etwas überaus Sinnloses und sogar höchst Komisches, besonders bei Angriffen auf andere Organe der Presse in dem Sinne von: „Seht, wir sind liberaler, ihr aber fallt über die Jugend her, folglich seid ihr reaktionärer.“ Ich bemerke hierzu in Klammern, daß derselbe kleine Artikel der „Russischen Welt“ eine Anschuldigung enthält, die im besonderen gegen den „Bürger“ gerichtet ist: angeblich weil in ihm unsere studierende Jugend in Petersburg, Moskau und Charkoff ausnahmslos angeklagt werde. Ich will mich nicht weiter dabei aufhalten, daß der Verfasser des Artikels selbst ganz vorzüglich weiß, daß es in unserem Blatt nichts, was einer allgemeinen und ausnahmslosen Anklage auch nur ähnlich wäre, gegeben hat noch gibt, sondern bitte unseren Ankläger nur zu erklären: was heißt das, die Jugend ausnahmslos anklagen? Ich verstehe diesen Satz überhaupt nicht! Das soll natürlich heißen, daß wir aus irgendeinem Grunde die ganze Jugend ohne Ausnahme nicht lieben, – und nicht einmal so sehr die Jugend überhaupt, als gerade ein gewisses Alter unserer jungen Menschen? Was ist das für ein Unsinn! Wer kann eine solche Anklage ernst nehmen? Es ist klar, daß sowohl die Anklage wie die Verteidigung mit größter Oberflächlichkeit geschrieben worden sind, ohne daß man sich viel dabei gedacht hätte. Ja, eben: „Lohnt es sich denn überhaupt, darüber nachzudenken? Ich habe gezeigt, daß ich selbst liberal bin, daß ich die Jugend lobe und diejenigen schelte, die sie nicht loben, na und damit ist der Artikel fertig und ist’s abgetan!“ Ja, eben: und ist’s abgetan; denn nur der schlimmste Feind unserer Jugend könnte sich entschließen, sie auf die Weise zu verteidigen, – und dabei auf eine so erstaunliche Ausrede verfallen (unvermutet, ungewollt – davon bin ich jetzt überzeugter denn je), wie der harmlose Verfasser des kleinen Artikels in der „Russischen Welt“.

Die ganze Wichtigkeit des Falles besteht nur darin, daß dieses Verfahren nicht eine Erfindung bloß der „Russischen Welt“ ist, sondern von vielen Organen unserer pseudo-liberalen Presse angewandt wird, von diesen aber geschieht das vielleicht nicht mehr so aus reiner Einfalt. Das Wesen dieses Verfahrens besteht erstens: im ausnahmslosen Lob der Jugend, und zwar in jeder Beziehung und in jedem Fall; und zweitens: in plumpen Angriffen auf alle anderen, die sich in dem einen oder anderen Fall erlauben, sich auch zu der Jugend kritisch zu verhalten. Aufgebaut ist dieses Verfahren auf der lächerlichen Annahme, daß die Jugend noch so unreif sei und Lob so liebe, daß sie nichts zu unterscheiden verstehe und alles für bare Münze nehme. Und in der Tat, sie haben erreicht, daß schon sehr viele unter der Jugend (wir glauben fest, daß es bei weitem nicht alle sind) an plumpem Lob wirklich Geschmack gefunden haben, daß sie nun schon Schmeichelei verlangen und bereit sind, alle diejenigen, die ihnen nicht ausnahmslos und auf Schritt und Tritt, besonders aber in gewissen Fällen, Beifall spenden, ohne Unterschied anzuklagen. Übrigens ist das vorläufig nur ein zeitweiliger Übelstand; mit zunehmender Erfahrung und zunehmendem Alter werden sich die Anschauungen auch dieser Jugend ändern. Aber es gibt noch eine andere Seite der Lüge, die bereits unmittelbaren und wesentlichen Schaden stiftet.

Diese andere Seite der „Verteidigung unserer Jugend vor der Gesellschaft und vor der Regierung“ nach besagtem Verfahren besteht in einfacher Verneinung der Tatsache, – in einer bisweilen überaus plumpen und frechen Verleugnung: „Nein,“ heißt es, „die Tatsache gibt es nicht und hat es nie gegeben, ja, hat es gar nicht geben können; wer das Gegenteil behauptet, verleumdet die Jugend, ist also ein Feind der Jugend!“

Dies die Manier. Ich wiederhole: selbst der schlimmste Feind unserer Jugend hätte nichts ersinnen können, das ihren eigensten Interessen schädlicher wäre. Das möchte ich auf alle Fälle beweisen.

Mit der Verneinung der Tatsache um jeden Preis kann man erstaunliche Ergebnisse erreichen.

Nun, was beweisen Sie damit, meine Herrschaften, und um was erleichtern Sie die Sache, wenn Sie zu versichern anfangen (und zwar, was sehr wichtig ist, zu Gott weiß welchem Zweck), daß die Jugend, die sich „hinreißen“ läßt, d. h. jene, die sich „hinreißen“ lassen können (meinetwegen selbst von einem Netschajeff), unbedingt nur „müßige, unreife“ Jugend sei, die keineswegs studiert, – mit einem Wort: das seien eben nur Faulenzer mit den schlechtesten Neigungen. Auf die Weise geschieht es, daß Sie, indem Sie den Fall absondern, aus der Sphäre der Studierenden ausschließen und ihn ausschließlich für die „Müßigen und Unreifen“ vorbehalten, eben damit schon im voraus diese Unglücklichen anklagen und sich von ihnen endgültig lossagen. „Es ist ihre eigene Schuld, sie waren Raufbolde und Faulenzer und verstanden bei Tisch nicht artig zu sitzen.“ Indem Sie den Fall also absondern und ihm das Recht nehmen, im Zusammenhang mit dem allgemeinen Ganzen untersucht zu werden (eben daraus aber ergibt sich die einzig mögliche Verteidigung der unglücklichen „Verirrten“!), unterschreiben Sie gewissermaßen nicht nur deren endgültige Verurteilung, sondern entfernen von ihnen sogar jedes Erbarmen, denn Sie versichern doch unumwunden, daß die Verirrungen dieser Jugend einzig aus ihren abstoßenden Eigenschaften hervorgingen, und daß diese Jünglinge sogar ohne jedes begangene Verbrechen schon Verachtung und Abscheu erwecken müßten.