Alles das dachte ich damals, ich erinnere mich jenes Augenblicks noch mit der größten Klarheit. Und ich habe ihn später niemals vergessen können. Es war das der berauschendste Augenblick meines ganzen Lebens. Wenn er mir in der sibirischen Katorga einfiel, richtete er mich geistig wieder auf. Noch jetzt denke ich jedesmal mit Entzücken daran zurück. Und nun kürzlich, nachdem dreißig Jahre darüber vergangen sind, hat sich mir dieser ganze Augenblick gleichsam wieder vergegenwärtigt, als ich am Bette des kranken Njekrassoff saß: es war mir, als erlebte ich alles das von neuem. Ich erinnerte ihn nicht ausführlich an das Gewesene, ich erwähnte nur, daß wir einmal etwas gemeinsam erlebt hatten, und da sah ich, wie er sich dessen auch ohne meine Erwähnung erinnerte. Eigentlich wußte ich das schon. Als ich aus der Katorga zurückgekehrt war, hatte er auf eines seiner Gedichte hingewiesen, in einem Bande: „Das habe ich damals auf Sie gedichtet.“ Und doch haben wir das ganze Leben getrennt verbracht. Auf seinem Schmerzenslager gedenkt er jetzt in seinen „letzten Liedern“ der schon toten Freunde:
„Unvollendet blieben ihre Lieder.
Starben sie doch durch Verrat
in der Blüte der Jahre.
Bosheit zerbrach sie.
Vorwurfsvoll sehen die Bilder der Toten
von stummen Wänden mich an.“
Ein schweres Wort ist hier dieses „vorwurfsvoll“. Sind wir denn „treu“ geblieben, sind wir es geblieben? Möge das ein jeder nach eigenem Wissen und Gewissen selbst entscheiden ...
Fußnoten
[1] Den Namen dieser Kinderfrau finden wir im Roman „Die Dämonen“, und in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ kommt Dostojewski einmal ausführlich auf sie zu sprechen (s. Bd. 23 der deutschen Ausgabe), wie auch auf den leibeigenen Bauer Marei (Bd. 13 und 18 der deutschen Ausgabe). E. K. R.