[71] Marja Dmitrijewnas Mann war als Gymnasiallehrer nach Kusnezk versetzt worden und hatte mit seiner Frau und seinem neunjährigen Sohn erst kurz vorher Semipalatinsk verlassen. E. K. R.
[72] Nach den „Erinnerungen“ Wrangels kam Dostojewski im Januar 1860 nach Petersburg. „Dostojewski brauchte damals viel Geld, besaß aber keinen Heller. Er hatte zahllose Schulden und nur die eine Hoffnung, daß ihm die vielen Erzählungen und Romane, die in seinem Kopfe ... entstanden, etwas einbringen würden ... Wir sahen uns sehr oft, doch immer nur flüchtig, denn wir beide waren in den Strudel des Petersburger Lebens geraten ...“ Trotzdem sagt Wrangel, daß Dostojewski Tag und Nacht gearbeitet habe. (Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“.) Da das Petersburger Klima für den Gesundheitszustand seiner Frau schädlich gewesen wäre, verbrachte sie die folgenden Jahre in Moskau, wo sie am 16. April 1864 an der Schwindsucht starb. Den Winter 1863–64 bis zu ihrem Tode weilte Dostojewski deshalb in Moskau. Sein Stiefsohn war auf Befehl des Kaisers 1860 als Stipendiat in eine Lehranstalt aufgenommen worden. Dostojewski hatte die Bitte darum mit seinem eigenen Gnadengesuch verbunden. In einem späteren Brief an Wrangel schreibt Dostojewski über seine Ehe mit der verstorbenen Frau: „Wir waren beide durchaus unglücklich, konnten aber nicht aufhören, einander zu lieben; je unglücklicher wir waren, um so mehr hingen wir aneinander“. (Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.
[73] Die Gegner dieser Form der Bauernbefreiung – tatsächlich ist durch die gleichzeitige Zuteilung von Land an die Bauern ein überaus großer Teil der Grundbesitzer ruiniert worden – hatten meist die höchsten Ämter inne, und so geschah es häufig, daß die vom Kaiser gewünschten freiheitlichen Reformen ihren entschiedensten Gegnern zur Ausführung übergeben wurden. Neuerdings mehren sich die Stimmen, die in jener Bauernbefreiung, die den einzelnen Bauern nicht zum Landbesitzer, sondern zum Landproletarier oder Genossenschaftler machte – zu einem Arbeiter auf dem Gemeindeland – die Grundlage jener Ereignisse sehen, die sich seit 1917 in Rußland abspielen. Die von Stolypin und Kriwoschein begonnene Agrarreform – Aufhebung des Agrarkommunismus („Mir“), das Land sollte Eigenbesitz des Bauern werden – wurde nach den ersten Versuchen vom Kriege unterbrochen, worin wiederum die äußerste Linke eine Bestätigung der welthistorischen Aufgabe Rußlands sieht: das Land der neuen Lebensordnung, der neuen Menschheit zu werden. E. K. R.
[74] Slawophiler Publizist (1819–76), nächst den Begründern des Slawophilismus – Chomjäkoff, Kirejewski, Akssakoff – der einflußreichste Vertreter der Partei. E. K. R.
[75] Schriftsteller und Zensor, als Leibeigener geboren. E. K. R.
[76] O. Miller setzt die Vorgeschichte des erwähnten Ereignisses als noch erinnerlich oder bekannt voraus und begnügt sich daher mit einer kurzen Beleuchtung einiger Einzelheiten. Da nun diese seine Voraussetzung bei dem deutschen Leser von heute nicht zutrifft, die Aufzeichnungen anderer Zeitgenossen aber aus Zensurgründen manche „Triebfedern“ kaum andeuten dürfen, wird hier zunächst eine Darstellung der Sachlage von J. Eckardt angeführt aus seinen „St. Petersburger Beiträgen zur neuesten russischen Geschichte“, die er 1881 anonym und nicht in Rußland erscheinen ließ (im Verlage von Duncker & Humblot, Leipzig).
Nach Eckardt ist „der für die gesamte spätere Entwicklung so außerordentlich verhängnisvoll gewordene Petersburger Studentenkrawall vom Herbst 1861 ... lediglich dadurch veranlaßt worden, daß der (neue) Universitätskurator Philipson zu den Freiheiten scheel sah, die der Kaiser persönlich und der frühere Unterrichtsminister Kowalewski der akademischen Jugend erteilt hatten, und daß der damalige Generalgouverneur von Petersburg Ignatjeff Studenten und Professoren grundsätzlich verabscheute und von Zugeständnissen an ‚Zivilisten‘ überhaupt nichts wissen wollte“. 1861 war u. a. auch die der militärischen sehr ähnliche Studentenuniform abgeschafft worden, um – alsbald wieder eingeführt zu werden.
N. N. Strachoff, der Mitherausgeber der „Materialien zur Lebensbeschreibung Dostojewskis“, der als Anhänger der Hegelschen Rechten dieselben Vorgänge von einem konservativeren Standpunkt aus sieht als es O. Miller tut, gibt in seinen „Erinnerungen an Dostojewski“ einen weiteren Überblick über die Vorgeschichte der Studentenunruhen, der gleichzeitig einen Einblick in die Petersburger Stimmung jener Zeit gewährt und auch Dostojewskis politische Stellungnahme beleuchtet, weshalb seine Ausführungen über die „Studentengeschichte“ hier in folgendem wiedergegeben sind:
„Ich will nun eines der wichtigen Ereignisse jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, die sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte und die den damaligen Zustand der Gesellschaft am besten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten wahrscheinlich verschiedene innere Triebfedern mit; doch diese werde ich nicht berühren,“ (Als Strachoff 1883 unter Alexander III. dies schrieb, wären Angaben, wie Eckardt sie gibt, von der Zensur nicht durchgelassen worden. E. K. R.) „sondern werde nur ihre äußere, öffentliche Erscheinung schildern, die für die Mehrzahl der handelnden Personen, wie für die Mehrzahl der Zuschauer die größere Bedeutung hatte.
„Die Universität, an der infolge des Zustroms von Liberalismus ein reges Leben herrschte, begann von diesem Leben mehr und mehr überzuschäumen; doch zum Unglück war das ein Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft verdrängte. Die Studenten hielten Versammlungen ab, gründeten eine Kasse, gründeten eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, führten eine Art Gerichtshof ein, in dem sie über ihre Kameraden das Richteramt ausübten, usw.; aber alles dieses zerstreute und beschäftigte sie so sehr, daß die Mehrzahl von ihnen, und sogar viele der Klügsten und Begabtesten, schließlich aufhörte, sich auch noch mit ihrem eigentlichen Studium zu befassen. Hinzu kam, daß es auch noch andere Unzulässigkeiten gab, d. h. Überschreitungen aller möglichen Dispense, und so entschloß sich die Universitätsbehörde zu guter Letzt, Maßregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine unbestreitbare Autorität zu sichern, erwirkte sie einen allerhöchsten Befehl, durch den Zusammenkünfte, Kassen, Deputationen und Ähnliches den Studenten verboten wurden. Der Befehl wurde während der Sommerferien ausgegeben, und als die Studenten im Herbst sich wieder auf der Universität einfanden, mußte er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten beschlossen, sich zu widersetzen, einigten sich aber auf die einzige Art von Widerstand, die mit liberalen Grundsätzen vereinbar ist, d. h. auf den ausschließlich passiven. Sie benutzten nun die verschiedensten Vorwände, um den Behörden möglichst viel Arbeit und der ganzen Sache möglichst viel öffentliches Aufsehen zu verschaffen. Und richtig brachten sie sehr geschickt den größten Skandal zustande, den man auf die Weise überhaupt in Szene setzen konnte. Die Regierung war zwei- oder dreimal gezwungen, sie mitten am Tage von der Straße in großen Scharen fortzuführen. Zur noch größeren Freude der Studenten wurden sie sogar in die Peter-Pauls-Festung gesetzt. Sie unterwarfen sich ohne Widerspruch diesem Arrest, dann der Verurteilung und Verschickung, – die für viele sehr schwer und langwährend ausfiel. Nachdem sie das getan hatten, glaubten sie, alles getan zu haben, was nötig war, d. h. sie hatten laut die Verletzung ihrer Rechte festgestellt, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe auf sich genommen, gleichsam nur darum, weil sie für ihre Forderungen einstanden.